GEWERBE
Eine taiwanische Seifenoper
Die Gebrüder Lin haben dem seit vier Generationen bestehenden Reinigungsmittel-Unternehmen ihrer Familie neues Leben eingehaucht.
von Jim HWANG
Mei
Sheng Tangs Geschäftsführer Lin Jyun-cheng legt an Feiertagen und Wochenenden
gern Seifenhändlerkluft von anno dazumal an und verkauft die schwimmfähige
Seife auf der Sansia Old Street. (Foto: Courtesy Lin Jyun-cheng)
Auf einer Mauer des Gebäudes
am Anfang der Sansia Old Street in Sansia (Landkreis Taipeh) hängt ein großes
Plakat mit der Abbildung einer alten Frau, die am Ufer des Sansia-Baches ihre Wäsche
wäscht. Die Szene am Fluss war einst ein üblicher Anblick in vielen der
ländlichen Gebiete der Insel. Viele Generationen lang war für die Bewohner
Sansias die Erledigung dieser lästigen häuslichen Pflicht jedoch leichter,
wenn man eine Wäscheseife benutzte, die von der "Fabrik auf dem kleinen
Hügel", also der Mei Sheng Tang Chemical Co., hergestellt wurde. Abgesehen
davon, dass diese Seife leicht zu kaufen war, war sie auch schonender für die
Haut als andere handelsübliche Wäscheseifen, und wenn sie ins Wasser fiel,
konnte man sie leicht zurückholen, weil sie auf dem Wasser schwamm.
Ob ein Stück Seife auf dem Wasser schwimmt oder empfindliche Haut reizt, hängt vor allem von der Menge der Lauge ab, die in der Seife enthalten ist. Lin Jyun-cheng, Geschäftsführer von Mei Sheng Tang, erläutert, dass Lauge notwendig ist, damit das bei der Seifenherstellung verarbeitete Fett verseift und die Seife hart wird. Um den Anteil von Lauge im Endprodukt zu verringern, muss man sie nach und nach bei der Herstellung extrahieren, anstatt dass man einfach von Anfang an weniger benutzt. "Die Seifenherstellung ist lediglich ein Vorgang, Wasser, Pflanzen- oder Tierfette und Lauge im korrekten Verhältnis zu mischen", doziert er. "Die Lauge zu extrahieren, ist im Prinzip keine komplizierte Wissenschaft." Wenn man mehr Lauge extrahiert, wird die Seife weniger dicht, so dass sie schwimmen kann. "Es ist die Frage, welche Qualität von Seife man machen und wie viel zusätzliche Arbeit man leisten will", sagt Lin. Tatsächlich glauben die meisten Hersteller, dass diese Investition sich nicht lohnt. Soweit Lin weiß, ist die einzige andere Seife, die schwimmen kann, die amerikanische Marke Ivory.
Die "Fabrik auf dem Hügel", wie sie von den Leuten in der Stadt gern genannt wird, wurde 1957 von Lin Jyun-chengs Großvater Lin Yi-cai und dem Großonkel Lin Deng-sian im Städtchen Banciao (Landkreis Taipeh) gegründet und 1981 nach Sansia verlegt. Der heute 80-jährige Lin Yi-cai erlernte die Kunst der Seifenherstellung erstmals gut 10 Jahre, bevor Mei Shang Tang gegründet wurde. Damals war er noch keine dreißig, ein ungewöhnliches Alter, mit dem Seifenmachen anzufangen, doch er hatte einen schlichten Grund dafür. "Ich litt an Dermatitis an den Händen", rekapituliert er. "Ich habe wahrscheinlich alle Seifenmarken auf dem Markt ausprobiert, konnte aber nichts finden, was ich ohne Unbehagen benutzen konnte. Ich wollte einfach nur wissen, ob eine Seife gemacht werden konnte, welche die Haut nicht reizte." Während er die Grundlagen der Seifenherstellung in einer Seifenfabrik erlernte, entwickelte er ein System für die Extrahierung von Lauge und machte dann mit seinem jüngeren Bruder seinen eigenen Betrieb auf.
