GEWERBE
Auf dem Holzweg
Ein Ehepaar verwandelte ein traditionelles Gewerbe in eine Touristenattraktion, die Kindern eine lustige und praktische Erfahrung ermöglicht.
von Audrey WANG
Fotos: HUANG Chung-hsin
Figuren
und Spielzeug aus Holz eignen sich hervorragend dazu, die Phantasie von Kindern anzuregen.
Eine Führung
durch die "Mutou Wood Magic Factory" (zu Deutsch etwa "Mutou-Holzmagiefabrik";
mutou ist das chinesische Wort für Holz) in der zentraltaiwanischen Stadt
Taichung beginnt mit einer Frage. "Wie sieht dieses Stück Holz aus?"
fragt der "Holzmagier", der die Besuchergruppe führt und auf ein riesiges
unregelmäßig geformtes Holzbrett zeigt, das am Eingang der Fabrik aufgestellt
ist. "Eine Hand", antwortet ein Kind sofort. "Ein Hirsch!" ruft
ein kleiner Junge. "Eine Amöbe", sagt ein kleines Mädchen mit
einem schüchternen Lächeln. Der Magier und Fabrik-Inhaber Chiang Ming-wei
strahlt vor Freude, während die Antworten von den Kindern und den sie begleitenden
Eltern immer kreativer werden. Er spornt sie an, einzigartige Antworten zu geben,
wie er sie nie zuvor gehört hat, um ihre Kreativität anzuregen, bevor die
eigentliche Führung beginnt.
Bevor sie zur nächsten Station auf der Führung aufbrechen, erläutert Chiang den Kindern, dass das Brett, das sie sehen, in Wirklichkeit aus 7 bis 10 Zentimeter langen schmalen Holzstreifen besteht, die mit Klebstoff bedeckt und dann zusammengepresst wurden. Der Fachbegriff für dieses Holzprodukt ist Grobspanplatte, ein gewerblicher Standard im Holz- und Baugewerbe sowie im Herstellungsbereich. Chiang erklärt den Unterschied zwischen Grobspanplatten und Sperrholz -- sie werden auf ähnliche Weise hergestellt, aber Grobspanplatten sind stärker. Chiang fordert die Kinder auf, das Brett anzufassen, damit sie spüren, wie es sich anfühlt, und er rät ihnen, später zu Hause mehr Informationen über das Material im Internet zu suchen.
Die Fabrik ist die erste und einzige Touristenattraktion des Landes, die direkte Erfahrung bei der Herstellung von Holzgegenständen bietet. Chiang und seine Ehefrau Chang Pi-tao gründeten die Fabrik im Jahre 1979 zur Produktion von pädagogischem Holzspielzeug. Damals galt Taiwan als "Königreich für Kinderspielzeug", da das Land ein bedeutender Fabrikant und weltweit größter Exporteur von Kinderspielzeug war. Unter den zahlreichen Spielzeugproduzenten Taiwans war Chiang einer der wenigen, die den größten Teil ihrer Ware auf dem Inlandsmarkt verkaufen wollten. "Es gab eine verbreitete und doch ironische Redensart, dass die Kinder im Königreich für Kinderspielzeug selbst keine Spielsachen hatten", erinnert sich Chiang und fügt hinzu, die ursprüngliche Geschäftsidee entstand durch den Bedarf seiner Frau für Spielzeug, als sie als Kindergärtnerin tätig war.
Chiang schreibt den Beschluss, sich auf den Inlandsmarkt zu konzentrieren, dem Streben zu, seinem Unternehmen zu helfen, die Schwierigkeiten in Taiwans Herstellungssektor durchzustehen, seit dieser ab Anfang der neunziger Jahre seinen Wettbewerbsvorteil an China und südostasiatische Länder verlor. Wegen seiner Vertrautheit mit dem Inlandsmarkt konnte Chiang sein Geschäft in Richtung Produktion von Spielplatzausstattung und Freizeiteinrichtungen für lokale Parks und Schulen lenken. Seine Fabrik war einer von nur fünf Fertigungsbetrieben, die damals von der Regierung eine Lizenz für die Herstellung solcher Anlagen erhielten.
Mit dem rasanten Wachstum des taiwanischen Immobilienmarktes und den vielen Parks, die damals angelegt wurden, erreichte das Geschäft in den neunziger Jahren seinen Höhepunkt. Der Boom hielt indes nicht lange an und litt besonders unter dem katastrophalen Erdbeben am 21. September 1999. "Das gesamte Baugewerbe erreichte nach dem Erdbeben einen Tiefpunkt, und unsere Firma wurde mit in den Abgrund gerissen", bemerkt Chiang. Während er sich an einen immer kleiner werdenden Markt klammerte, reifte in Chiang die Erkenntnis, es könnte vielleicht wieder einmal Zeit für einige Veränderungen sein. Aufgrund mehrerer Ereignisse danach begannen Chiang und seine Frau ihre Fabrik von einem anderen Blickwinkel aus zu sehen.
