MALEREI

Die tapfere Welt des Herzens

Motorräder, Militärdienst und in jüngster Zeit ein Kampf gegen Krebs konnten Tung Wu-yis rasanten Aufstieg in Taiwans Welt der Aquarellmaler nicht aufhalten.

von Jim HWANG
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Tung Wu-yi

Selbstporträt (2004).
Aquarell, 56 x 56 cm



„Dies ist eindeutig eine eigene Klasse“, urteilte einer der Juroren des Aquarell-Wettbewerbs bei der Kunstausstellung Hsinchu 2004 über ein Gemälde mit dem Titel PM 3:50. Die anderen Preisrichter sahen das ebenso, und so ging der erste Preis des Wettbewerbs an den Schöpfer von PM 3:50, den Maler Tung Wu-yi. Doch während alle Juroren sich über Tungs künstlerische Leistung einig waren, fragten sie sich doch selbst die gleiche Frage: „Mit einem solchen Können müsste der Kerl schon als etablierter Künstler bekannt sein, wie ist es möglich, dass ich seinen Namen noch nie gehört habe?“

Das war allerdings nicht die Schuld der Juroren, denn Tung hatte erst im Jahr 2000 mit dem Malen von Aquarellen angefangen, und die Ausstellung in Hsinchu war einer seiner ersten Auftritte bei Kunstwettbewerben. Tung, 1967 als Sohn einer Bauernfamilie im nordtaiwanischen Landkreis Hsinchu geboren, verbrachte während seiner Grundschulzeit den größten Teil seiner Freizeit auf den Feldern, wo er entweder bei der landwirtschaftlichen Arbeit half oder spielte. Erst in der Mittelschule begann er, unter der Anleitung eines Kunstlehrers Interesse an Malerei zu zeigen. In der Mittelschule legte er großes Talent an den Tag, und sein Kunstlehrer riet ihm, zur Fortsetzung seiner Studien die Fu Hsing Trade and Arts School im Landkreis Taipeh zu besuchen, eine der besten Kunstschulen Taiwans. Allerdings lief nicht alles so, wie Tung es sich vorgestellt hatte, und er landete schließlich an der Designabteilung der Taibai-Oberschule in Taipeh.

Mit seinem Aquarell Empfindliche Beziehungen gewann der Maler Tung Wu-yi 2005 den ersten Preis der Kunstausstellung Hsinchu.


Rebellisch, wie ein Teenager nun einmal sein kann, verbrachte Tung seine drei Oberschuljahre größtenteils damit, Unfug zu treiben, und er war geradezu besessen von den illegalen Mopedrennen, die damals viele Jugendliche in ihren Bann zogen. „Damals gab es zwei Dinge, mit denen ich nicht viel Zeit zubrachte, nämlich Lernen und Malen“, rekapituliert Tung seine Oberschulzeit. „Es war keine große Überraschung, dass ich in die Armee ,aufgenommen‘ wurde [zum Pflichtwehrdienst] und nicht in die Kunstabteilung einer Uni.“

Mopeds und Armeegewehre hielten Tung wohl davon ab, wieder zum Malpinsel zu greifen, doch abtöten konnten sie seinen Drang zum Malen nicht. Nach Abschluss seines Wehrdienstes zog Tung nach Hsinchu, heiratete und wurde Vater, nahm sein altes Gewerbe als Grafik-Designer wieder auf und machte dann ein Café auf. Das Leben war nicht schlecht, doch irgendwie fehlte etwas. „Ich denke, tief innen wollte ich immer malen“, vermutet Tung. „Ich hatte keine Ahnung, wie großen Spaß es mir wirklich machte, bevor ich wieder zu den Malutensilien griff.“ Im Jahr 2000 begann Tung an seiner Aquarelltechnik zu arbeiten und lernte durch Teilnahme an Ausstellungen und Anschauen von Sammlungen, um hinterher das, was er gesehen hatte, für sich in die Praxis umzusetzen.

