GESELLSCHAFT
Neues Leben für alte Bücher
In Secondhand-Buchläden suchen die Kunden nicht mehr nur nach Lesestoff.
von Audrey WANG
Fotos: CHANG Su-ching
Mollie
Used Books bietet seinen Kunden eine angenehme Atmosphäre, niedrige Preise und
eine große Auswahl.
Janice Tsai träumte
schon als Schulkind davon, in einem eigenen Geschäft gebrauchte Bücher
zu verkaufen. Als sie ihren Traum im Jahre 2002 in die Tat umsetzte, war sie entschlossen,
sich nicht an das Geschäftsmodell zu halten, das den meisten Taiwanern vertraut
ist und bei dem Bücher ohne erkennbares Ordnungsprinzip auf dem Fußboden
gestapelt werden, so dass die Kunden sie langsam nach gewünschten Titeln durchforsten
müssen. "Wenn man nach dem Herumwühlen kein Buch kaufte, bekam man
von manchen Ladeninhabern zu hören, 'Bringen Sie meine Bücher nicht durcheinander,
wenn Sie keine kaufen wollen!'", erinnert sich Tsai.
In den siebziger und achtziger Jahren befanden sich viele Secondhand-Buchläden im Untergeschoss des Guanghua-Marktes in Taipeh, der später vor allem für seine Computer- und Elektronikschnäppchen bekannt wurde. Tsais Eltern besaßen dort eine solche Buchhandlung, die schließlich von ihrem Bruder übernommen und benutzerfreundlicher gemacht wurde. Doch selbst dann entsprach dieses Geschäft nicht dem, was ihr vorschwebte.
2002 gab Tsai ihren Job als Versicherungsvertreterin auf und machte mit zwei Freunden einen Laden in Tianmu auf, einem gehobenen Viertel im Norden von Taipeh.
Zwar wusste Tsai genau, was für eine Art von Geschäft sie eröffnen wollte, doch sie hatte keine gut entwickelte Marketingstrategie, und mit diesem Bereich war sie nicht sehr vertraut. "Es war ein halb improvisierter Entschluss", bekennt sie. "Meine Freundin brauchte für ihr Restaurant nur das Erdgeschoss, doch der Vermieter bestand darauf, dass sie auch das erste Obergeschoss anmietete." Tsai erklärte sich bereit, den zusätzlichen Raum als Untermieterin zu nehmen, um ihrer Freundin zu helfen. Ihre unausgegorene Planung erwies sich indes als günstig für sie.
Was sie mit ihrem Laden tun wollte, war ihr klar. Sie nannte das Geschäft Whose Bookstore, und es sollte ein Ort werden, in dem sowohl sie als auch ihre Kunden gerne Zeit verbringen wollten. "Ich will, dass meine Kunden sich in dieser Buchhandlung wie daheim in ihrer eigenen Bude fühlten, wo man sich wirklich entspannen kann", erläutert Tsai.
Während die Inneneinrichtung des Geschäfts den letzten Schliff erhielt, kümmerte Tsai sich emsig um das Sammeln von Büchern. Sie verteilte Flugblätter an Firmen und Anwohner, um sie dazu zu ermuntern, ihre gebrauchten Bücher an sie zu verkaufen. Am Tag der Einweihung waren die Regale im Geschäft jedoch noch halb leer. "Ich nahm buchstäblich alle Bücher, die ich kriegen konnte", sagt Tsai. "Es gab kein Auswahlverfahren." Die einzigartig gemischte Bevölkerungsstruktur in Tianmu führte ihr Geschäft in eine Richtung, die sie nicht vorausgesehen hatte.