Eine ernsthafte Anfrage eines Ausländers, die Maschinen und Materialien der Fabrik für die Herstellung eines Kinder-Bücherregals benutzen zu dürfen, machte bei Chiang großen Eindruck. Der Geschäftsmann erkannte, dass die Fabrik auf eine Weise mit der Öffentlichkeit geteilt werden könne, die über die Produktion von Holzartikeln hinausging. Ein anderes Mal, als einige Freunde von Chiang ihn in der Fabrik besuchten, nahm Chiangs damals zehn Jahre altes jüngstes Kind die Sprösslinge der Besucher in eine Ecke mit, wo sie aus Abfallholz einfache Hocker bastelten. Mit dem Gedanken daran, wieviel Freude die Kinder dabei gehabt hatten, entwickelte Chiang seine Pläne weiter.
Die Idee für ein Besucherzentrum nahm langsam Gestalt an, und im Jahre 2005 gab das Paar sich einen Ruck und begann damit, einen großen Teil der Fabrik in eine touristische Stätte umzuwandeln. Im September 2007 wurde die Stätte schließlich für den Publikumsverkehr eröffnet. Heute produziert die Fabrik immer noch Spielplatzgerät und andere Holzgegenstände, doch der Touristenbereich umfasst eine Holzwerkstatt, eine Zone für Holzmalerei, ein "Haus der Holzpuzzles", ein Café, dessen Dekoration aus Treibholz so bemalt wurde, dass es wie verschiedene Vögel aussieht, und einen Souvenirladen mit Holzspielzeug aller Art. Die Werkzeuge und Maschinen im Besucherbereich werden ausschließlich vom Personal bedient, um Holzbearbeitungstechniken vorzuführen. Besucher können mit vorgefertigten Bastelsets aus der Fabrik einfache Holzobjekte zusammensetzen. Die Fabrik beschäftigt immer mindestens 10 bis 12 Vollzeit- oder Teilzeitangestellte neben Chiang und Chang.
Laut Chiang wurde die Eröffnung der Touristenfabrik nie offiziell mit einer Veranstaltung wie dem traditionellen Durchschneiden eines Bandes oder so angekündigt, dafür stützt man sich überwiegend auf die Website www.mutou-wood.com und Mundpropaganda, um Besucher anzulocken. Bislang sind nach seinen Worten die Einkünfte durch den Touristenpark zusammen mit dem Holzgeschäft vergleichbar mit dem Einkommen des Paares vor dem Start der Führungen für Touristen, als die Fabrik noch eine größere Fläche hatte. Allerdings sind die Gewinne immer noch deutlich niedriger als während des Booms in den neunziger Jahren, aber Chiang sieht in Zukunft für das Touristenzentrum ein enormes Entwicklungspotenzial.
Nachdem
der Schreiner, der der Kindergruppe etwas vorführen will, um einen freiwilligen
Assistenten gebeten hat, melden sich die begeisterten Kinder in Scharen.
Eigenhändige Erfahrungen
Über 200 Gruppen, oder annähernd 10 000 Besucher, zumeist Lehrer und Schulkinder, haben seit der Eröffnung den Park besucht. Viele kommen, um eigenhändige Erfahrungen bei der Holzbearbeitung zu machen, was man sonst in den meisten Grund- und Mittelschulen des Landes nicht geboten bekommt. Ein Halbtagsausflug umfasst in der Regel einen Rundgang durch die Fabrik, Zeit zum Spielen mit anspruchsvollen Holzpuzzles, sowie eigenhändigen Zusammenbau einfacher vorgefertigter Bausätze aus der Fabrik, die am Schluss zur Vervollständigung des Projekts noch bemalt werden.
Nach den Worten von Hsu Li-yuan, Dozentin an der Kunstabteilung der National Taichung University (einem College, das Grund- und Mittelschullehrer ausbildet), können Ausflüge wie eine Klassenfahrt zur Holzfabrik die begrenzten Einrichtungen und Materialien einer Schule ausgleichen. "Die meisten Kunstwerke, welche die Schüler in der Schule fertig stellen, sind eindimensional, doch Kunst kann Formen mit viel mehr Möglichkeiten annehmen", findet sie.
