BILDUNG
Für das Leben lernen wir
Lebenslanges Lernen in verschiedenen Formen hat weitreichende gesellschaftliche Implikationen und wird sich auch auf die Wettbewerbsfähigkeit des Landes auswirken.
von Pat GAO
Fotos: HUANG Chung-hsin
Dieser
Kurs der Volkshochschule Yungho fand im Freien am Sindian-Fluss im Landkreis Taipeh
statt. Volkshochschulen sind zum größten einzelnen Kanal für Programme
zum lebenslangen Lernen geworden.
In einem Japanisch-Sprachkurs
an einem Sommernachmittag in diesem Jahr hörten etwa 20 Schüler ihrem Lehrer
zu, machten sich Notizen und antworteten auf seine Fragen. Die meisten Teilnehmer
des Kurses waren Frauen zwischen 30 und 50 Jahren, darunter eine buddhistische und
eine katholische Nonne, und sie besuchten den Kurs im Rahmen ihres Studiums an der
National Open University (NOU) in der Stadt Lujhou, Landkreis Taipeh. Seit die "Nationale
Offene Universität", wie man den Namen der NOU auf Deutsch übersetzen
kann, im Jahre 1986 gegründet wurde, bemüht die Lehranstalt sich, flexibles
Lernen "überall und jederzeit" mit Kursen zu bieten, die in Klassenräumen,
aber auch übers Fernsehen, Radio und das Internet erteilt werden. Die Klassengemeinschaft
auf dem Campus in Lujhou war Teil der NOU-Studentenschaft, die im Schuljahr 2007-2008
16 300 Studierende umfasste, darunter auch Schüler in der Junior College-Sektion
der Lehranstalt und an 13 lokalen Zentren im ganzen Land. Im gleichen Zeitraum nahmen
rund 15 500 Studierende an ähnlichen Programmen in drei anderen "offenen"
Schulen teil, darunter der Open University im südtaiwanischen Kaohsiung und
den Open University-Abteilungen von Colleges in Taipeh und Taichung.
Zusammen macht die Altersgruppe 25 bis 74 beinahe 64 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Einen Weg zu finden, einer so großen Zahl von Menschen außerhalb des normalen oder formalen Bildungssystems bequeme Lerngelegenheiten zu bieten, ist ein Hauptziel bei den Bemühungen der Regierung, lebenslanges Lernen zu fördern. "Wenn man die Fähigkeit der Menschen pflegt, in allen Phasen des Lebens zu lernen, hat das sowohl persönliche Vorteile für die Personen selbst als auch positive Auswirkungen auf die Gesellschaft", wirbt Li Ming-fen, Vorsitzende der Abteilung für Erwachsenen- und Weiterbildung in der Pädagogischen Hochschule Taiwan (National Taiwan Normal University, NTNU).
Zwar lockt die Übernahme neuer Informationstechnologien in den "offenen" Schulen nun auch jüngere Schüler an, doch wurden die Institutionen überwiegend für Erwachsene geschaffen, welche die regulären Anforderungen für Hochschulzulassung nicht erfüllen oder die bequemere Lernoptionen suchen. Viele der Kursteilnehmer sind Geschäftsleute, die ihr Können erweitern oder ihre Karriereaussichten vergrößern möchten -- nicht weniger als 20 Prozent der NOU-Studierenden geben für sich einen geschäftlichen Hintergrund an. Solche Eigen-Motivation unterscheidet die NOU-Studierenden von ihren jüngeren Kommilitonen, erklärt Chen Sung-po, Präsident der NOU. "Unsere Studierenden sind stärker motiviert und lernen fleißiger als die in den regulären Universitäten", behauptet er.
Die NOU wurde gemäß einem spezifischen Statut eingerichtet, das zu Taiwans Universitätsgesetz hinzugefügt wurde. Die meisten Studierenden der Hochschule stützen sich erheblich auf unterschiedliche Formen von Fernstudium und sind zwischen 25 und 64 Jahre alt, eben die breite Altersgruppe, welche die Politik zum lebenslangen Lernen als Ziel hat. Nach den Worten von Chu Nan-shyan, Direktor der Abteilung für Sozialerziehung im Bildungsministerium, welches die Hauptverantwortung für die Programme zum lebenslangen Lernen trägt, ist selbst dieses Altersspektrum möglicherweise nicht breit genug. Er weist auf Taiwans rasch alternde Gesellschaft hin, in der die Zahl der Senioren über 65 Jahre jeden Tag um schätzungsweise 400 ansteigt. Laut Chu hat seine Abteilung in den letzten Jahren zusätzliche Programme entwickelt, um auch Personen der Altersgruppe 64 bis 74 zu erfassen.