Die Seifen-Wissenschaft
Lin Jyun-cheng erläutert, dass es zwei Verfahren zur Herstellung von Seife gibt. Beim kalten Verfahren mischt man Fette, Lauge und Wasser und lässt die Mixtur natürlich verseifen, was 30 bis 40 Tage dauert. Für dieses Verfahren braucht man keine großartige Ausstattung, und man kann es ohne weiteres zu Hause durchführen, doch es ist schwieriger, eine einheitliche Qualität zu erreichen, da Faktoren wie Temperatur und Feuchtigkeit unvorhergesehene Veränderungen bei dem langwierigen Verseifungsvorgang verursachen können. Die kommerzielle Herstellung bedient sich wiederum des heißen Verfahrens, welches die Produktionszeit auf rund eine Woche verkürzt, indem man die Mischung aus Fetten, Lauge und Wasser kocht, um die Verseifung zu beschleunigen.
Als die Gebrüder Lin ihren Betrieb eröffneten, war die Seifenherstellung ein Gewerbe mit viel Konkurrenz -- laut Lin Jyun-cheng gab es allein im Raum Taipeh über 100 Fabriken. Die Seifenmarke Fuletuo von Mei Sheng Tang erwarb sich jedoch bald den Ruf, die sanfteste Seife auf dem Markt zu sein, und wurde sehr beliebt. Zur großen Überraschung der Brüder sorgte der Nebeneffekt der Schwimmfähigkeit von Fuletuo dafür, dass die Seife bei den Streitkräften der große Renner war.
"Soldaten ist der Zustand ihrer Haut vermutlich völlig wurscht", spekuliert Lin Jyun-cheng. "Da sie aber in Becken baden und Wasser aus großen Tanks in einem Gemeinschafts-Baderaum benutzen mussten, konnte man mit einem Stück schwimmfähiger Seife offensichtlich erhebliche Umstände vermeiden, wenn die Seife in den Wassertank fiel." Auf dem Produktionshöhepunkt in den siebziger Jahren stellte Mei Sheng Tang jeden Monat 60 000 Stück Seife her, so dass Lin Yi-cai, Lin Deng-sian und andere Verwandte das ganze Jahr über beschäftigt waren.
Mei
Sheng Tangs Filiale in Sansia ist auch unter der Woche immer gut besucht. (Foto:
Huang Chung-hsin)
Zwar gibt es bei der Herstellung von Seife nicht viele Geheimnisse, doch jeder Fabrikant
hat eine Reihe von kleinen Tricks hier und da, durch die sich sein Produkt von anderen
abhebt. Bei Mei Sheng Tang beruht einer der Tricks in der Menge der extrahierten
Lauge. Ein kleiner Familienbetrieb hat den Vorteil, dass ein Verrat dieser Tricks
an andere Fabrikanten eher unwahrscheinlich ist. Der Nachteil ist, dass bei einer
Marktflaute alle Familienmitglieder darunter zu leiden haben. Leider wurde Mei Sheng
Tang Anfang der achtziger Jahre von der Popularität von Körperwaschlotion
und Duschgel betroffen. Das Geschäft schrumpfte auf ein paar kleine Produktionsdurchgänge
von Wäscheseife für alte Kunden, die Herstellung der Fuletuo-Seife wurde
komplett eingestellt. Da sie außer Seife machen nichts konnten, gerieten die
meisten Mitglieder der Familie in finanzielle Schwierigkeiten. Lin Jyun-cheng und
sein älterer Bruder Lin You-an mussten nach dem ersten Jahr ihr Universitätsstudium
abbrechen, da sie die Studiengebühren nicht bezahlen konnten.
Nach Ende der akademischen Laufbahn machte You-an einen Teeladen in Sansia auf, während Jyun-cheng, der zuvor die Filmabteilung einer Berufsoberschule abgeschlossen hatte, einen Job zur Produktion von Tourismusprogrammen für inländische Fernsehkanäle fand. Beiden machte ihre neue Arbeit Spaß, aber You-an konnte viel mehr Zeit mit der Familie verbringen als sein jüngerer Bruder, den sein Job zu häufigen Reisen zwang. You-an befürchtete, dass manche seiner Angehörigen nichts zu tun hätten und dass die Maschinen, mit denen Mei Sheng Tang Seife hergestellt hatte und von denen viele sein Großvater entworfen hatte, nun dem Rost anheimfallen würden.
