Vincent C. Siew wurde am 3. Januar 1939 als drittes Kind einer Familie mit fünf Söhnen und zwei Töchtern in Beishewei, einer ländlichen Gegend der Stadt Chiayi, geboren.
Bildung
Siew absolvierte seine Grund- und Mittelschulbildung in seiner Heimatstadt und zog dann nordwärts nach Taipeh, um an der National Chengchi University (NCCU) ein Bachelor-Studium im Fach Diplomatie zu verfolgen. Nach dem Examen leistete er seinen Pflicht-Wehrdienst ab. Anschließend befasste er sich mit weiterführenden Studien und erwarb an der NCCU einen Magister in Völkerrecht und Diplomatie. Während seiner Jahre im öffentlichen Dienst nahm er an einem Führungs-Seminar der Georgetown University in den USA teil und erhielt eine Eisenhower-Fellowship für Kurzzeitstudien in den Vereinigten Staaten.
Laufbahn im öffentlichen Dienst
Nachdem er die Sonder-Beamtenprüfung für diplomatisches und konsularisches Personal bestanden hatte, begann Siew 1962 im Außenministerium seine Beamten-Laufbahn. Während seiner Zeit im Außenministerium diente er als Vizekonsul und Konsul am Generalkonsulat der Republik China in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. Als sich die Republik China im Jahre 1971 aus den Vereinten Nationen zurückzog, verlegte Siew sein Hauptaugenmerk auf Wirtschafts- und Handelsfragen, da er davon überzeugt war, dass ein Land seine wirtschaftliche Stärke nutzen sollte, um seinen diplomatischen Handlungsspielraum auszuweiten. Sehr gelobt wurden seine Leistungen auf seinen Posten als stellvertretender Generaldirektor und Generaldirektor des Amtes für Außenhandel, stellvertretender Minister und Minister des Rates für Wirtschaftsplanung und –entwicklung sowie als Wirtschaftsminister.
Zu Siews vielen Errungenschaften auf diesen Posten zählen die erfolgreichen Verhandlungen mit den USA für Meistbegünstigung und die Förderung großer Investitionsprojekte, welche die Wirtschaftsentwicklung außerordentlich stärkten, etwa der Bau der sechsten Naphta-Crackeranlage der Formosa Petrochemical Corporation und des Wissenschaftsparks Südtaiwan. Internationale Handelsbeziehungen weiteten sich aus, als teilweise dank Siews Bemühungen Taiwan Mitglied in der Asiatisch-pazifischen Wirtschaftlichen Zusammenarbeit (APEC) wurde und Beobachterstatus im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) erlangte, welches später in Welthandelsorganisation (WTO) umbenannt wurde. Siew trieb das Paket für Stimulierung der Wirtschaft voran, um für Taiwan ein stetiges Wirtschaftswachstum zu gewährleisten in einer Zeit, in der die Weltwirtschaft einen Abwärtstrend verzeichnete. Er startete zudem ein Programm, um Taiwan in ein regionales asiatisch-pazifisches Betriebszentrum (APROC) zu verwandeln, was den Weg für Taiwans langfristige Entwicklung im 21. Jahrhundert ebnete.
Im November 1993 und 1994 vertrat Siew Staatspräsident Lee Teng-hui auf den APEC-Gipfeln, die jeweils in Seattle und Jakarta stattfanden. Durch Diskussionen mit den Führern der APEC-Volkswirtschaften trug er dazu bei, Taiwan weiter in die Weltwirtschaft zu integrieren und das Land ins internationale Rampenlicht zu rücken.
Im Dezember 1994 wurde Siew zum Minister des Rates für Festlandangelegenheiten ernannt. Um die Entwicklung der Beziehungen über die Taiwanstraße durch wirtschaftliche Aktivitäten zu fördern, schlug er eine Reihe von Liberalisierungsmaßnahmen vor. Zum Beispiel wurde ein Offshore-Umschlagzentrum in Kaohsiung eingerichtet, um den Umschlag von Gütern zwischen China und Drittländern zu erleichtern. Außerdem wurde der Fluggesellschaft Air Macau gestattet, Flüge von Taiwan nach Festlandchina zu betreiben, solange die Flugzeuge während einer Zwischenlandung in Macau ihre Flugnummern änderten.