Laut Hsu spielen Kreativität und Lebensstilästhetik in der Kunsterziehung der jüngsten Zeit eine immer wichtigere Rolle, und eigenhändige Erfahrung ebenso. Wenn Schüler die Gelegenheit haben, Gegenstände für den täglichen Gebrauch herzustellen, etwa einen Hocker, einen Stuhl oder einen Behälter, dann fangen sie an zu begreifen, dass Kunst eine praktische Rolle in ihrem Leben spielen kann, wirbt sie. Das kann ihre Kreativität anregen und sie dazu motivieren, Werke aus Materialien zu basteln, zu denen sie leichten Zugang haben, so Hsu. Sie fügt hinzu, es sei für Schüler auch von Nutzen, etwas über die Erfahrung der Fabrikinhaber zu lernen, ein schrumpfendes traditionelles Unternehmen in ein kreatives Kulturgewerbe umzuwandeln.
Die derzeitige Mallehrerin der Fabrik, Liao Tsai-mei, sieht das ähnlich. Liao unterrichtete vor ihrer Pensionierung als Kunstlehrerin an der Heping-Grundschule in Taichung und sagt, "durch die Verbindung von Kunst mit Lebensstil-Erziehung [in diesem Fall Arbeiten mit Holz] hilft die Fabrik den Kindern, eine vielfältigere Ausbildung zu bekommen". Sie ist oft verblüfft darüber, wie gut die Kinder sich konzentrieren, wenn sie ihr fertiges Holzarbeit-Projektstück bemalen.
Neben dem Können beim Malen und der Fähigkeit zum Kunstgenuss nutzt Liao die schnell trocknenden Eigenschaften der Acrylfarben in der Fabrik, um den Schülern den Gedanken einzuimpfen, dass es in der Kunstwelt keine Fehler gibt. "Ich bringe ihnen bei, einfach eine neue Farbschicht aufzutragen, wenn sie es vorher versehentlich vermasselt haben", verrät Liao. "Durch diese zusätzliche Schicht kann ihr Werk etwas werden, was sie nicht erwartet hatten."
Nach Ansicht der Mit-Inhaberin Chang Pi-tao kann die Heranführung von Kindern an Holzbearbeitung durch die einfachen vorgefertigten Handwerksmodelle der Fabrik den Kindern das Gefühl ersparen, von künstlerischem Schaffen verschreckt oder frustriert zu werden. "Anders als bei einer anspruchsvollen Holzskulptur kann jedes Kind damit fertig werden", behauptet sie.
Laut Lehrerin Liao können die Kinder von heute oft nicht so geschickt mit ihren Händen umgehen wie Kinder früher, deswegen betont sie, wie wichtig es ist, durch eigenhändige Tätigkeit zu lernen. "Durch Aktivitäten wie Basteln oder Puzzles können Kinder ihre Hand-Augen-Koordination und ihre mentale Kreativität verbessern", versichert Liao. Sie betrachtet die traditionelle Bildungsmethode, die sich ausschließlich auf Lesen konzentriert, als "Flug im Hubschrauber", weil die Kinder dadurch ein akademisches Ziel schneller und ohne jegliche Ablenkungen erreichen, unterwegs aber viele wertvolle Lebenserfahrungen versäumen.
Sonderschullehrerin Lai Ya-jen von der Pei-Hsin-Mittelschule in Taichung entschied sich im vergangenen Semester für die Holzfabrik als Ziel für einen Klassenausflug. Im Rahmen des Lehrplans hilft Lai Schülern, deren Behinderungen von mittlerer bis zu schwerer geistiger Behinderung reichen, praktische Fertigkeiten zu erwerben, die ihnen in ihrem Alltagsleben nützen oder die sie für eine zukünftige Berufstätigkeit weiterentwickeln können.
Zwar war der einmalige Besuch der Klasse in der Holzfabrik nicht als Schulungsprogramm in Schreinerei vorgesehen, doch laut Lai war er in anderer Hinsicht wertvoll. Die vielen vollendeten Handwerksprojekte, die in der Fabrik ausgestellt sind, waren für die Schüler gute Vorbilder, denen sie nacheifern und die sie nachahmen konnten. Ihre Klasse arbeitete sehr fleißig, um die in der Fabrik ausgestellten Arbeiten früherer Besucher zu kopieren, so Lai.
Bei anderen Kindern hat ein Besuch in der Fabrik durch die simple Freude, erfolgreich Dinge zu machen, langfristige kreative Interessen entfacht. Chang erinnert sich an einen Anruf von einem Paar aus Taipeh, in dem die beiden ihr dafür dankten, ein solches Unternehmen zu betreiben. "Sie sagten mir, nach einem Besuch in der Fabrik hörte ihr kleiner Sohn auf, Computerspiele zu spielen, und verbrachte hinterher den größten Teil seiner Freizeit damit, Kunstwerke zu schaffen und zu zeichnen."
