KUNST

Das Leben eines Käferfreundes

Der Fotograf, Zeichner, Autor und Verleger Chiu Chen-tsung will Taiwans natürliche Umwelt der heutigen technikversessenen Jugend aufs Neue nahebringen.

von Jim HWANG
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Chiu Chen-tsung

Chiu Chen-tsung (Foto: Chang Su-ching)


Der jährliche Terminkalender von Chiu Chen-tsung wird vom Kommen und Gehen von Käfern bestimmt. In den wärmeren Monaten, während der die Tierchen aktiv sind, erkundet Chiu ihre Lebensräume, beobachtet sie, macht Fotos, und manchmal fängt er sie auch ein, um sie näher zu betrachten. Wenn das Wetter sich abkühlt, kehrt er zu seiner Wohnung in Taipeh zurück und prüft die Namen und Klassifizierung der Käfer. Danach konsultiert der 54-jährige Chiu Entomologen, um seine Forschungsergebnisse bestätigen zu lassen, bevor er naturgetreue Zeichnungen anfertigt.

Die Illustrationen sind für Kinderbücher bestimmt, die in Chius eigenem Verlag Red Tomato Co. (gegründet 1992) erscheinen. Im Jahre 2000 wurde er dank seiner Bilder für The Protected Insects of Taiwan (Die geschützten Insekten Taiwans) der erste Zeichner des Landes, dessen Werke ausgewählt wurden, in der Sachbuch-Kategorie der Zeichner-Ausstellung auf der Kinderbuchmesse im italienischen Bologna gezeigt zu werden, eine Veranstaltung, die seit 1964 Zeichner aus der ganzen Welt anlockt. 2006 wurden seine Butterflies of Taiwan (Schmetterlinge Taiwans) ebenfalls für die Ausstellung in Bologna ausgewählt.

Chiu hatte schon im Alter von sechs Jahren zu zeichnen begonnen, erhielt jedoch keine formale Ausbildung in Kunst und fing erst nach der Gründung von Red Tomato mit dem Zeichnen von Insekten an. Tatsächlich gab es in der zentraltaiwanischen Stadt Taichung, wo Chiu aufwuchs und die Grundschule besuchte, abgesehen von Kakerlaken und Mücken kaum Insekten. Seine Freizeit verbrachte er überwiegend mit dem Lesen von Comicheften und Versuchen, die Stile der Künstler nachzuahmen. Nähere Begegnungen mit "interessanten" Insekten ergaben sich erst, als Chiu in einem Vorort der Stadt auf die Mittelschule kam. Um lange Anfahrten zwischen seinem Elternhaus und der Schule zu vermeiden, wurde er bei einem Mitschüler untergebracht, dessen Familie von Nahrungsmitteln lebte, die sie in den Wäldern und Feldern sammelte. Jeden Tag nach der Schule musste er gemeinsam mit der Gastfamilie in einem nahen Fluss angeln oder Wildpflanzen für die nächste Mahlzeit sammeln, und dabei war er ständig von Insekten umgeben.

Spaß an Käfern

Als Mittelschüler ging es ihm allerdings mehr darum, Käfer als Spielzeug zu benutzen als sie zu zeichnen. Chiu erinnert sich, wie er einmal einem Mistkäfer einen Faden ans Bein knotete, um seinen Flug zu kontrollieren, und er band auch schon mal Kieselsteine an Hirschkäfer, um ihre Kraft zu testen. "Das war nur zum Spaß", beschwichtigt er. "Wenn ich aber heute daran zurückdenke, war das für mich eine großartige Gelegenheit, die Insekten aus der Nähe zu beobachten."

Der Spaß hatte ein Ende, als er in der Oberschule immer mehr Hausaufgaben aufgebürdet bekam, doch Chiu entwickelte ein Interesse für Zeichnen und später für Fotografie. Nach einem dreijährigen Studium der Fotografie in Japan kehrte Chiu mit einigen neuen Interessen nach Taiwan zurück. "In Japan wurde ich oft gefragt, was besonders an Taiwan ist", erzählt er. "Was ist der Unterschied zwischen Taiwan und China? Oder sogar zwischen Taiwan und Thailand? Es war frustrierend, dass ich diese Fragen nicht beantworten konnte." Nach der Rückkehr widmete er seine Freizeit der Betrachtung der taiwanischen Kultur und der natürlichen Umwelt der Insel, darunter auch der Insekten, die einst sein Spielzeug gewesen waren.

