MALEREI
Natur und Wärme, Farbe und Licht
von Donald SILVER
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Lai Wu-hsiung
Lai Wu-hsiung
(Foto: Huang Chung-hsin)
Der taiwanische
Maler Lai Wu-hsiung richtet einen ruhigen, gemächlichen Blick auf das Leben,
und vor allen Dingen strebt er nach einem Sinn für Balance. Mit seinen Werken
will er die außerordentlichen Aspekte scheinbar gewöhnlicher Dinge hervorheben,
damit der Betrachter einen Blick auf die versteckten Bedeutungen in seinen Motiven
erhaschen kann.
Lai ist besonders versiert dabei, Farben zu verwenden, Farbtöne zu verändern und verschmelzen sowie gelegentlich für den letzten Schliff etwas hervorzuheben. Er ist ein vielseitiger Maler und ist mit Wasser- und Ölfarben gleichermaßen vertraut, ebenso mit Porträts und Landschaften. Unabhängig von der Thematik ist Lai für seine Sparsamkeit bekannt, er fügt nichts Überflüssiges ein und lässt auch nichts Wichtiges weg. Durch seine Malerei möchte Lai einen spirituellen Raum für die Betrachter bieten, die in einer turbulenten Welt leben. "Ich will, dass die Leute ein Leben sehen, das natürlich, bescheiden, ruhig und geräumig ist", erklärt er.
Lai kam 1942 im Distrikt Shihlin in Taipeh zur Welt und zeigte schon als Kind Talent für Malerei. 1960 machte er mit Kunst im Hauptfach am Städtischen Lehrerkolleg Taipeh (heute National Taipei University of Education) Examen, anschließend unterrichtete er an der Grundschule Shihlin. Er wollte jedoch sein Können als Maler weiter entwickeln und schrieb sich deswegen an der Graduiertenschule des National Taiwan Arts College (heute National Taiwan University of Arts) ein. 1966 machte er seinen Abschluss und wurde wenige Jahre später von der gleichen Schule als Vollzeitprofessor eingestellt. Bei den Studierenden war er beliebt, und er wurde der erste Vorsitzende der Kunstabteilung. Als Lehrer und als Vorsitzender war es sein Ziel, das Umfeld für Kunsterziehung in Taiwan zu verbessern.
1977 wurden ihm zwei Ehrungen zuteil -- der Chung Shan Literature and Art Award und die Medal of Western Painting des Kunst- und Literaturverbandes. Seit 1983 verbringt Lai die meisten seiner Sommerferien im Ausland. Von der europäischen Kultur und ihrer langen Kunsttradition fühlt er sich besonders angezogen. Für Lai war Venedig ein Paradies, da er gern sonnendurchflutete, farbenprächtige Szenen malt und besonders sensibel auf Licht anspricht. Namentlich Venedigs hell erleuchtete alte Gebäude haben es ihm angetan, der schöne Himmel dort und die das Licht widerspiegelnden Kanäle.
Lai fand allerdings auch Inspiration in Taiwan -- auf dem Yangmingshan, in Jiufen und Bitan im Landkreis Taipeh. Seine in den neunziger Jahren entstandenen Gemälde der Bergdörfer der Gegend sind sonnig und hell, während die Küstenlandschaftsmalereien aus jener Zeit aus der Vogelperspektive geschaffen wurden und auf ein ausgedehntes, friedvolles Meer hinabschauen.
"Heute gewinnt in Taiwan das Lokalbewusstsein nach und nach an Boden, und es ist im Land, in Gedanken und Emotionen verwurzelt, doch es gibt nicht genügend Maler, die das sehen oder berühren können, und sie können dem schon gar nicht eine tiefgreifende emotionale Bedeutung verleihen", urteilt Lai. "Maler in Taiwan sollten ein Verantwortungsgefühl dafür besitzen, aktiv zu forschen und mit ihrem eigenen Land in Berührung zu kommen."
Lai ist inzwischen pensioniert und dient in vielen staatlichen Kunstgremien und Museumsvorständen, überdies stand er einheimischen Malverbänden und gesellschaften vor. Trotz seines Engagements für den Dienst an der Öffentlichkeit ist Lai ein fruchtbarer Maler geblieben und hat seit dem Jahr 2000 drei große Ausstellungen veranstaltet. Seine jüngste Bilderschau mit dem Titel "Natur und Wärme" ist bis September dieses Jahres in Zentren des Verbandes Taiwan Soka Association zu sehen. Das Ziel des Verbandes besteht darin, durch eine Reihe von Ausstellungen die vergangenen 100 Jahre der taiwanischen Kunstgeschichte zu rekonstruieren.
Lais Arbeiten waren bis zum 21. März im Zentrum der Taiwan Soka Association im Landkreis Yunlin zu sehen, von April bis Juni sind sie in Kaohsiung und von Juli bis September in Taichung ausgestellt. Für mehr Informationen beachten Sie bitte die chinesischsprachige Website www.twsgi. org.tw .
(Deutsch von Tilman Aretz)

Die Bergstadt Jiufen (1998). Aquarell, 50 x 65 cm

Rosen und Lilien (2007). Öl auf Leinwand, 72,5 x 91 cm

Impression eines Bergbaudorfes (2004). Öl auf Leinwand, 60,5 x 72,5 cm

Touristen bewundern das Grüne in einem Bergdorf (1998). Aquarell, 50
x 65 cm

Angenehmer Herbsttag (2002). Öl auf Leinwand, 72,5 x 91 cm

Reise in Venedig (2007). Öl auf Leinwand, 72,5 x 91 cm