Auf den ersten Blick scheint zwischen den Sicherheitsinteressen Europas und der südostasiatischen Länder kaum ein Zusammenhang zu bestehen. Obwohl die Asien-Europa-Konferenz sich vorrangig auf den Handel konzentriert, sind wir doch davon überzeugt, daß auch die Frage der internationale Sicherheit dort Priorität erhalten sollte. Folgende drei Schlüsselfaktoren verbinden die Sicherheit Europas mit der Ostasiens:
Erstens, das multilaterale Sicherheitssystem, das sich in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg allmählich entwickelt hat, hat die Sicherheit in Ostasien entscheidend beeinflußt.
Zweitens, der Prozeß der europäischen Integration hat die Länder Ostasiens zur Entwicklung eines Konzepts für eine asiatisch-pazifische Gemeinschaft angeregt.
Drittens, da die Interaktion zwischen Europa und Asien kontinuierlich zugenommen hat, nehmen die europäischen Länder nun mehr Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung, dem Frieden und der Sicherheit im ostasiatischen Raum.
Diese drei entscheidenden Elemente sorgen dafür, daß der Sicherheit in Europa und Ostasien der gleiche Stellenwert zukommt. Da die Republik China im Raum Ostasien eine bedeutende Wirtschaftsmacht darstellt, bildet sie logischerweise auch einen wichtigen Faktor für die Sicherheit in der Region.
Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die von den europäischen Ländern entwickelt wurde, um während des Kalten Krieges die Sicherheit aufrechtzuerhalten, hat das Konzept von Sicherheit neu definiert. Die Länder in der Region suchen nun nach Methoden, um die allgemeine Sicherheit durch multilaterale Kooperation, vertrauensbildende Maßnahmen und präventive Diplomatie zu fördern. Außerdem haben sie das Konzept von Sicherheit durch das Miteinbeziehen von Wirtschaft, sozialer Stabilität und Menschenrechten zusätzlich erweitert.
Nach dem Kalten Krieg folgte der asiatisch-pazifische Raum dem europäischen Beispiel und richtete einen regionalen und multilateralen Austausch in Sicherheitsfragen sowie kooperative Sicherheitsmechanismen ein, die in erster Linie über das ASEAN Regionalforum und in zweiter Linie über Nicht-Regierungsorganisationen betrieben werden.
Bedauerlicherweise hat die Einflußnahme der Behörden auf dem chinesischen Festland eine Teilnahme der Republik China an den offiziellen Organisationen und Konferenzen im Zusammenhang mit der multilateralen Sicherheit in Ostasien verhindert. Allerdings ist den Ländern Ostasiens inzwischen klar geworden, daß das Fehlen der Republik China bei den offiziellen Gesprächen deren potentiellen Beitrag zur regionalen Sicherheit negativ beeinflußt. Aus diesem Grund laden sie regelmäßig Vertreter Taiwans zu „inoffiziellen” Treffen wie
etwa dem Rat für Zusammenarbeit für die Sicherheit im asiatisch-pazifischen Raum (CSCAP) ein, die jedoch vom Wesen her eigentlich „offiziell” sind. Derartige Arrangements haben es der Republik China nicht nur ermöglicht, ein umfassendes Verständnis der multilateralen Sicherheitsentwicklungen in Ostasien zu erlangen, sie haben auch dazu beigetragen, daß die Länder Ostasiens mehr Verständnis für die sich verändernden Sicherheitsbedürfnisse Taiwans aufbringen.
Im Verlauf von fünf Jahrzehnten wurde Europa auf der Basis seiner Erfahrungen mit der gegenseitigen Zusammenarbeit allmählich zu einer Einheit. Es ist offensichtlich, daß die ostasiatischen Nationen noch einen weiten Weg vor sich haben, bevor sie sich in einer der EU ähnlichen Gemeinschaft organisieren können. Dennoch entwickelt sich zwischen den ostasiatischen Nationen allmählich ein Gemeinschaftsgefühl, das auf Wirtschaftsinteressen und der Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung der regionalen Sicherheit durch Mechanismen wie die APEC-Konferenzen gründet.
Obwohl sich die Länder Ostasiens hinsichtlich ihrer politischen Systeme, Ökonomien, sozialen Konventionen und Kulturen stark unterscheiden, teilen sie doch gemeinsame wirtschaftliche und Sicherheitsinteressen. Die europäische Integration kann für die ostasiatischen Nationen, die inzwischen regelmäßig über den Entwurf und die Umsetzung von politischen Maßnahmen miteinander beraten, als Beispiel dienen.
In den vergangenen Jahren wurden in den Beziehungen zwischen Europa und Ostasien deutliche Fortschritte erzielt. Insbesondere die Asien-Europa-Konferenz von 1996 führte zu häufigeren und umfassenderen Kontakten zwischen diesen beiden Regionen. Auch die Privatinvestitionen nehmen zu; Europäer suchen Geschäftspartner in Ostasien, und ostasiatische Firmen wollen Absatzmärkte in Europa entwickeln. Die zunehmende gegenseitige Abhängigkeit in Wirtschaft und Handel zwischen Europa und Ostasien macht es dringend erforderlich, daß diese beiden Regionen in den Bereichen Wirtschaft, Energie, Politik und Sicherheit eng zusammenarbeiten.
Mit ihrer wirtschaftlichen Stärke, ihrem demokratischen politischen System und ihrer Verantwortung für die Aufrechterhaltung der regionalen Sicherheit und der friedlichen Beziehungen zwischen beiden Seiten der Taiwan-Straße kommt der Republik China eine entscheidende Rolle für die Sicherheit in Ostasien zu. Als bedeutender Kapitalexporteur ist die Republik China mit dem Investitionsklima und dem Geschäftswesen in Europa vertraut.
Wie bereits erwähnt, haben politische Fragen zwischen beiden Seiten der Taiwan-Straße verhindert, daß die Republik China an vielen offiziellen europäischen und ostasiatischen Veranstaltungen teilnehmen konnte. Doch die wirtschaftlichen und politischen Tatsachen zeigen, daß das Fehlen der Republik China in internationalen Organisationen und offiziellen Konferenzen den gemeinsamen Interessen der Länder Europas und Ostasiens abträglich ist.
Daher sollten die Nationen Europas und Ostasiens für häufigere Kontakte mit der Republik China sorgen und die positiven Beiträge der Republik China zur stetigen Entwicklung der Beziehungen zwischen diesen beiden Regionen begrüßen.