TOURISMUS

Hakka-Zeit!

Eine vier Wochen lange Festzeit für die Paulownien-Blüte gibt der Kultur der Hakkas und dem taiwanischen Fremdenverkehrsgewerbe gleichermaßen Auftrieb.

von Oscar CHUNG

(Foto: Courtesy Council for Hakka Affairs)


An einem sonnigen Sonntagnachmittag Ende April herrschte im San Tend Coffee mehr Kundenandrang als üblich. Hunderte von Menschen fuhren zu dem Lokal in Tongsiao, einem Küstenort im nordwesttaiwanischen Landkreis Miaoli, um zu speisen oder unter den blühenden Bäumen in der Nähe spazieren zu gehen. Anschließend suchte man sich ein Plätzchen auf einer angrenzenden Wiese und lauschte den Darbietungen des Freiluftkonzerts, Teil des einen Monat dauernden Hakka-Paulownienblütenfests 2008.

Weißt du noch?
Weißt du noch?
Der Wind bläst sanft.
Der Wind weht durch die Tür.
Doch wo geht er hin?

Der Text dieses Hakka-Liedes, komponiert von dem Musiker Hsieh Yui-wei, der bei der Veranstaltung auftrat, klang inmitten der Kampferbäume und Paulownienbäume voller weißer Blüten auf dem Gelände nach. "Ich hoffe, dieses Lied kann ein paar Kindheitserinnerungen zurückbringen", verkündete der 40-jährige Sänger und Komponist, selbst ein Hakka, seinem Publikum. Das Lied handelt von seinen Erinnerungen an Sommerferien, die er vor Jahrzehnten bei seiner Oma in einer Hakka-Gemeinde in Taoyuan südwestlich von Taipeh verbrachte.

Am Vortag hatten sich Tausende von Besuchern zu einem alten Eisenbahnhof ein Stück von der Küste weg in der Gemeinde Sanyi (Landkreis Miaoli) aufgemacht. Dort wanderten sie an den stillgelegten Gleisen inmitten von Paulownienbäumen entlang, ein Bild, das die gleiche Nostalgie wie in Hsiehs Lied heraufbeschwört. Die Veranstaltung, die ebenfalls im Rahmen des Paulownienblütenfestivals stattfand, begann mit einer traditionellen Musikdarbietung mit den Acht Musiktönen der Hakkas, was die Atmosphäre bereicherte. Die Acht Musiktöne stammen ursprünglich aus Zentralchina und beziehen sich auf acht Materialien, die zur Herstellung traditioneller Musikinstrumente verwendet wurden, nämlich Metall, Stein, Saiten, Bambus, Flaschenkürbisse, Keramik, Tierhaut und Holz. Die suona, ein Blasinstrument höherer Tonlage, steht bei solchen Vorstellungen oft im Vordergrund.

Während der Paulownienblüten-Saison zwischen Mitte April und Mitte Mai feiern viele Orte auf der ganzen Insel die Schönheit der Blüten und vor allem die Hakka-Kultur, die oft unweit dieser Bäume lebendig ist. Tucheng, ein Städtchen südlich von Taipeh, war vielleicht der erste Ort in Taiwan, in dem man das touristische Potenzial der Blüten ernsthaft auszunutzen begann. Seit 1994 feiert der Ort sein eigenes Paulownienblütenfest und besitzt den einzigen Park in Taiwan, in dem die Pflanze bewundert werden kann. Auf der Ebene der Zentralregierung startete der Rat für Hakka-Angelegenheiten (Council for Hakka Affairs, CHA), der 2001 offiziell seine Mission zur Förderung der Hakka-Kultur begann, im Jahre 2002 ein Festival im Zusammenhang mit den Paulownienbäumen. Die eintägige Veranstaltung im Städtchen Gongguan (Landkreis Miaoli) umfasste auch ein Ritual, das in einem Hain aus Paulownienbäumen stattfand. Bei dem Ritual beteten Vertreter des CHA zu Erde und Natur und brachten Opfergaben in Form von Tee, Yams und Ingwer dar, also Dinge, die im alltäglichen Leben traditioneller Hakka-Gemeinden eine unverzichtbare Rolle spielen.