Sozialerziehung
In Taiwan wurden in den letzten Jahren mehrere Begriffe benutzt, die gewissermaßen austauschbar sind, unter ihnen Erwachsenenbildung, Sozialerziehung und lebenslanges Lernen. Alle diese Begriffe haben ihre Grundlage im Sozialerziehungsgesetz, das 1953 verkündet wurde, also vier Jahre, nachdem die von der Nationalen Volkspartei (Kuomintang, KMT) gebildete Regierung der Republik China das Festland verließ und nach Taiwan kam. Li von der NTNU meint, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bevor die KMT-Regierung sich nach Taiwan zurückzog, ihre Bemühungen zu Sozialerziehung in Festlandchina sich von Alphabetisierungsprogrammen für Erwachsene zu Berufsschulung und Verbreitung von Informationen über öffentliche Angelegenheiten wandelten. Diese unterschiedlichen Anstrengungen bei Sozialerziehung wurden zumeist von Staatsdienern, Gelehrten und lokalen Meinungsführern umgesetzt, so Li. Sie erläutert, dass damals das chinesische Festland sowohl inneren Unruhen als auch Druck von außen durch aggressive ausländische Mächte ausgesetzt war, und Sozialerziehung zielte vor allem darauf ab, die Öffentlichkeit für diese politischen Krisen zu sensibilisieren und ein Gefühl chinesischen Nationalstolzes zu erzeugen.
Von den fünfziger bis zu den siebziger Jahren wurde mit der Sozialerziehung in Taiwan weiterhin eine Art des Nationalismus genährt. Das Sozialerziehungsgesetz beschreibt die Förderung des "nationalen Geistes" und Kenntnisse über Landesverteidigung als Hauptziele. Gleichzeitig wurde Taiwans Sozialerziehungssystem von Japan beeinflusst, das Taiwan von 1895 bis 1945 als Kolonialmacht beherrscht hatte. Li weist darauf hin, dass Taiwan das japanische Modell des Aufbaus von Organisationen für Sozialerziehung sowohl auf landesweiter als auch auf lokaler Ebene übernommen hat. Dies führte zu einer Institutionalisierung der Bildungspolitik und garantierte ihre Verbreitung in allen Gesellschaftsschichten.
Bis heute haben Bildungsbehörden der Zentralregierung und der Lokalverwaltungen eigene Abteilungen, die für Sozialerziehung zuständig sind. Zu diesen zählen Sozialerziehungszentren, Kulturzentren, Bibliotheken, Museen, Wissenschaftszentren, Kunstgalerien, Konzerthallen, Theater, Gedächtnisstätten, Sportzentren, zoologische Gärten sowie Unterhaltungseinrichtungen für Kinder und Teenager. Dieses Jahr wurden vier größere Sozialerziehungszentren in Hsinchu, Changhua, Tainan und Taichung in "Zentren für lebendige Kunst" umbenannt und unterstehen nun dem Rat für Kulturangelegenheiten (Council for Cultural Affairs, CCA), einer Behörde im Ministeriumsrang, wobei ihre Verwaltung sich auf Kultur-, Kunst- und Gemeindeprojekte konzentrieren soll.
Wichtige Organisationsnetze
Trotzdem meint Chu vom Bildungsministerium, dass viele der kleineren Zentren und andere Einrichtungen unter den Fittichen der Sozialerziehungsbehörden weiterhin wichtige Organisationsnetze sind, über die lebenslanges Lernen gefördert wird. "Wenn man die Kluft zwischen Stadt und Land bei verfügbaren Lernressourcen bedenkt, stellen diese Organisationen einen grundlegenden Kanal für die Bereitstellung volkstümlicher Bildung dar", definiert Chu.
Zum Beispiel arbeitet das Bildungsministerium in diesem Jahr daran, diese lokalen Einrichtungen zu nutzen, um Gemeinde-Pflegezentren für Senioren im ganzen Land zu entwickeln. Das Projekt, das in manchen Gegenden in Zusammenarbeit mit dem Innenministerium ausgeführt wird, soll 100 "Alten-Lernzentren" aufbauen, wo Kurse zu Themen wie Medizin, Vermögensverwaltung, familiäre Beziehungen und kultureller Tourismus angeboten werden, außerdem Diskussionsgruppen, in denen man über Leben und Tod reflektiert.