Tianmu ist seit den fünfziger Jahren, als die US-amerikanischen Streitkräfte mit der Einrichtung von Stützpunkten auf Taiwan begannen, das bevorzugte Wohnviertel für Ausländer, die in den Raum Taipeh ziehen. Die Gründung der amerikanischen Schule Taipeh und der japanischen Schule Taipeh in Tianmu erhöhte den Reiz des Viertels für ausländische Familien, und daraus ergab sich, dass viele der Bücher, die in Tsais Geschäft landeten, in anderen Sprachen als Chinesisch geschrieben waren. "Die meisten Secondhand-Buchhändler reißen sich nicht darum, fremdsprachige Bücher ins Sortiment aufzunehmen", weiß Tsai. "Sie wissen nicht, welche Bücher sich gut verkaufen, oder wie man die Ware kategorisieren und welchen Preis man verlangen soll." Die Notwendigkeit, die leeren Regale zu füllen, wurde indes schnell drängender. Ihre Entscheidung, fremdsprachige Bücher anzunehmen, erwies sich als vorausschauend. Da das Geschäft mehr internationale Kunden anlockte, erhöhte sich der Zustrom fremdsprachiger Bücher. Tsai schätzt, dass 40 Prozent ihres derzeitigen Inventars von rund 20 000 Bänden im Laden fremdsprachig sind, das meiste davon Englisch.
Bei
Yi-Tian Books gibt es auch eine Ecke für die jüngsten Leser.
Klassifizierung der Klassiker
Tsai stellte fest, dass für viele der in Tianmu lebenden Ausländer die Gewissheit, die von ihnen aussortierten Bücher würden von anderen Leuten gelesen werden, Belohnung genug als Anreiz darstellte, sie zu spenden. Viele weigerten sich, Bezahlung für den Ausschuss anzunehmen, selbst wenn Tsai darauf bestand, dass sie zumindest einen symbolischen Betrag annähmen. Andere zeigten ihr, wie man die englischsprachige Sammlung in Genres ordnet und -- was besonders wichtig ist -- alphabetisch nach den Familiennamen der Autoren sortiert. (Theoretisch könnte man chinesischsprachige Bücher ähnlich anordnen, nämlich nach Schriftzeichen-Radikalen oder Strichzahl, aber die meisten Buchhandlungen in Taiwan stellen ihre Ware nicht nach irgendwelchen bekannten Klassifizierungsmustern aus.)
Laut Tsai haben die Bewohner von Tianmu gemeinsam Whose Bookshop zu einem Bestandteil ihrer Gemeinde gemacht. "Die Leute kommen mit Büchern und Esswaren rein, um uns zu ermutigen", freut sie sich. Tsais Kunden sind für sie wie eine Familie geworden. "Manche lassen ihre Kinder bei uns, wenn sie einen Babysitter brauchen. Einmal hat ein Kunde sogar unsere Küche benutzt, um für einen kranken Freund zu kochen." Andere Kunden schauen einfach kurz vorbei, wenn sie ihre Hunde Gassi führen.
Während manche Leute den Erfolg von Whose Bookshop der anheimelnden Atmosphäre zuschreiben, darunter Hartholzböden und große Fenster, die das warme Nachmittags-Sonnenlicht einlassen, nennt Tsai den Platz des Buchladens in der Gemeinde als Hauptgrund für seine Beliebtheit. "Frühere Anwohner kommen immer wieder für Besuche her, auch nachdem sie weggezogen sind", prahlt sie. "Man kommt rein, um neue Leute kennen zu lernen und alte Freundschaften zu pflegen."
Tsai würde gerne mehr Filialen eröffnen, doch sie befürchtet, dass sie den Erfolg des Ladens an anderen Standorten vielleicht nicht würde wiederholen können. Tai Li-cheng, Inhaberin des Geschäfts Mollie Used Books, kam auf ein erfolgreiches Modell, das nicht allein von guter Lage abhängig ist. "Die Kunden suchen in Secondhand-Buchläden gern nach günstigen Angeboten, solange sie dort die gleiche Servicequalität und Atmosphäre finden wie in Geschäften, in denen man neue Bücher bekommt", verrät sie.
Gebraucht, aber perfekt
Der Stammkunde Joe Wu ist sicher, dass er, wenn er ein Buch braucht, es wahrscheinlich in einer der vier Mollie-Filialen finden wird. "Oft entdecke ich hier Bücher, die erst vor einem oder zwei Monaten erschienen sind", frohlockt er. "Sie sind in perfektem Zustand, doch die Preise wurden um mindestens 40 Prozent gesenkt." Wu glaubt, dass bald mehr Menschen gebrauchte Bücher kaufen werden, wenn die Wirtschaftslage nicht besser wird. "Der Preis ist der wichtigste Faktor", betont er.