Im Jahr darauf wurde die Veranstaltung zu einem dreiwöchigen Fest erweitert, das vor allem in den nordtaiwanischen Landkreisen Taoyuan, Hsinchu und Miaoli gefeiert wurde; in dieser Region leben über die Hälfte aller taiwanischen Hakkas, die insgesamt ein Viertel der Inselbevölkerung ausmachen. Im Laufe der Jahre vergrößerte sich der Umfang des Festivals und erfasste in diesem Jahr erstmals auch Südtaiwan, als der Landkreis Yunlin in die Liste aufgenommen wurde.

"In Yunlin leben Zehntausende von Shaoan-Hakkas", berichtet Liu Chien-cheng, Sektionschef im Kulturamt der Kreisverwaltung Yunlin. "Ihr Dialekt ist um 50 Prozent von Taiwans zwei vorherrschenden Hakka-Regionaldialekten Sihsien und Hailu abweichend." So äußerte sich Liu auf einer Pressekonferenz Anfang April, auf welcher der Auftakt des diesjährigen Festivals angekündigt wurde, und wies damit auf die Einzigartigkeit der Hakka-Kultur in Yunlin hin. Die meisten Hakkas in Taiwan stammen aus der südchinesischen Provinz Guangdong und sprechen entweder Sihsien oder Hailu, doch viele können ihre Vorfahren nach Shaoan zurückverfolgen, einem Ort im Südteil der an Guangdong grenzenden festlandchinesischen Provinz Fujian.

"Bitte kommen Sie nach Yunlin und bewundern Sie die Schönheit der Paulownienblüten, trinken Sie eine Tasse Kaffee und schauen Sie sich eine traditionelle Puppentheatershow an", appellierte Liu im Rahmen der Werbung für Touristenattraktionen in seiner Heimatstadt, so wie es auch die Vertreter anderer Lokalverwaltungen taten, die an der Vorbereitung des Festivals beteiligt waren. Jede Region hat ihre eigene Methode, für das Blütenfestival zu werben, und der Landkreis Yunlin möchte daraus Kapital schlagen, um gleichzeitig sein traditionelles Handpuppentheater-Gewerbe sowie in der Gegend angebauten Kaffee, der in den letzten Jahren recht bekannt wurde, zu fördern. Derzeit gibt es in der Gegend des im Landkreis Yunlin gelegenen Hebao-Berges recht viele Kaffeefarmen, und die Landschaft ist zudem von zahlreichen Paulownienbäumen-Wäldchen gekennzeichnet.

Der Barde Hsieh Yui-wei bei einer musikalischen Darbietung im Landkreis Miaoli während des Hakka-Paulownien-blütenfestes 2008. (Foto: Chang Su-ching)


Umwelt im Vordergrund

Die Kreisverwaltung Miaoli bietet unterdessen an den Wochenenden während des Festivals einen freien Busdienst zwischen Taipeh und Miaoli, damit Touristen bei den lokalen Veranstaltungen dabei sein können. Die Kreisverwaltungen Hsinchu und Taichung betreiben Kurzstrecken-Pendelbusse zwischen Touristenzielen und den Bahnhöfen der Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn. "Der Gedanke des Umweltschutzes wurde in das Festival aufgenommen, deswegen arrangieren die Lokalverwaltungen bequeme öffentliche Verkehrsmittel und organisieren viele Wander- und Radfahr-Veranstaltungen", sagt Lee Yung-te, bis Mai dieses Jahres CHA-Minister.

Insgesamt sieben Lokalverwaltungen in Nord- und Zentraltaiwan plus Yunlin in Südtaiwan haben mit dem CHA zusammengearbeitet, um das diesjährige Festival zu fördern und seinen Gehalt zu bereichern. Der CHA und die Lokalverwaltungen initiierten eine gemeinsame Werbung für Touristenziele und Gewerbe in der gesamten Region, und der Rat erstellte eine Broschüre mit Details über viele Wanderpfade, wo die Blüten häufig zu sehen sind. Die Broschüre umfasst auch Kunsthandwerk-Ateliers und gastronomische Betriebe, die an dem Festival beteiligt sind, und Besucher können in Läden, wo Hakka-Produkte verkauft werden, beim Vorzeigen der Broschüre sogar Rabatt bekommen. Insgesamt gab es dieses Jahr etwa 92 Verkaufsstellen mit über 4000 Artikeln aus dem Hakka-Themenbereich, 78 Hakka-Restaurants sowie verschiedene Erholungsstätten und Privat-Gastunterkünfte.