Laut Chu wird die Zusammensetzung von Taiwans älterer Bevölkerung vielfältiger, und er zeigt auf, dass beispielsweise viele Ruheständler der Nachkriegsgenerationen gesundheitlich und finanziell besser dran sind als frühere Seniorengenerationen, und sie sind auch besser gebildet. Chu sieht überdies eine Gelegenheit für politische Maßnahmen, die sowohl einzelnen Senioren als auch der ganzen Gesellschaft nützen. "Die Regierung kann durch lediglich kleine Investitionen in Lernprojekte für Senioren enorm viel gewinnen", wirbt er. "Indem ältere Mitbürger an Veranstaltungen teilnehmen und soziale Kontakte haben, anstatt alleine zu Hause vor der Flimmerkiste zu hocken, können sie sowohl ihre geistige als auch ihre körperliche Gesundheit verbessern und brauchen weniger medizinische Ressourcen." Darüber hinaus rechnet man damit, dass solche Projekte den täglichen Druck, für ihre älteren Familienmitglieder zu sorgen, der in der Regel auf den jüngeren Generationen lastet, vermindern helfen.
Manche dieser Alten-Lernzentren wurden in Grund- oder Mittelschulen mit unbenutzten Unterrichtsräumen eingerichtet. Viele dieser Schulen haben außerdem "ergänzende Klassen" für erwachsene Lerner entwickelt. Laut Bildungsministerium boten 310 von den 2651 Grundschulen des Landes sowie 241 der 740 Mittelschulen im Schuljahr 2007-2008 solche Kurse an.
Diese ergänzenden Programme waren ursprünglich als Förderunterricht in grundlegender Alphabetisierung und Rechenfähigkeiten für Erwachsene vorgesehen, die in ihrer Kindheit die Schule aus welchen Gründen auch immer nicht abgeschlossen hatten, doch heute erfüllen sie außerdem ein anderes soziales Bedürfnis, das an Bedeutung gewinnt. Von den insgesamt 27 932 Schülern und Studierenden, die für das Schuljahr 2007-2008 in solchen Klassen angemeldet waren, waren etwa die Hälfte aus anderen Ländern eingewanderte Ehepartner, zumeist Frauen aus Festlandchina und südostasiatischen Ländern. Manche Schüler besuchen den Unterricht, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, andere möchten mehr über Taiwans Geschichte und Kultur erfahren. Heute leben über 400 000 eingewanderte Ehepartner in Taiwan, was das Bildungsministerium im Jahre 2005 dazu veranlasste, ein vierjähriges "Kulturprojekt" zu starten, um eigens für neue Einwanderer pädagogische Ressourcen zu entwickeln, und dazu gehört gleichfalls die Entwicklung der Programme für lebenslanges Lernen.
Senioren
bei Kursen, welche ein Lernzentrum im Bezirk Shihlin im Norden Taipehs anbietet.
Für Senioren gibt es immer mehr Lernmöglichkeiten in einem wachsenden Themenbereich.
Ein offener Geist
Im Laufe der letzten zehn Jahre wurden neben Dienstleistungen für lebenslanges Lernen für bestimmte soziale Gruppen wie Senioren oder neue Einwanderer auch Programme für die erwachsene Bevölkerung insgesamt erweitert und diversifiziert. Im Jahre 1996 wurde die Entwicklung einer "lernenden Gesellschaft" in die Vorschläge für Bildungsreformen aufgenommen, die von der Kommission für Bildungsreform im Exekutiv-Yuan vorgelegt wurden. "Lebenslanges Lernen" wurde seitdem als eine Einstellung anerkannt, die in jedem Alter und in verschiedenen Umfeldern wie daheim, am Arbeitsplatz und bei Freizeitaktivitäten offen ist für neue Gedanken und neues Wissen. Im Jahre 2002 wurde das Gesetz für lebenslanges Lernen verabschiedet -- es definiert lebenslanges Lernen als jegliche Lern-Aktivität, an der man während seines Lebens teilnimmt. Man nimmt an, dass lebenslanges Lernen in diesen unterschiedlichen Formen weitreichende soziale Implikationen hat und zur nationalen Wettbewerbsfähigkeit beitragen wird. Das Gesetz sieht außerdem vor, dass die Regierung es zur Priorität machen sollte, Lernmöglichkeiten und Ressourcen benachteiligten Gruppen zugänglich zu machen, etwa Ureinwohnern, Familien mit geringem Einkommen sowie körperlich oder geistig behinderten Menschen.