Tai weist darauf hin, dass ihre Buchhandlung oft Titel auf Lager hat, die gewöhnliche Buchläden nicht anbieten. Nach ihren Worten ist die Fluktuation in den meisten Geschäften groß, und neue Bücher werden oft nach einer Woche oder noch schneller aus den Regalen genommen, wenn sie nicht gut laufen. Tai findet, die Kunden in Secondhand-Buchläden sind häufig Bücherfreunde, die bestimmte Titel suchen, daher neigen sie weniger zu Impulskäufen als Kunden in konventionellen Buchhandlungen. Einer von Tais Kunden sagte ihr einmal, dass er Bücher, die er in normalen Buchläden gekauft hat, wieder abgibt, Bücher von Mollies dagegen immer behält, weil er jedes von ihnen sorgfältig ausgewählt hatte.
Mollies Erfolg lässt den Schluss zu, dass die Kundschaft von einer Kombination aus niedrigen Preisen und großem Büchersortiment angezogen wird. Tai behauptet, sie eröffne eine neue Filiale, "wenn ich zusätzlichen Lagerraum für meine Bücher brauche". Zwar hat ihr Handel mit gebrauchten Büchern den Ruf gewonnen, das größte Geschäft dieser Art in Taipeh zu sein (etwa 50 000 Bände in jeder Filiale und leichter Zugang zu Personen, die bereit sind, nicht mehr benötigte Bücher an sie zu verkaufen), doch Tai bezieht die Mehrzahl ihrer Bücher weiterhin von Recyclingdepots. Die meisten Taiwaner recyceln Bücher gemeinsam mit ihrem Altpapier. Tai betrachtet das Teilen von Büchern als Methode, Wissensaustausch zu fördern und gleichzeitig die Umwelt zu schützen. "Wenn mir ein Buch, das mir gefällt, in die Finger kommt, lese ich es und stelle es dann für den nächsten Kunden zurück ins Regal", beteuert sie. Obwohl ihr Laden allmählich seine treue Stammkundschaft ausbaut, wünscht sie sich aus ökologischen Gründen, es möge sich in den kommenden Jahren schneller die Erkenntnis verbreiten, dass aussortierte Bücher an Geschäfte wie ihres verkauft werden können.
Die
Spezialität von JXJ sind seltene und antiquarische Bücher, worauf vor allem
Käufer mit Sinn für Nostalgie ansprechen.
Inhalt ist das A und O
Hung Yi-chen kam vor drei Jahren eher zufällig in das Gewerbe mit Gebrauchtbüchern. "Mein Mann und ich dachten eigentlich nur an eine traditionelle Buchhandlung wie jene, in denen man oft Schulbedarf, Materialien zur Prüfungsvorbereitung und manche Bestseller findet", meint Hung. Damals hatten "69 Dollar"-Buchläden in Taipeh Hochkonjunktur. Die Filialen dieser Kette verkauften Bücher, die an die Verleger zurückgegeben worden waren, für 69 NT$ (1,44 Euro) oder weniger. Hung und ihr Mann traten an den Besitzer der Ladenkette heran, der sich bereit erklärte, ihnen Bücher zu verkaufen, doch er verlangte nicht, dass sie für ihren Laden den Namen "69 Dollar" verwendeten.
Etwa zur gleichen Zeit nahm Hungs Kusine sie zu Mollie Used Books mit und redete ihr zu, das gleiche Geschäftsmodell anzunehmen. Hung beschloss, beide Optionen gleichzeitig auszuprobieren. Als sie ihren Laden mit dem Namen "Yi-Tian Books" eröffnete, verkaufte sie vorne neue Bücher für 69 NT$ und hinten gebrauchte Bücher. "Die Kunden drängten sich im hinteren Teil des Ladens", erinnert sich Hung. "Ich nahm an, dass sie sich wohler fühlten, wenn sie nicht ständig vom Verkäufer beobachtet wurden." Also verlegte sie die Bücher für 69 NT$ in den hinteren Teil des Ladens und stellte fest, dass die Kunden den gebrauchten Büchern nach vorne folgten. "Erst dann wurde mir klar, dass den Kunden der Inhalt eines Buches wichtiger ist als sein Zustand", analysiert Hung.