Im Jahre 1995 bat die regierende Nationale Volkspartei
(Kuomintang, KMT) Siew, als Vertreter seiner Heimatstadt Chiayi für einen Sitz im Legislativ-Yuan, also dem Parlament der Republik China, zu kandidieren. Nach einem harten Wahlkampf gewann er den Urnengang. Als Parlamentsabgeordneter organisierte Siew eine überparteiliche Gruppe, um Finanz- und Wirtschaftsgesetze zu beschleunigen, die den Beitritt der Republik China zur WTO sowie die Globalisierung und Liberalisierung von Taiwans Wirtschaft erleichtern sollten.
Als der Exekutiv-Yuan, also das Regierungskabinett der Republik China, im August 1997 umgebildet wurde, wurde Siew, der aus einer Bauernfamilie stammt, zum Premierminister ernannt. Sein Aufstieg in der Hierarchie der Beamtenschaft bis zum höchsten Verwaltungsamt trug ihm bei den Medien den Spitznamen „Bürgerpremier“ ein. 2000 wurde Siew zur Direktwahl des Präsidenten der zehnten Amtsperiode der Republik China von KMT-Präsidentschaftskandidat Lien Chan als Vizepräsidentschaftskandidat auserkoren. Sozialer Wandel und eine Spaltung innerhalb der KMT hatten indes den ersten Wechsel der Regierungspartei am 20. Mai 2000 zur Folge.
Während Siews Amtszeit als Premierminister überstand die Republik China die Finanz-Asienkrise 1997-1998 unbeschadet, als er das Land in Richtung stetiges Wirtschaftswachstum steuerte und dafür international gelobt wurde. Am 21. September 1999 wurde Taiwan vom verheerendsten Erdbeben in beinahe hundert Jahren heimgesucht. Siew leitete die staatlichen und zivilen Anstrengungen bei Rettung, Katastrophenhilfe, Umsiedlung und Wiederaufbauarbeiten im Erdbebengebiet und tat alles, was in seinen Kräften stand, um das Leiden zu lindern und die Auswirkungen auf die Wirtschaft so gering wie möglich zu halten. Er beaufsichtigte die Formulierung des
Zeitweiligen Gesetzes für den Wiederaufbau nach dem 921-Erdbeben und legte damit ein solides Fundament für die schwierige und umfangreiche Wiederaufbauarbeit.
Einsatz für die Wirtschaft
Nach dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst lehrte Siew an der NCCU und an der Fu Jen Catholic University und widmete sich sozialen Fragen. Angeregt durch das Beispiel der Europäischen Union und mit Rücksicht auf die Komplexität der Beziehungen über die Taiwanstraße und ihren weitreichenden Einfluss auf Taiwans Wirtschaft gründete Siew die Stiftung Gemeinsamer Markt über die Taiwanstraße
(Cross-Straits Common Market Foundation), um die Integration der Volkswirtschaften Taiwans und Festlandchinas und auch die Normalisierung des Handels über die Taiwanstraße zu fördern. Nach mehrjähriger Fürsprache wurde sein Konzept als wichtiger Aspekt in den im Jahre 2005 erzielten Konsens zwischen dem damaligen KMT-Parteivorsitzenden Lien Chan und dem Chef der chinesischen kommunistischen Partei Hu Jintao aufgenommen. Siews Initiative wurde überdies von internationalen Medien und Gelehrten in der ganzen Welt gelobt.
