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Taiwans Puppen tanzen im Wendland
Das taiwanische Puppentheaterensemble Taiyuan Puppet Theatre
Company (TPTC) , das sowohl der Bewahrung der Tradition als auch innovativen
Experimenten große Bedeutung beimisst, gibt im Herbst dieses Jahres im Rahmen
einer Europatournee Gastspiele unter anderem im Landkreis
Lüchow-Dannenberg.
von Tilman ARETZ
Puppentheater ist eine Kunstform, die
in Taiwan eine lange Tradition hat, im Laufe der letzten Jahrzehnte aber auch
eine erstaunliche Entwicklung durchmachte. Lange bevor Kino und Fernsehen im
Unterhaltungsgewerbe ihren Siegeszug antraten, waren Aufführungen mit
Handpuppen, Marionetten und Schattenpuppen eine übliche Form der Zerstreuung.
Besonders populär waren dabei Freilicht-Shows mit Handpuppen im taiwanischen
Dialekt ("Holo"), die überwiegend an lokalen Tempeln aufgeführt wurden. Wie groß
die kulturelle Bedeutung des Genres in Taiwan heute noch ist, lässt sich daraus
ersehen, dass in einer Umfrage vor wenigen Jahren taiwanisches Handpuppentheater
als repräsentativstes Image von Taiwan bewertet wurde.
Handpuppentheater war vor über 200 Jahren von Einwanderern aus
den Gebieten Quanzhou und Zhangzhou der festlandchinesischen Provinz Fujian in
Taiwan eingeführt worden. Bei diesen klassischen Handpuppenvorstellungen wurden
zunächst nur nanguan-Musik und Balladen im Chaozhou-Stil verwendet. Im
Laufe der Zeit begannen verschiedene Puppenspielmeister auch andere Musikstile
in die Handpuppen-Vorstellungen einzuflechten, etwa beiguan und
Pekingoper, und im 20. Jahrhundert kamen Einflüsse aus dem japanischen Pop sowie
westliche und taiwanische Opernmusik hinzu.
Während der japanischen Kolonialzeit (1895-1945) wurde die
Kunstform von den Japanern verboten, da sie mit einheimischen Sitten und
Religionen assoziiert wurde, welche die Machthaber im Zuge ihrer
Assimilationspolitik in Taiwan unterdrücken wollten. Nur wenigen Ensembles
wurden Aufführungen gestattet, die jedoch in geschlossenen Räumen stattfinden
und "japanische Werte" preisen mussten.
Nach der Rückgabe Taiwans an die Republik China erlebte die
Kunstform auf der Insel ein Comeback. Von den fünfziger bis zu den siebziger
Jahren nahm das taiwanische Puppentheater die Stile kommerzieller Theater in
seine Vorstellungen auf. Als das taiwanische Puppentheater in den siebziger
Jahren für das Fernsehen entdeckt wurde, vollzogen sich auch Veränderungen an
den Puppen selbst. Die kleinen Puppen im klassischen Handpuppentheater waren
ungefähr 30 Zentimeter hoch und besaßen einen handgeschnitzen Holzkopf, der
Alter und Geschlecht des dargestellten Charakters verriet. In den fünfziger
Jahren wurde das "Goldlicht"-Theater die Hauptform des in Taiwan aufgeführten
Handpuppentheaters. Zur Anpassung an die Anforderungen wurden die Puppen auf 45
Zentimeter vergrößert, ihre Köpfe in groteskere Formen geschnitzt, und ihre
Kostüme wurden schlichter.
In den siebziger Jahren wurden die Puppen für die Puppenshows im
Fernsehen noch weiter vergrößert, und zwar auf die doppelte Größe von 90
Zentimetern, mit beinahe lebensgroßen geschnitzten Köpfen. Die
Kabelfernseh-Anstalt Pili Interna tional zum Beispiel produziert ausschließlich
TV-Handpuppentheater. Die endlosen Abenteuer ihrer Puppen-Helden in einer
zeitlosen, mythischen Welt, die direkt aus chinesischen Ritterromanen entlehnt
ist, brachten im Laufe der Jahre eine beachtliche Fangemeinde hervor.
Neben den Puppen machten auch die Kulissen für das
Handpuppentheater im Laufe der Zeit drastische Änderungen durch. Die klassischen
Handpuppen-Vorstellungen waren auf recht schmalen verzierten hölzernen Türmen
aufgeführt worden. Die "Goldlicht"-Vorstellungen der fünfziger Jahre wurden
dagegen auf breiteren Bühnen mit einer einfachen gemalten Kulisse aufgeführt, so
dass die größeren Puppen mehr Bewegungsspielraum hatten. In den siebziger Jahren
wurde im Fernseh-Puppentheater nicht länger eine feste Bühne benutzt,
stattdessen kamen dort bei den Vorstellungen komplizierte, veränderliche
dreidimensionale Kulissen zur Anwendung, die dem Puppenspieler bei der
Handhabung der Puppen noch größere Freiheit gewährten. In diesem langen Ablauf
von Veränderungen und Entwicklung verwandelte sich das Handpuppentheater in ein
einzigartiges Genre taiwanischen Dramas mit taiwanischen kulturellen
Merkmalen.