Kindern eine eigenhändige Erfahrung in ihrer Fabrik zu geben, ist für Chang einfach ihre Methode, eine wunderschöne Kindheitserinnerung für sie zu schaffen, so wie ihre Mutter es einmal für sie und ihre Geschwister getan hatte. Chang war in der Gemeinde Shueili im Landkreis Nantou aufgewachsen, die für ihren Tee berühmt ist, und zu ihren üblichen Aufgaben nach Schulschluss gehörten Pflücken von Teeblättern auf der Teefarm der Familie und häusliche Arbeiten. In den Ferien belohnte ihre Mutter die Kinder oft damit, dass sie sie zum Angeln von Fischen oder Garnelen am kleinen Fluss in der Nähe mitnahm, und während des Ausflugs wurden als Snack Süßkartoffeln in Holzkohle gegrillt. "Diese Erinnerungen, selbst die zuweilen anstrengende Arbeit des Teepflückens, habe ich bis heute", meint sie. "Sie sind das Beste, was eine Mutter ihren Kindern geben kann." Chang betont daher, wie wichtig es ist, Kindheitserinnerungen zu schaffen, indem man den Kindern Gelegenheiten bietet, eine Vielfalt manueller Tätigkeiten zu verrichten, die sowohl Spaß machen als auch lebensnah sind.
Wandel der Einstellung
Diese neue Rolle ist indes nicht frei von Schwierigkeiten, und Chiang und Chang stießen bei der Umstellung auf Probleme, so wie es vielen Unternehmen geht, in denen sich wesentliche Veränderungen vollziehen. Sie sind sich einig, dass die größte Herausforderung ein Sinneswandel war -- vom Hersteller zum Anbieter touristischer Dienstleistungen. "Nehmen sie mal unsere Schreinermeister als Beispiel", plaudert Chiang. "In der Vergangenheit konnten sie bei der Arbeit laut singen, konnten sich anziehen, wie sie wollten oder sogar mit nacktem Oberkörper rumlaufen. Heute müssen sie jedoch daran denken, dass jederzeit ein Tourist vorbeikommen könnte. Früher ging es uns nur darum, qualitativ hochwertige Produkte herzustellen. Heute muss ich darüber nachdenken, wie ich mit den Besuchern umgehe und die Kinder zum Lachen bringe." Damit beschreibt er auch die Veränderungen, als er mit Führungen in der Fabrik anfing. Chiang musste überdies lernen, kreativ und aufmunternd zu sein, wenn er mit Kindern redet und spielt. Chang meint, sie pflegte früher unverblümt und direkt zu sprechen, doch heute macht sie sich gelegentlich Sorgen, ihre offene Persönlichkeit und Sprechweise könnte manche Besucher vor den Kopf stoßen. "Jetzt sind wir Teil des so genannten Dienstleistungsgewerbes, und das ist eindeutig ein großer Unterschied", seufzt sie.
Dennoch lohnen sich die Anstrengungen für das Paar, und Chiang ist überzeugt, dass die Gemeinschaft vereint dabei helfen sollte, die kommende Generation zu erziehen. Nach seinen Worten ist die Einführung in Holzarbeit, welche seine Fabrik mit den vorgefertigten Handwerksbausätzen bietet, nur die erste Stufe seines Planes. In der Zukunft will er in den Maschinen, die derzeit für Vorführungen benutzt werden, mehr Sicherheitsvorrichtungen einbauen, so dass die Kinder die Maschinen persönlich ausprobieren können. Chiangs Fernziel ist, einen Ort zu schaffen, wo Kinder ihre eigenen Holzartikel selbst von Anfang an erst entwerfen und dann herstellen können.
Obwohl der aktuelle Betrieb noch in den Kinderschuhen ist, freut Chiang sich, dass so viele einheimische Kinder aus Freude am Handwerklichen herkommen und manche Teenager sogar auftauchen, um vom schulischen Druck eine Atempause zu gewinnen. "Viele meiner Freunde sagten mir, ich müsse übergeschnappt sein, einen solchen Laden selbst zu schmeißen, und ich hätte das Land verscheuern sollen, um damit einen fetten Reibach zu machen", kolportiert Chiang. "Es widerspricht aber meiner Natur, jeden Penny umzudrehen. Ich glaube, Kinder sind unser wertvollster Schatz."
(Deutsch von Tilman Aretz)