UNTERHALTUNG
Geschichte eines guten Geschichtenerzäh
lers
Wei Te-sheng, Regisseur und Drehbuchautor von Cape No. 7, arbeitet
bereits an seinem nächsten Projekt. (Foto: Courtesy Ars Film Production)
Der heute 40-jährige
Wei Te-sheng, der aus dem südtaiwanischen Landkreis Tainan stammt, verspürte
erstmals die Anziehungskraft der Welt des Kinos, als er seinen Militärdienst
ableistete und einen Armeekameraden kennen lernte, der den ganzen Tag lang von Filmen
quasselte. Anfang der neunziger Jahre tauchte der studierte Elektrotechniker in die
Welt der laufenden Bilder ein und verdingte sich zunächst als Fernsehprogrammassistent,
dann als Continuity, die beide dem Regisseur und dem Cutter assistieren. Später
arbeitete er für das Studio von Edward Yang, einem der wichtigsten Vertreter
der taiwanischen Bewegung „Neue Welle-Kino“ in den achtziger Jahren, und er wurde
Assistenzregisseur in dem Streifen Mahjong, der bei der Berlinale 1996 den
Sonderpreis der Jury erhielt. Nach Weis Worten ging Yang, der 2007 starb, mit einer
sehr ernsthaften Einstellung ans Werk, und Yang war der einflussreichste Regisseur
in Weis Karriere.
Für den größten Teil von Weis Laufbahn war jedoch das einheimische Filmgewerbe ein ungünstiges Milieu für Filmproduktionen. Er konnte nur phasenweise im Kinobereich arbeiten und beschrieb sogar in einem 2002 erschienenen Buch seine Frustration als arbeitsloser Filmemacher. Andererseits war sein Talent seit langem bei vielen in der einheimischen Kinoszene anerkannt. Bislang wurde er drei Mal mit dem GIO-Preis für hervorragende Drehbücher ausgezeichnet.
Sein erstes, 1994 mit einem Preis bedachtes Drehbuch wurde später zu dem Film About July, einem 1999 abgedrehten Streifen von 72 Minuten Länge, der mit dem Tod eines Familienvaters im siebten Mondkalendermonat, also dem chinesischen Geistermonat, anfängt. Der Film wurde bei einem Kurzfilmfest in Taipeh vorgestellt, kam aber nicht in die Kinos. About July hinterließ jedoch bei vielen einen tiefen Eindruck, unter anderem bei dem Regisseur Chen Kuo-fu, der Wei daraufhin bat, bei der Produktion seines Filmes Double Vision mitzuwirken, einem Thriller, welcher der erfolgreichste einheimische Film des Jahres 2002 werden sollte.
In den anderen beiden Drehbüchern von Wei, die Preise erhielten, geht es um Taiwans Ureinwohner. Eine Geschichte mit dem Titel Seediq Bale über einen Ureinwohnerhelden, der während der japanischen Kolonialzeit (1895-1945) gegen die Japaner kämpft, gewann 2000 als Drehbuch Anerkennung und wurde vier Jahre später von Wei für einen Spielfilm weiterentwickelt. Wei, der knapp bei Kasse war, kratzte über 2 Millionen NT$ (47 600 Euro) für einen 5-minütigen Trailer des Films mit hoher Qualität zusammen, um damit potenzielle Investoren zu beeindrucken. Zwar erhielt der Trailer, der heute auf YouTube zu bewundern ist, viel Lob, doch Wei muss noch die geschätzten 300 Millionen NT$ (7,14 Millionen Euro) aufbringen, die er für die Vollendung des Werkes benötigt. Das hat ihn allerdings nicht im Geringsten abgeschreckt. „Wenn aus einer Chance nichts wird, dann bedeutet das, dass eine größere Chance auf mich wartet“, beschreibt der Regisseur seine Einstellung beim Umgang mit Hindernissen.
2004 begann die Geschichte von Cape No. 7 in seinem Geist Gestalt anzunehmen, und zwei Jahre später gelang es ihm, einen Antrag auf einen Zuschuss von 5 Millionen NT$ (119 000 Euro) vom GIO genehmigt zu bekommen. Allerdings reichte die finanzielle Hilfe der Regierung gemeinsam mit anderweitiger Unterstützung von zwei Unternehmen aus dem Bereich Filmproduktion für einen Regisseur mit großen Zielen bei weitem nicht aus, denn normalerweise braucht man in Taiwan für die Herstellung eines einheimischen Spielfilms rund 10 Millionen NT$ (238 100 Euro). Anstatt bei seinen Plänen Kompromisse zu machen, beschloss Wei, sich weitere 30 Millionen NT$ (714 280 Euro) zu leihen, um seine Vision von Cape No. 7 zu realisieren, und die Gesamtkosten erreichten am Schluss rund 50 Millionen NT$ (1,19 Millionen Euro).
„Alle Leute in seiner Umgebung rieten ihm davon ab, so viel Geld für den Film auszugeben“, weiß Jimmy Huang, der ausführende Produzent des Films. „Sie meinten, es sei zu riskant. Doch er war beharrlich, und seine Hartnäckigkeit ist der Hauptgrund für den Erfolg des Films.“
„Ich habe auf die Chance auf Erfolg gewartet, seit ich in die Kinowelt eingestiegen bin“, behauptet Wei. „Einmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, es aufzugeben, aber ich war einfach nicht bereit, mich mit diesem Schicksal abzufinden. In diesem Sinne bin ich wie die männliche Hauptfigur in dem Film.“ A-ga, der Protagonist in Cape No. 7, findet schließlich in seiner Heimatstadt Hoffnung und Liebe.
Nun, da sich die Entschlossenheit des Regisseurs endlich ausgezahlt hat, ist es wahrscheinlich, dass die Produktion seines nächsten Filmes Seediq Bale auf neue Probleme stoßen wird, am Ende genügend Kapital anzulocken. Tatsächlich wurden die Dreharbeiten für das Projekt im Oktober vergangenen Jahres wiederaufgenommen. „Ich habe diesen Film vier Jahre lang geplant, und das Storyboard ist bereits fertig“, verkündet Wei. Es sieht so aus, als ob er auf dem besten Wege ist, die Herzen der Zuschauer erneut zu bewegen und seine eigenen Rekorde für Kinoeinnahmen in Taiwan herauszufordern.
(Deutsch von Tilman Aretz)