Ein bedeutender Bereich, der in dem Gesetz erwähnt wird, ist das auf Arbeit beruhende Lernen -- was man auch berufsbegleitende Fortbildung nennen kann -- für Angestellte zur Verbesserung ihres Wissens und Könnens. Schulung im beruflichen Bereich wird im gesamten öffentlichen und privaten Sektor gefördert, wobei führende Schulungsprogramme durch öffentliche Preise vom Beschäftigungs- und Berufsschulungsamt im Rat für Arbeitnehmerangelegenheiten (Council of Labor Affairs, CAL) anerkannt werden. Viele berufsbezogene Kurse wie MBA- und EMBA-Programme hängen eng mit den Weiterbildungskursen zusammen, welche im ganzen Land von Universitäten angeboten werden. Tatsächlich entpuppt der Sektor sich für Universitäten als lukrativer Bereich, in dem sie sich einen Namen machen können, analysiert Chu vom Bildungsministerium. "Jetzt kann man mehr Studierende sehen, die abends zur Uni gehen als am Tag", bemerkt er. Manche aufstrebenden Unternehmen wie das Xue Xue Institute in Taipeh bieten zudem Kurse für die Entwicklung spezialisierter beruflicher Kenntnisse oder Schulung für jene, welche die Gründung einer eigenen Firma anstreben. NTNU-Professorin Li Ming-fen meint, Taiwan scheint recht geschickt dabei zu sein, Wirtschaftsmanagern und Mitgliedern der Mittelklasse Lernmöglichkeiten anzubieten, allerdings stehe dies offenbar im Kontrast zum Mangel an Gelegenheiten für benachteiligte Gruppen.
Volkshochschulen sind ein anderer Bereich, der im Gesetz für lebenslanges Lernen behandelt wird, und in den letzten 10 Jahren mauserten sich diese Volkshochschulen zum größten einzelnen Anbieter von Programmen zum lebenslangen Lernen im ganzen Land. Die Volkshochschulen werden von Kreis- oder Stadtverwaltungen eingerichtet anstatt von der Zentralregierung, und die meisten werden von gemeinnützigen Gruppen betrieben. Im Schuljahr 2007-2008 gab es in Taiwan 78 Volkshochschulen mit rund 210 000 Kursteilnehmern. Die Zahl stellt über die Hälfte der fast 400 000 erwachsenen Lerner dar, die sich Schätzungen zufolge an organisierten Lernprogrammen beteiligen, einschließlich denen, die an offenen Universitäten angemeldet sind, Fortbildungskurse an regulären Universitäten, Mittelschulen, Oberschulen und Berufsschulen besuchen, und ergänzende Kursangebote von Mittel- und Grundschulen wahrnehmen. Nach den Worten von Liu Chiung-hsi, Geschäftsführer eines Volkshochschul-Entwicklungsverbandes im osttaiwanischen Landkreis Taitung, macht diese Zahl weniger als 3 Prozent von Taiwans Bevölkerung der Altersgruppe 25 bis 64 aus. Im Vergleich dazu nehmen etwa 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Südkorea und 40 Prozent in EU-Ländern an Erwachsenenbildung in der einen oder anderen Form teil, so Liu. "Die Beteiligung an lebenslangem Lernen hinkt weit hinter anderen entwickelten Ländern hinterher, auch wenn Taiwans reguläres Bildungssystem von Grundschule bis Universität an sich nicht schlecht ist", bemängelt Liu.
Könnte besser sein
Chen Sung-po von der NOU meint, die Korea National Open University in Südkorea habe neun Mal so viele Studierende wie seine Schule, obwohl Südkoreas Bevölkerung nur doppelt so groß ist wie die von Taiwan. "Die Regierung sollte erwägen, unserer Schule mehr Ressourcen zukommen zu lassen, etwa indem die Kurse rund um die Uhr in einem eigenen Fernsehkanal zur Verfügung stehen, so wie es bei den Koreanern der Fall ist", regt Chen an. "Unsere Studierenden sollten in der Lage sein, Lernmöglichkeiten ebenso leicht wahrzunehmen wie einen Abstecher zum Supermarkt um die Ecke zu machen." Die NOU organisiert eine Volkshochschule auf der vorgelagerten Insel Kinmen, und bislang könnten diese Gemeinde-Einrichtungen in Städten und Kreisen auf ganz Taiwan das sein, was einer idealen Vermählung von Lernen und Bequemlichkeit am nächsten kommt.