Unterdessen wurde der Markt zwar immer noch von Körperwaschlotion beherrscht, doch handgemachte Seife mit natürlichen Bestandteilen wurde immer beliebter, da das Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein bei den Taiwanern zunahm. Kurz nach der Jahrtausendwende begann Lin You-an darüber nachzudenken, ob man das Familiengeschäft nicht würde wiederbeleben können. Nachdem er hin- und herüberlegt und seine Gedanken mit der Familie besprochen hatte, brachte er das Konzept vor, einheimischen grünen Tee in die Seife zu mischen.
Laut Lin ist die Zugabe von grünem Tee, der Karbolsäuren, Antioxidantien und andere Substanzen enthält, welche die Fettigkeit beschränken und Anzeichen des Alterns verhindern, eine gute Methode, die milde Seife der Familie zu verbessern. Das passte auch gut zu seinem Teeladen, wobei die Stücke Grüntee-Seife zunächst als Geschenke für Kunden im Teeladen produziert wurden. Es dauerte indes nicht lang, bis das neue Produkt sich einen Platz auf dem Seifenmarkt geschaffen hatte. Durch den Teeladen und ein paar Händler auf lokalen traditionellen Wochenmärkten kletterten die Verkaufszahlen auf 6000 Stück Seife im Monat.
Es war kein großes Geschäft, doch es reichte, um zumindest ein paar der Familienmitglieder zu beschäftigen und die Maschinen vor dem Verrotten zu bewahren. "Maschinen und Menschen sind insofern gleich, als sie schnell rosten, wenn sie untätig sind", philosophiert Lin You-an. "Ich wollte nur eine Beschäftigung für sie finden."
Doch während andere Familienmitglieder sich darüber freuten, dass die Fabrik wieder lief, wollte Lin Jyun-cheng bei seinem Leisten bleiben. "Die meisten in meiner Familie, angefangen bei meinem Opa und Großonkel, hatten ihr ganzes Leben der Seifenherstellung geweiht", beschreibt er. "Durch Arbeit in dem einzigen Gewerbe, das sie kannten, konnten sie ihre Familien ernähren. Das respektiere ich, doch ich hatte nicht die Absicht, den Rest meines Lebens in einem Kübel zu rühren und Seife zu schneiden."
Lin Jyun-chengs Hauptinteressen hatten immer der Musik und den Darstellenden Künsten gegolten. Er gewann einen Witzwettbewerb im Fernsehen und spielt so gut Saxophon, dass er in die Musikabteilung einer Hochschule aufgenommen wurde. "Die Erstellung von Tourismusprogrammen deckt sich nicht unbedingt mit diesen Fähigkeiten, doch sie gehört zumindest teilweise zum Showgeschäft, näher konnte ich an diesen Bereich nicht herankommen." Der jüngere Lin wurde aber schließlich von seinem Bruder You-an überredet, die Verantwortung für die Vermarktung der Produkte aus dem Familienunternehmen zu schultern. "Er sagte mir, wenn ich ein berühmter Produzent oder sowas würde, wäre es mein eigener Erfolg, doch wenn ich dazu beitrüge, Mei Sheng Tang berühmt zu machen, wäre das ein Erfolg für die ganze Familie", kolportiert Lin Jyun-cheng. "Da war wirklich was dran."