Zwar gibt es heute für das taiwanische Puppentheater im Hinblick
auf Sprache und Inhalte keinerlei politische Beschränkungen mehr, doch der
gesellschaftliche Wandel durch Modernisierung und Wirtschaftswunder sowie die
Konkurrenz durch moderne Medien blieben für das Genre nicht ohne Folgen. Nicht
nur schrumpfte das Publikum, auch beim aktiv praktizierenden Nachwuchs musste
ein empfindlicher Schwund hingenommen werden, und heute existieren nur noch
wenige feste Ensembles.
Die Taiyuan Puppet Theatre Company, abgekürzt TPTC, entstand
verhältnismäßig spät, nämlich im Jahr 2000, und sie hat ihren Sitz im Lin
Liu-hsin Puppet Theatre Museum, welches die Kultur- und Kunststiftung Taiyuan
Arts and Culture Foun dation in einem historischen Gebäude im alten Stadtteil
Dadaocheng im Westen von Taipeh einrichtete. Früher war Dadaocheng ein wichtiges
Handelsviertel direkt am Danshuei-Fluss, heute haben sich dort viele
traditionelle Schausteller-Ensembles niedergelassen, die wie Anno dazumal an
Tempeln auftreten, um das allgemeine Publikum und die Götter gleichermaßen zu
unterhalten. Heute ist der Shahai-Stadtgotttempel so wie früher ein örtliches
religiöses Zentrum und damit ein wichtiger Schauplatz für Puppentheater und
Taiwanoper.
TPTCs wichtigster Puppenspieler und Berater ist Chen Hsi-huang,
der älteste Sohn des berühmten taiwanischen Puppenspielmeisters Lee Tien-lu
(1910-1998), der 1931 das Puppenensemble I-Wan-Jan gegründet hatte und dessen
Leben 1993 von dem namhaften Regisseur Hou Hsiao-hsien verfilmt wurde (Der
Puppenspieler). Der heute 78-jährige Chen setzt die kreativen Beiträge
seines Vaters zum taiwanischen Puppentheater fort, indem er neue Geschichten
erzählt, neue Puppenbewegungen und Stile entwirft und dabei doch der Kunst
traditioneller Vorstellungen treu bleibt.
Seine Kollegen im TPTC verehren Chen als "lebendige
Schatztruhe". Von seinem Vater erlernte er nicht nur die Handhabung der Puppen,
sondern schaute ihm auch das Schnitzen der Puppen, Kostümdesign, Schreiben von
Stücken und Regieführung ab. Selbst heute gibt der betagte Chen noch über 200
Vorstellungen im Jahr. "Chens Spielkunst ist so fein", lobt Wu Shan-shan, die
Aufführungs-Koordinatorin und Direktorin von TPTC, Chens Umgang mit den
Handpuppen. In Kampfszenen raufen Ritter miteinander, fliegen manchmal durch die
Luft, doch ebenso überzeugend spielt Chen die Umarmung eines jungen
Liebespaares, das bei einem bewegenden Abschied nur schwer voneinander loskommt.
Bescheiden weist Chen darauf hin, dass die von ihm verwendeten Puppen mehr
Gelenke haben als übliche Handpuppen. "Dank der zusätzlichen Gelenke können die
Puppenspieler feinere Bewegungen präsentieren", sagt er. "Manches sieht
schwierig aus, etwa wenn eine Puppe einen Salto schlägt, was in Wirklichkeit
leicht ist. Anderes sieht einfach aus, ist es aber nicht, zum Beispiel Ausdruck
von Emotionen."
Bewahrung der Tradition ist ein wichtiger Schwerpunkt von TPTC,
das zweite unverzichtbare Standbein ist Innovation. Wie kein anderes
taiwanisches Puppentheater-Ensemble ist TPTC offen für Anregungen und Einflüsse
aus dem Westen. Zu verdanken ist dies vor allem Wu Shan-shan, die in Belgien und
den USA westliches Theater studierte, und dem 1963 geborenen niederländischen
Sinologen Robin Ruizendaal, der nach seiner Promotion über chinesisches
Puppentheater 1993 nach Tai wan zog und im Jahr 2000 das TTT Puppet Center
gründete; "TTT" steht für "Toa Thiu Thia", die taiwanische Aussprache von
Dadaocheng, wo Ruizendaals Zentrum sich befindet. Als Mitbegründer von TPTC und
maßgeblicher Dramaturg hat Ruizendaal erheblich zur Kreativität und Lebendigkeit
der Produktionen beigetragen.