Unterdessen arbeitet das Bildungsministerium an der Anerkennung von Kursen und Zeugnissen von Volkshochschulen und anderen Organisationen. Auf diese Weise könnten solche Zertifikate an der NOU und regulären Universitäten wie der National Taitung University -- wo Liu als Professor am Institut für Lebenswissenschaften lehrt -- anerkannt werden, so dass Volkshochschulabsolventen Zugang zu diesen Universitäten erhalten könnten. Gleichzeitig hoffen manche Volkshochschulen und andere Anbieter von Erwachsenenbildung, ihre eigenen Programme bis zu dem Punkt aufbauen zu können, an dem sie ihre eigenen Diplome verleihen können. Entsprechend schlägt Liu vor, dass die Abteilung für Sozialerziehung im Bildungsministerium in Betracht ziehen sollte, eine Abteilung für lebenslanges Lernen zu werden, und zwar mit der Befugnis, solche Kurse und Institutionen anzuerkennen.
Liu meint, dass lebenslanges Lernen, im vergangenen Jahrhundert noch ein revolutionäres Konzept, jetzt als grundlegendes Menschenrecht anerkannt werden muss. "Es ist nicht nur ein Bürgerrecht, sondern auch ein Vehikel für andere Rechte wie aus den Bereichen politischen, ökonomischen, kulturellen oder künstlerischen Strebens", schnarrt er. Das Recht zu lernen und weiter zu lernen hat einen gleichberechtigten Platz neben den Rechten auf politische Meinungsäußerung, Unversehrtheit oder gesundheitliche Versorgung, so Liu. Der Professor ist überzeugt, dass jeder Bürger in einer echten "lernenden Gesellschaft" mehr Gelegenheiten hätte, sein oder ihr volles Potenzial zu entwickeln.
Bis dato hat die Regierung ihren Anstrengungen für lebenslanges Lernen aber nur ein sehr begrenztes Budget zugebilligt. Während das Bildungsministerium pro Jahr über 30 000 NT$ (625 Euro) in jeden einzelnen Universitätsstudierenden in Taiwan investiert, stehen für jeden Lerner im Volkshochschulsystem nur 1000 NT$ (20,80 Euro) jährlich zur Verfügung. Dieses Jahr macht der Sozialerziehungshaushalt des Bildungsministeriums in Höhe von 2 Milliarden NT$ (41,6 Millionen Euro) nur etwas mehr als ein Prozent des gesamten Bildungsbudgets aus. Chu sagt, wie viele andere Länder misst auch Taiwan der Standard-Bildung für Menschen der Altersgruppe 6 bis 25 -- darunter der 9-jährigen Pflichtschulzeit -- mehr Bedeutung bei als den Programmen für lebenslanges Lernen. Er hofft, dass die Regierung in der Zukunft mehr tun kann, um Gelegenheiten für lebenslanges Lernen zu entwickeln.
Laut Studien des Bildungsministeriums der vergangenen beiden Jahre zeigen etwa 80 Prozent der erwachsenen Taiwaner eine beachtliche Bereitschaft, an Lernprogrammen teilzunehmen, doch viele nennen den Mangel an geeigneten Einrichtungen und die Kosten der Programme als Haupthindernisse. Liu regt an, dass die Lokalverwaltungen trotzdem versuchen sollten, erwachsene Lerner mit Kurzkursen anzulocken, etwa Programmen, die man in einem Jahr abschließen kann, außerdem sollte eine Art öffentlicher Anerkennung wie Preise oder Zertifikate geboten werden. Desweiteren hofft er, dass die Programme zum lebenslangen Lernen der Zentralregierung von einem Minister ohne Geschäftsbereich verwaltet werden, der Projekte und Ressourcen vom Bildungsministerium und anderen Ministerien zusammenfassen könnte. Liu: "Lebenslanges Lernen muss so gefördert werden wie eine wichtige Staatspolitik."
(Deutsch von Tilman Aretz)