2002 wurde Siew zum Vorsitzenden des Chung-Hua-Instituts für Wirtschaftsforschung ernannt, um den Status und den internationalen Ruf der besten Wirtschafts-Denkfabrik der Republik China zu verbessern. Als im Jahre 2003 der Ausbruch der SARS-Epidemie wirtschaftliche Aktivitäten ernsthaft beeinträchtigte, wurde Siew von Präsident Chen Shui-bian gebeten, den Wirtschafts-Beratungsausschuss des Präsidenten einzuberufen und zu leiten. In dieser Eigenschaft unternahm Siew Diskussionen mit Denkfabriken und Wirtschaftsführern und leitete Empfehlungen für politische Maßnahmen an Präsident Chen weiter. Nach über sechs Monaten harter Arbeit und Bemühungen wurde Taiwans Wirtschaft schließlich stabilisiert. Als Siew sah, dass seine Aufgabe erfüllt war, trat er im März 2004 zurück.
Präsidentschaftswahl
Am 13. Februar 2007 kündigte Ma Ying-jeou von der KMT seine Kandidatur für die zwölfte Amtsperiode des Staatspräsidenten der Republik China an. Wegen der Bedeutung der Wirtschaftsentwicklung in Taiwan bat Ma Siew, der sein halbes Leben der Entwicklung von Taiwans Wirtschaft und internationalem Handel geweiht hatte, unter ihm als Vizepräsidentschaftskandidat anzutreten. Als Siew einwilligte, veranstaltete Ma am 23. Juni 2007 eine Pressekonferenz, auf der er seine Personalentscheidung bekanntgab, und Ma betonte, Siew solle als Chefarchitekt für die Wiederbelebung von Taiwans Wirtschaft dienen. Auf der Pressekonferenz erklärte Siew, er habe beschlossen, sich der Wahlkampagne anzuschließen, da er als erfahrener Soldat in Wirtschaftsfragen es nicht mit ansehen konnte, dass Taiwans Wirtschaft in Schwierigkeiten geriet und die Menschen unter wirtschaftlicher Not litten.
Während des Wahlkampfes half Siew Ma dabei, eine Wirtschaftspolitik „mit dem Geist, Taiwan für den Nutzen der Menschen an erste Stelle zu setzen“ zu entwerfen. Er versprach, dass er in den kommenden vier Jahren seine langjährige Erfahrung dazu einsetzen werden, Taiwans Wirtschaft „ein Licht anzuzünden“. Am 22. März 2008 wurden Ma und Siew mit großer Mehrheit zum Präsidenten und Vizepräsidenten der Republik China gewählt. Mit dem zweiten Machtwechsel zwischen politischen Parteien brach eine neue Ära in der Geschichte der Republik China an.
Eine bahnbrechende Reise
Nach seiner Wahl zum Vizepräsidenten leitete Siew vom 11. bis 13. April 2008 eine Delegation in seiner Funktion als Vorsitzender der Stiftung Gemeinsamer Markt über die Taiwanstraße, um an dem Boao-Asienforum teilzunehmen, das in der festlandchinesischen Provinz Hainan stattfand. Neben Gesprächen mit prominenten Staatsmännern wie dem ehemaligen US-Außenminister Colin Powell traf Siew auch mit Hu Jintao zusammen. Bei dem Treffen unterbreitete er Hu seine Ansichten über die Zukunft der Beziehungen über die Taiwanstraße, die er mit der Formel „sich der Realität stellen, eine neue Zukunft schaffen, Differenzen beiseite stellen und nach für beide Seiten vorteilhaften Lösungen streben“ zusammenfasste.
Die Reise nach Boao trug dazu bei, die Spannungen über die Taiwanstraße zu lindern, und sie ebnete auch den Weg für die Entwicklung konstruktiver Interaktion über die Taiwanstraße. Die Regierungen der USA und Japans drückten beide Ermutigung beim Siew-Hu-Treffen aus, das von der Medienberichterstattung im In- und Ausland als „eisbrechend“ bezeichnet wurde.
Familie
Vincent Siew misst Familienwerten und den Verbindungen zwischen Verwandten große Bedeutung bei. Seine Ehefrau Susan Chu, welche die Abteilung für internationalen Handel an der NCCU absolviert hatte, und die drei Töchter gehörten immer zu seinen stärksten Unterstützern. Die beiden älteren Töchter haben jeweils ein Magisterdiplom, sind verheiratet und leben in Taiwan. Die jüngste Tochter hat ihr Studium abgeschlossen und ist nun berufstätig.