Feiern mit Stil

Der CHA und der private Sektor arbeiten gemeinsam daran, das Ereignis zu fördern, indem ein ästhetischer Aspekt der mit dem Festival zusammenhängenden Produkte entwickelt wird, verkündet Grace Juang, stellvertretende CHA-Ministerin und seit 2003 für das Ereignis zuständig. Die Fotografin Juang, deren Werke im Taipei Fine Arts Museum ausgestellt wurden, arbeitet seit 2006 mit lokalen Unternehmern im kulturellen Kreativgewerbe zusammen und hilft ihnen dabei, Handelsware mit Paulownienblüten-Motiven zu entwerfen und zu verpacken. Der CHA beauftragt Profi-Designer mit der Herstellung professioneller Verpackung und überprüft die Entwürfe, bevor die Fertigprodukte in Hakka-Gemeinden verkauft und vermarktet werden. Die Behörde kauft zudem einen Teil der Ware für den Weitervertrieb über besondere Kanäle wie einem Laden im Wolkenkratzer Taipei 101 und dem internationalen Flughafen Taiwan Taoyuan.

In diesem Jahr ließ sich der CHA von den Veranstaltern des Kirschblütenfests in Japan anregen, und der Rat beauftragte zwei Fernsehstationen damit, aktuelle Informationen über den gegenwärtigen Zustand der Paulownienblüten in mehreren Städten als Teil ihrer Wettervorhersagen bekanntzugeben. "Dann kann man erfahren, wann man wo hinfahren muss, um die Blüten zu bewundern", wirbt Ex-Minister Lee.

Nach sieben Jahren zeitigt das Festival positive Ergebnisse. "Dank der Bemühungen der Regierung konnten wir hier Bilder der Paulownienblüte erfolgreich mit der Hakka-Kultur verbinden, selbst wenn man die Pflanze auch in Gegenden sehen kann, die von Nicht-Hakkas dominiert sind", sagt der Musiker Hsieh Yui-wei. Gemeinsam mit anderen politischen Maßnahmen zur Förderung der Kultur und Sprache der Hakkas in den letzten Jahren trug das Fest auch dazu bei, dass man diese ethnische Gruppe besser versteht.

Und dann ist da noch der wirtschaftliche Nutzen. Laut Chang Guo-chi, Manager im San Tend Coffee, das in diesem Jahr erstmals an dem Festival teilnahm, stiegen die Einkünfte des Restaurants an dem Sonntag, an dem Hakka-Musikveranstaltungen stattfanden, gegenüber den normalen Sonntagen um 50 Prozent. Das Festival war außerdem sowohl eine Ermutigung als auch eine Inspiration für die Jinlon-Töpferei in Miaoli, die seit Jahrzehnten Keramikartikel herstellt. Wegen der zunehmenden Beliebtheit des Festivals kann man heute Bilder der Paulownienblüte auf dem Keramik-Tischgeschirr sehen, welches eine der wichtigsten Produktlinien der Firma darstellt. "Viele Hakka-Restaurants haben das Geschirr bestellt", freut sich der Firmeninhaber Lee Chin-min.

Doch das Hauptziel besteht darin, dass diese Feierlichkeiten Taiwans wichtigstes Blumenfest und ein bedeutender Mag net für ausländische Touristen werden können, erklärt Ex-Minister Lee. Die stellvertretende Ministerin Grace Juang hält dieses Ziel nur dann für erreichbar, wenn Touristen die Blüten ohne allzu große Schwierigkeiten finden und bewundern können, was nach ihren Worten zur Zeit noch nicht der Fall ist. "In Japan haben die Touristen das Gefühl, dass die Kirschblüten in der Blütesaison überall sind", meint sie. "Es ist leicht, sie zu finden." Das ist der Grund, warum der CHA heute mit mehr Orten wie dem San Tend Coffee zusammenarbeitet, die direkt an Stellen mit einer hohen Dichte von Paulownienbäumen sowie anderen Touristenattraktionen liegen. Jede der Stätten des Festivals sollte wegen der Art der Erholung, welche sie zu bieten hat, ausgewählt werden, rät Juang, "wie die Wanderpfade an der alten Eisenbahnstrecke in Sanyi". Das Paulownienblütenfestival muss noch die Knospen eines internationalen Ereignisses austreiben, doch es hat das Zeug dazu, sich zu einem typisch taiwanischen Festival zu mausern.

(Deutsch von Tilman Aretz)