Unterdessen wurde Chiu, als er für mehrere Verlage und Zeitschriften als kommerzieller Fotograf arbeitete, mit dem inländischen Verlagsmarkt vertraut und stellte bald fest, warum er während seiner Zeit in Japan die Fragen über seine Heimat nicht hatte beantworten können. "Alles, was wir hatten, besonders auf dem Kinderbuchmarkt, waren Übersetzungen ausländischer Publikationen", schnaubt er. "Es ist leichter, etwas zu übersetzen, aber es macht keinen Sinn, unseren Kindern etwas über Schmetterlinge beizubringen, die in Japan oder Amerika herumflattern, während ihnen die Schmetterlinge in ihrer Heimat unbekannt sind."

Ab den neunziger Jahren begann Taiwans Regierung damit, größeres Gewicht auf die Bildung in früher Kindheit zu legen, bemerkt Chiu. Doch während der Zustrom ausländischer Kinderbücher die einheimischen Verleger dazu anregte, die Qualität ihrer Produkte zu verbessern, konzentrierten sie sich auf technische Fragen wie mehr zu drucken anstatt auf Inhalt. Chiu glaubte, einen Durchbruch erreicht zu haben, als er einen Verlag, für den er arbeitete, überzeugen konnte, im Inland geschriebene Kinderbücher zu produzieren. Das Projekt hatte jedoch keinen Erfolg. Chiu kam letztendlich zu dem Schluss, dass er, da die Verleger an der Entwicklung von Kinderbüchern mit stark lokalem Gehalt kein Interesse zu haben schienen, die Bücher eben selbst herausgeben müsse. Er kündigte seine Stelle als Fotograf und gründete Red Tomato, wobei er sich an sein Ideal hielt, Kinderbücher mit taiwanischem Gehalt zu schaffen.

Ein Hengchun-Vogelflügelfalter (Troides aeacus kaguya) kriecht aus seinem Kokon. Die Zeichnung entstand im Jahre 2004.


Erste Ausgabe

Die erste Publikation von Red Tomato 1993 war eine Serie von sechs Büchern über Kunst von dem Autor Huang Syuan-syun, der jahrzehntelang als Grundschul- und Oberschul-Kunstlehrer gearbeitet hatte. Die Bücher verkauften sich gut. "Wir tun das, was andere Verleger früher nicht gemacht haben", prahlt Chiu. "Ich schätze, das ist es, was an der Firma so besonders ist."

Ermutigt von den erfolgreichen Verkäufen wandte er seine Aufmerksamkeit der Produktion von Kinderbüchern über Natur zu. "Heutzutage wissen Kinder alles über Videospiele und Fernsehcartoons, doch sie haben wenig Ahnung von unserer natürlichen Umwelt", tadelt er. "Ich hoffe, dass meine Bücher bei ihnen Interesse für Natur wecken und sie vielleicht dazu bringen, öfter mal an die frische Luft gehen zu wollen."

Chiu war überzeugt, dass Taiwans leicht zu findende Insekten (wie die, mit denen er als Kind gespielt hatte) ein gutes Thema für ein Buch abgäben. Er stellte jedoch bald fest, dass man Autoren nicht von Bäumen schüttelt. Er erhielt sogar Absagen von Entomologen, die ihm mitteilten, sie hätten kein Interesse daran, Beiträge zu Kinderbüchern zu leisten. Schließlich beschloss er, das Buch selbst zu schreiben, und er verbrachte rund zwei Jahre damit, Informationen zu sammeln und den Text für The Insect Family (Die Insektenfamilie) zusammenzustellen.

Als Fotograf kannte Chiu die Grenzen des Mediums nur zu gut. Ihm wurde klar, dass Zeichnungen sich für das Buch viel besser eignen würden. "Vor zehn Jahren hatte man oft Fotos mit einem chaotischen Hintergrund, den man wegen mangelnder technischer Fertigkeiten nicht entfernen konnte", erläutert er. Fortschritte bei digitaler Bildtechnologie gestatten es heute dem Fotografen, den Hintergrund eines Bildes leicht zu entfernen, doch es gibt noch andere Anforderungen bei der Produktion von Illustrationen, welche selbst heutige funktionsreiche Fotobearbeitungssoftware nicht erfüllen kann. So werden zum Beispiel die Farben einer Fotografie im Grunde genommen vom Licht der Umgebung bestimmt und stellen oft nicht die wirklichen Farben der Insekten dar.

Die räumlichen und zeitlichen Beschränkungen von Fotos verhindern es gleichermaßen, dass das Medium das Leben von Käfern vollständig einfangen kann. Chiu nimmt seinen Entwurf für das Kapitel über Libellen als Beispiel und erklärt, dass man, wenn man den kompletten Lebenszyklus einer Libelle in einer Illustration zusammenfassen will, sie unter Wasser als Larve sowie auf dem Land und in der Luft als ausgewachsenes Tier darstellen muss. Es ist einfach unmöglich, die Lebenszyklen und Ökosysteme der meisten Insekten in nur einer Fotografie zu porträtieren.