Im
Januar dieses Jahres eröffnete Mei Sheng Tang eine Filiale im Shin Kong Mitsukoshi-Kaufhaus
in Taipeh. (Foto: Courtesy Lin Jyun-cheng)
Die Botschaft verbreiten
Lin Jyun-cheng erkannte, dass es Marketingmethoden gibt, die wirksamer sind als Mundpropaganda. Um Bekanntheit zu erlangen, überzeugte er die älteren Jahrgänge der Familie, den Medien einen Besuch in der Fabrik zu gestatten. Die größere Öffnung scheint sich gelohnt zu haben, wenn man nach der Zahl der Kunden im Mei Shang Tang-Geschäft urteilt, das er in der Sansia Old Street betreibt. Der Laden, der während der Feiertage zu Chinesisch-Neujahr 2007 eröffnet wurde, ist immer voller Kunden, sogar unter der Woche. Auf der Grundlage dieses Erfolges richtete Lin Jyun-cheng eine Filiale im Kaufhaus Shin Kong Mitsukoshi in Taipeh und eine weitere im Nationalen Zentrum für traditionelle Kunst in Ilan ein. Außerdem gibt es nun einen Online-Laden, dem Mei Sheng Tang heute etwa ein Viertel seiner Einkünfte verdankt.
Während Lin Jyun-cheng emsig am Wiederaufbau des Marktes für die Familienseife arbeitet, ist Lin You-an fleißig dabei, neue Produkte zu entwickeln, indem er das Originalrezept auf der Grundlage von Oliven- und Kokosnussöl mit natürlichen Zutaten verfeinert. Nach seinen Worten ist durch Forschung bewiesen, dass alle Bestandteile gesund sind, und die neuen Seifenprodukte werden in der Lin-Großfamilie "am Menschen getestet", bevor sie auf den Markt kommen. Bislang wurde etwa ein Dutzend unterschiedliche Seifensorten entwickelt. Je nach Zutaten kostet ein 100 Gramm schweres Stück Seife zwischen 120 NT$ und 280 NT$ (2,55--5,96 Euro). Die Verkaufsschlager sind die Grüntee-Seife und die Original-Kernseife, während die frische Zitronenseife, die Perlen- und Süßosmanthus-Seife sowie die "kaiserliche" Seife, bei denen unterschiedliche Blumen als Zutaten verwendet werden, gleichfalls gut laufen. Die Handseife der Firma, die in Würfel mit einer Kantenlänge von 2,5 Zentimetern geschnitten wird und in die ein Stück Kordel eingearbeitet ist, damit man sie bequem neben dem Waschbecken aufhängen kann, erwies sich als ein anderer beliebter neuer Artikel.
Mit massig innovativen Produkten und einer modernen Marketingstrategie ist das 50 Jahre alte Unternehmen heute voller Energie. Ein Dutzend Familienmitglieder aus drei Generationen, unter ihnen auch Großvater Lin Yi-cai, arbeiten vollzeit in den Läden und der Fabrik der Firma. Wenn besonders viel zu tun ist, können 20 weitere Personen aus der vierten Generation vom Kindergarten- bis Hochschulalter einspringen. Im Schnitt produziert und verkauft Mei Sheng Tang heute 20 000 Stück Seife im Monat. Hinsichtlich Herstellung besteht immer noch eine Kluft zwischen den aktuellen Produktionsziffern und der Fabrikationsmenge von vor dreißig Jahren, als das Unternehmen auf seinem Höhepunkt war. Für die Lins ist jedoch wichtig, dass das Familiengeschäft eine Nische gefunden hat und dass alle Familienmitglieder Spaß an dem haben, was sie tun.
Selbst Lin Jyun-cheng, der nur zögernd zum Familienunternehmen zurückkehrte, hat mittlerweile seine Freude daran, indem er seine Neigung für darstellende Kunst in seine Arbeit mit einbezieht. An Wochenenden und Feiertagen zieht er japanische Holzschuhe und Straßenhändlerkleidung aus alten Zeiten an, wuchtet sich eine Tragestange mit einem Bambusbehälter voller Mei Sheng Tang-Seife an jedem Ende auf die Schulter, schwingt eine Glocke und verhökert die Erzeugnisse der Firma auf der Sansia Old Street. Da die beiden Behälter an der Tragestange nur eine recht geringe Kapazität haben, scheint Lin Jyun-cheng nicht sehr viel zu schleppen zu haben. Doch Lins Bürde ist viel gewichtiger, als es den Anschein haben mag, denn in Wirklichkeit trägt er die Hoffnungen eines Familiengeschäfts mit vier Generationen weiter.
(Deutsch von Tilman Aretz)