MALEREI
Betrachtungen in Öl
von Donald SILVER
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Chen Meng-tze
Der taiwanische
Maler Chen Meng-tze, 35.
Der taiwanische
Maler Chen Meng-tze fühlt sich unwiderstehlich von Glas angezogen. "Seine
Eigenschaften des Widerspiegelns und Durchscheinens erzeugen ein Gefühl der
Unsicherheit", beschreibt er. "Man kann Dinge auf der anderen Seite des
Glases sehen, aber man kann sie nicht anfassen. Gleichzeitig kann man zuweilen sich
selbst oder Dinge hinter sich selbst im Glas reflektiert sehen. Ölfarben haben
ebenfalls eine gewisse transparente Qualität, die sie meiner Ansicht nach zu
einem geeigneten Medium macht."
Glas ist in den hier abgebildeten Gemälden ein vorherrschendes Thema. Die Bilder stammen aus Chens kürzlicher Ausstellung im Taipei Fine Arts Museum.
Schaufensterpuppen -- gleichzeitig realistisch und surrealistisch, menschenähnlich, aber nicht menschlich -- bilden die Motive in Chens Schaufenster-Serie. "Zuerst habe ich Fotos von Mannequins gemacht, die ich in Geschäften sah, und danach habe ich sie gemalt", berichtet er. "Ich habe sie in ihrer ganzen kommerziellen Pracht dargestellt. Später malte ich Schaufensterpuppen ohne Kleider, in der Hoffnung, ihre Körpersprache zu übermitteln und dabei meine Vorstellung zu befreien, um ihre Umgebung hervorzuheben."
Die Treibhaus-Serie stellt den Tsukuba Experimental Botanical Garden (in der ostjapanischen Präfektur Ibaraki) in den Mittelpunkt. In dieser Reihe kontrastieren tropische Pflanzen mit dem Glas und Stahl ihrer Umgebung, pressen sich gegen die Glasscheiben und Stahlträger, als ob sie ihrer künstlichen Gebundenheit entrinnen wollten. "Unweit meiner Schule in Tsukuba entdeckte ich den botanischen Garten", erinnert sich Chen. "Darin gab es tropische Pflanzen wie Bananenbäume, die in ein luftdichtes Gewächshaus in einem fremden Land gezwängt waren, was den Eindruck erweckte, sie wollten ausbrechen."
Der 35-jährige Chen studierte Bildende Kunst an der Pädagogischen Hochschule Taiwan in Taipeh und hatte nach dem Examen als Künstler in Taiwan recht guten Erfolg. Schließlich beschloss er jedoch, seine Technik zu verbessern. "Ich hatte das Gefühl, es fehlte mir ausreichend Theorie und Technik, deswegen ging ich zum Studieren nach Japan", begründet er seine Zeit an der Tsukuba University. "Während meiner Zeit dort lernte ich, dass die japanische Kunstwelt wirklich Technik und Stetigkeit betont. Außerdem fühlte ich mich stark gedrängt, meinen eigenen individuellen Stil zu finden." Der Ölmalerei-Stil, den Chen entwickelte, zeichnet sich durch einen rationalen und maßvollen Farbgebrauch sowie das Spiel zwischen Licht und Farben aus.
1992 wurde Chen mit dem Künstler-Entwicklungspreis der Kulturstiftung Chi Mei ausgezeichnet. Die Ausstellung im Taipei Fine Arts Museum war Teil des Arrangements, als er 2006 den Liao Chi-chun-Ölmalereipreis erhielt. Chens Gemälde wurden außerdem im Kulturzentrum der Stadt Hsinchu und in der Jin Bian Tang-Galerie gezeigt.
(Deutsch von Tilman Aretz)

Treibhausszene (2006). Öl auf Leinwand, 162
x 194 cm

Wie dieses Mannequin in dem Gemälde Wind · Fenster (2005) betrachtet
Chen Meng-tze seine Objekte durch Glas.

Silverado (2005). Mischtechnik aus Acryl und Öl, 45,5 x 27,3 cm