Zeichner waren indes ebenso schwer zu finden wie Autoren, und Chiu entschied sich abermals dafür, die Aufgabe persönlich zu übernehmen. Er begann mit dem Versuch, Gemälde auf der Grundlage von Insektenfotos zu schaffen, stellte jedoch bald fest, dass das nicht funktionierte, da die ursprünglichen Fotos Details wie den Winkel von Schmetterlingsflügeln oder das Pulver auf ihrer Oberfläche nicht einfingen.

Die zweite Abbildung von links zeigt Formosa-Riesenhirschkäfer (Dorcus formosanus Miwa), 2004.


Zeichnungen auf der Grundlage fixierter Insekten-Musterexemplare zu schaffen wäre eine Lösung gewesen, doch anfangs waren weder Museen noch akademische Institute bereit, ihre Sammlungen Chiu zu leihen. Private Sammler zögerten ebenfalls und begründeten das mit der Empfindlichkeit ihrer Exemplare. Schließlich setzte er sich mit dem privaten Insektenmuseum Muh Sheng Museum of Entomology in Puli (Landkreis Nantou) in Verbindung. Chiu suchte das Museum auf und zeigte dem Besitzer Yu Cing-jin seinen Text und die Zeichnungsentwürfe. Nachdem Yu Chiu mehrere Stunden lang zugehört hatte, erklärte er sich bereit, die Exemplare zur Verfügung zu stellen. "Chiu braucht die Exemplare, damit er mehr Menschen korrekte Informationen über Insekten liefern kann, was mit den Zielen dieses Museums identisch ist", rapportiert Yu. "Ich freue mich einfach, dass ich da helfen kann."

Yus Großzügigkeit ermöglicht es Chiu, einzelne Insekten im Detail darzustellen, doch fixierte Musterexemplare verraten nichts über Dinge wie Lebensraum, Nahrung, Jagdtechniken und Paarungsverhalten, dabei sind solche Informationen allesamt Schlüsselelemente in vielen Illustrationen von Chius Büchern.

Chiu räumt ein, dass manche "Szenen" in seinem ersten Buch über Insekten auf seinen Vermutungen beruhten und er viel Glück hatte, sie richtig hinzubekommen. Seitdem beobachtet er das Verhalten, die Umwelt und die Lebenszyklen von Insekten vor Ort in ihren natürlichen Lebensräumen. Anschließend malt er anhand der Informationen aus seiner Feldforschung und dem fixierten Musterexemplar in Acryl, wobei er zwischen einer und zwei Wochen braucht, um eine Zeichnung zu vollenden. Bis dato hat er nur vier illustrierte Bücher aus dem Insektenbereich fertig gestellt und veröffentlicht. "Es ist wirklich harte Arbeit, doch es lohnt sich", sagt er.

Spielraum für Forschung

In den 15 Jahren seit seiner Gründung sind im Verlag Red Tomato 44 Bücher über Taiwans Flora und Fauna, Kultur, Geschichte und Kunst erschienen. "Kinderbücher sind wie der Eingang von einem Park", vergleicht Chiu. "Sobald man drin ist, können die Kinder frei entscheiden, was sie auskundschaften möchten. Bäume, Blumen, Insekten, ganz wie sie wollen."

Die meisten seiner Bücher verkaufen sich gut, da es nur wenig direkte Konkurrenz gibt, doch Chiu erwägt, Red Tomato zu schließen, weil der Betrieb der Firma -- praktisch ein Zweipersonen-Unternehmen, das er gemeinsam mit seiner Frau unterhält -- zu viel von seiner Zeit in Anspruch nimmt. "Ich habe diese seltene Libellenart vor meiner Kamera, und ein potenzieller Kunde ruft mich auf dem Handy an", kolportiert er. "Ich kann mich auf keinen richtig konzentrieren, und am Ende verliere ich beide. Insekten beobachten, fotografieren und porträtieren macht mir Spaß, und ich habe vor, so viel Zeit wie möglich mit diesen Dingen zu verbringen, bevor meine Hände zittrig werden und meine Weitsichtigkeit schlimmer wird."

Wenn es im Frühjahr wärmer wird, wird Chiu wieder seine Ausrüstung zusammenpacken und sich zu einer weiteren Saison der Arbeit vor Ort aufmachen. Dieses Jahr wird er aber sein Handy zu Hause lassen, und er will sich durch keine Ablenkung unterbrechen lassen, während er sich mit der Leidenschaft befasst, die in seiner Kindheit entstand.

(Deutsch von Tilman Aretz)