Abgesehen von seinem Mittelschul-Kunstlehrer gibt es für Tung noch einen anderen Menschen, der einen profunden Einfluss auf sein künstlerisches Streben hatte. Hsu Sheng-min ist weder Künstler noch Kunstlehrer, sondern betreibt seit mehreren Jahrzehnten ein Geschäft, in dem man Gemälde und Kalligrafien rahmen lassen kann, und er hat seine eigenen Ansichten über Kunst entwickelt, die er bereitwillig mit anderen teilt. Ab und zu organisiert Hsu kleine Ausstellungen für junge Künstler in seinem Geschäft. Wegen seiner Gastfreundlichkeit wurde der Laden zum Treffpunkt für Künstler, wo sie ihre Gedanken austauschen, Kunstwerke kommentieren und über Techniken fachsimpeln können. Besuche in Hsus Laden gaben Tung zahlreiche Gelegenheiten, die Bekanntschaft anderer Künstler zu machen und von ihnen zu lernen. „Ich war so in Freundschaften und Kunst vertieft, dass ich mich nicht davon trennen konnte und wollte“, behauptet Tung.

Bild von Wuling (2008).
Aquarell, 56 x 76 cm



Als Themen findet man in Tungs Gemälden alles von ländlichen Dörfern bis zu Stadtszenen und Porträts. „Ich liebe die Natur, und ich versuche, im Leben gewöhnlicher Menschen Themen zu finden“, erläutert Tung. „Ich suche im normalen Leben nach Großartigkeit oder vielleicht nach Ewigkeit an einer Straßenecke.“ Möglicherweise ist das der Grund dafür, dass man auf Tungs Bildern in der Regel mondäne Themen sieht, die aber irgendwie die Herzen der Betrachter bewegen können.

Die Tatsache, dass Tung wenig formale Ausbildung bei Malerei erhalten hat, schien seine Fortschritte bei der Malereitechnik nicht aufzuhalten. Der bekannte Aquarellmaler und Professor an der National Taiwan University of Arts (NTUA) in Panchiao (Landkreis Taipeh) Hsieh Ming-chang war einer der Juroren bei der Kunstausstellung Hsinchu 2004 und hat Tungs Werke seit jenem Wettbewerb weiter beobachtet. Laut Hsieh hat Tung unablässig Maltechniken von anderen Künstlern aufgenommen, wobei er die Techniken anpasste und sein eigenes Können perfektionierte. „Er ist talentiert, begierig zu lernen, malt aus Vergnügen und hat wirklich Freude daran“, zählt er auf. Für Hsieh ist Tung „ein schlafendes Talent, dessen Seele nun erweckt wurde“.

Als Tung weitere Wettbewerbe gewann, darunter nach seinem Triumph 2004 zwei zusätzliche erste Preise in Folge bei den Kunstausstellungen in Hsinchu, erhielt er auch Anerkennung von Kunstkreisen und Sammlern. Im Jahre 2007 bot man Tung die Gelegenheit für seine erste Solo-Ausstellung, die dann im Juli 2008 in einer vom Kulturamt der Stadt Hsinchu betriebenen Galerie stattfinden sollte. Doch Ende 2007, als Tung fleißig neue Bilder für die Ausstellung malte, wurde bei ihm ein Nasopharynxkarzinom (Nasenrachenkrebs) diagnostiziert.

Danshui (2008).
Aquarell, 76 x 56 cm



Wie bei vielen Menschen, denen eröffnet wird, dass sie Krebs haben, so war auch bei Tung die erste Reaktion Schock, Frustration und das Gefühl „wieso ich?“, doch er fing sich bald wieder. Zehn Wochen Chemotherapie waren schmerzhaft und schwächten ihn beträchtlich, doch er arbeitete weiter. Seine Ausstellung mit dem Titel „The Brave World of Heart“ (zu Deutsch: Die tapfere Welt des Herzens) fand wie geplant statt. Zwar konnte Tung nicht so viele neue Gemälde fertigstellen, wie er ursprünglich für die Ausstellung vorgesehen hatte, doch er vollendete etwa 30.

Tungs Krebs ist inzwischen in Rückbildung begriffen, er muss sich jedoch regelmäßigen Nachuntersuchungen unterziehen. „Leben ist ein Abenteuer“, schrieb er in dem Vorwort eines Buches, das den gleichen Titel wie seine Solo-Ausstellung trägt und eine Sammlung seiner Arbeiten enthält. „Und für mich ist Kunst das Element, das mir den Mut verleiht, meinen Weg durch das Leben zu gehen.“

(Deutsch von Tilman Aretz)