TPTC erkundet die unterschiedlichen Möglichkeiten traditionellen
Puppentheaters und setzt sich dabei hinsichtlich Form und Stil keine Grenzen.
Die Überprüfung der Traditionen taiwanischen Puppentheaters geht Hand in Hand
mit der Aufnahme neuer Elemente westlicher Theaterkonzepte und methoden. TPTC
arbeitet "an der Schaffung einer organischen, lebendigen modernen Tradition",
beschreibt Wu. "Wenn wir neue Werke schaffen, haben wir keine festen Regeln,
diese können dann durch Übung und Lernen Gestalt annehmen." Neben
Freilichtaufführungen im alten Stil veranstaltet TPTC zudem moderne Bühnenshows,
bei denen die Schausteller, Schauspieler und Musikanten miteinander in
Interaktion treten.
Beispiele für die einzigartige Vermählung von Alt und Neu findet
man praktisch in allen Werken des Ensembles. Ein Paradebeispiel dafür ist TPTCs
Debüt-Werk aus dem Jahr 2001 mit dem Titel Marco Polo, in dem die
Handlung auf der Begegnung zwischen Ost und West aufbaut. In dem Stück wird die
Geschichte in der traditionellen Form der Erzählweise taiwanischen
Puppentheaters präsentiert, doch der Dialog springt zwischen der italienischen
Sprache und Holo hin und her, und der musikalische Hintergrund besteht aus einer
Mischung aus nanguan-Musik und Streichduetten des italienischen
Komponisten Mattia Peli. In Marco Polo wurden sowohl italienische
Fantoccini-Puppen als auch traditionelle taiwanische Puppen eingesetzt, die
allesamt eigens für das Stück kreiert worden waren.
Eine taiwanische Version von Robin Hood mit dem Titel Liao
Tianding -- Ein Mord in Taipeh spielt in der japanischen Kolonialzeit in
Dadaocheng, der Heimat von TPTC. Im Mittelpunkt steht der Held Liao Tianding,
der sich zwischen Gut und Böse entscheiden muss. Das Stück ist bemerkenswert
wegen der Spannung und auch der Tiefe der Charaktere, wie man sie sonst in
traditionellen Puppentheater-Aufführungen nur selten erlebt. Taiwanische Oper,
Holo-Pop und japanische enka-Balladen beschwören die vergangene goldene
Zeit von Dadaocheng herauf.
Ein weiteres bahnbrechendes Stück ist La Boite (Die
Kiste), eine Koproduktion von TPTC mit der Compagnie des Zonzons aus dem
französischen Lyon. Die Liebesgeschichte aus der Feder von Ruizendaal, Wu,
Philip Auchere und Stephanie Lefort bestach das Publikum mit dem kreativen
Einsatz einer riesigen Kiste, die in der Mitte der Bühne aufgebaut wurde und als
Mehrfachbühne für die Puppen und die Schauspieler gleichermaßen diente. Das
herausragende Bühnendesign tauchte Elemente des französischen
Guignol-Puppentheaters und des taiwanischen Puppentheaters in ein neues Licht.
Bei der musikalischen Begleitung gelang die harmonische Kombination des
chinesischen Zupfinstruments Pipa mit der westlichen Harfe und dem
Akkordeon.
TPTCs erfolgreiche Verbindung von Tradition und Innovation
gefällt nicht nur den Zuschauern, sondern gewann nach Auslandstourneen ab 2003
in Europa und Lateinamerika auch das Lob internationaler Kritiker. In der
französischen Theaterzeitschrift Les Trois Coups wurde La Boite als
"visuelles Wunder" gelobt, das "unglaubliche Dynamik und Energie"
enthalte.
Im September und Oktober darf sich das Publikum in Tschechien,
Frankreich, Deutschland und Ungarn auf Vorstellungen von TPTC freuen. Im Rahmen
des 1. Internationalen Marionetten-Festivals Lüchow-Dannenberg "Puppets for
People" wird TPTC zwischen dem 13. und dem 25. Oktober dieses Jahres vier Mal
auftreten -- zwei Mal in Lüchow, ein Mal in Lübeln und ein Mal in Dannenberg.
Daneben ist noch ein Gastspiel im Museum für Völkerkunde in Hamburg vorgesehen.
Ohne Zweifel wird TPTC den Zuschauern wieder einmal beweisen, dass Taiwans
reiche Puppentheater-Tradition unsterblich ist, da sie stets bemüht ist, die
ehrwürdige Kunst in Gefilde jenseits der Vorstellungskraft des Publikums zu
führen.
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