Sie beschloss, sich auf den Verkauf gebrauchter Bücher zu konzentrieren. Für Chung Lui-cheng ist Hungs Buchhandlung wie eine Oase in einer Kulturwüste, vor allem wenn man ihre Lage in Miaoli bedenkt, einem überwiegend ländlich geprägten Gebiet in Zentraltaiwan. "Hier entdecke ich alte Bücher, die ich sonst nirgends finden kann", lobt Chung, ein Sammler von Autobiografien und Memoiren. Für Chung ist der Erwerb von Büchern in Hungs Laden ein bequemer und erschwinglicher Weg, seine Sammlung zu bereichern.
Hung plant, ihren Kundenstamm durch e-Handel zu vergrößern. Seit der Gründung von Yi-Tian Books unterhält sie eine umfassende Computer-Datenbank über ihren Bestand, die sie bislang nur für Inventarkontrolle und Titelsuche benutzt hat. Doch in den kommenden Monaten will sie die Homepage ihres Ladens zu einem Online-Geschäft ausbauen, indem sie die Datenbank daran anschließt und die Funktion e-Handel hinzufügt.
Paradies für Sammler
Wu Ya-hui, die Inhaberin von Jiu Xiang Ju Books (JXJ), plant ebenfalls eine Online-Datenbank, allerdings mit recht anderen Zielen. Wu verkauft antiquarische Bücher und Sammlerexemplare und stellt sich die Datenbank als nützliche Anlaufstelle für Forscher vor, deren Hauptinteresse eine einzelne Information aus einem der Bücher ist, die sie anbietet. "Ich wünsche mir, dass die Menschen, die unsere Bücher kaufen, sie wirklich lieben und hochschätzen", versichert Wu. "Deswegen hoffe ich, eines Tages Forscher durch eine Online-Datenbank mit den Informationen versorgen zu können, die sie brauchen, so dass sie die Bücher nicht mehr kaufen müssen."
Wus Leidenschaft für Bücher und ihr Wissen darüber entwickelte sich schon früh in ihrem Leben, da JXJ 1978 von ihrem Vater gegründet worden war. Die Verbindungen, die er in der Vergangenheit aufbaute, helfen Wu weiterhin dabei, Zugang zu Büchersammlern und händlern zu erlangen. Ihr angesammeltes Wissen teilt sie mit den Kunden. Anstatt den Käufern und Händlern den Eindruck zu vermitteln, sie könnten "den Zwischenhandel umgehen", indem sie direkt miteinander in Kontakt treten, vertieft der Geist des Teilens in Wirklichkeit ihre Abhängigkeit von Wu und ihrem Geschäft. "JXJ ist ein Ort, wo sich Leute zum Gedankenaustausch treffen", glaubt Wu und ergänzt, dass sie Stammkunden häufig Bücher empfiehlt, nachdem sie herausbekommen hat, welche Art von Titeln sie interessiert. Jhai Yu-shu konnte seine Erregung nicht verbergen, als Wu ihm einen Stapel mit Erstausgaben von Romanen des Schriftstellers Bo Yang reichte. "Ich wollte die Bücher kaufen, die ich vor 20 oder 30 Jahren gelesen hatte... die gleichen Buchumschläge, das gleiche Druckbild", schwärmt Jhai. Für ihn ist JXJ ein Ort, wo man Erinnerungen hervorholen kann. "Man muss die Bücher riechen und sie anfassen", meint er.
Für manche Menschen bedeuten Secondhand-Buchläden tolle Schnäppchen. Für andere ist kaufen und verkaufen von Büchern eine Methode, mit der Gemeinschaft in Verbindung zu bleiben. Und wiederum andere lieben den Reiz, seltene Ausgaben ausfindig zu machen und zu erbeuten. Für die meisten Kunden -- und auch viele Inhaber entsprechender Geschäfte -- ist ein Secondhand-Buchladen ein guter Ort, etwas zu finden, was sie suchen, ob es nun ein konkreter Gegenstand wie ein Buch selbst ist oder etwas Abstrakteres wie Erinnerungen oder Freundschaft.
(Deutsch von Tilman Aretz)