VERKEHR

Der Reiz der großen Feuerstühle

Liebhaber schwerer Motorräder gewinnen auf Taiwans Straßen größere Freiheit.

von Oscar CHUNG
Fotos: HUANG Chung-hsin

Schwere Motorräder waren früher auf Taiwans Straßen ein seltener Anblick, werden mittlerweile jedoch immer beliebter.


An einem kühlen Samstagmorgen im Oktober 2007 versammelt sich in einem Vorort von Taipeh eine Gruppe von etwa 20 Männern mittleren Alters und erregt dabei die Aufmerksamkeit von nicht wenigen Passanten. Beim Anblick der gedrungenen, geschmeidigen und teuren BMW-Motorräder mit großem Hubraum wollen die meisten Betrachter zwei Mal hinsehen. "Für Motorradfreunde ist jetzt wieder Hochsaison", verrät Lin Chao-ming, der 46-jährige Anführer des Pulks, welcher zu einer 260 Kilometer langen Fahrt nach Süden zur Stadt Chiayi aufbricht. "In Taiwan ist der Sommer einfach zu warm und eignet sich für uns nicht zu Straßentouren."

Allgemein gelten Krafträder mit mehr als 250 Kubikzentimetern Hubraum als große Motorräder, auch wenn die Trennlinie zu den wirklich schweren Maschinen in Taiwan wohl bei 550 ccm verläuft. Große Motorräder sind jedoch immer noch relativ selten im Land, zum Teil weil jahrzehntelang Maschinen ab 150 ccm weder importiert noch angemeldet werden durften. Das Verbot wurde erst vor rund fünf Jahren aufgehoben. In den Augen der meisten Taiwaner sind schwere Maschinen ein Luxus für reiche Leute. Der Preis für eine neue BMW oder Harley-Davidson ist häufig höher als 1 Million NT$ (20 830 Euro). Japanische Modelle sind preiswerter als westliche Ware, kosten aber dennoch im Allgemeinen nicht weniger als 400 000 NT$ (8330 Euro), etwa so viel wie ein sparsames Auto. Neue Zweiräder made in Taiwan zwischen 50 und 150 ccm sind viel billiger, man bekommt sie zu Preisen zwischen 30 000 und 60 000 NT$ (625-1250 Euro).

Oft eigenhändig zusammengeschraubt

Manche Firmen umgingen das Importverbot, indem sie Motorradteile als "Altmaterial" im Ausland kauften und die Maschinen dann in Taiwan zusammensetzten. "Ich habe eine Leidenschaft für Motorräder, seit ich ein Teenager war", bekennt Lin. "Ich konnte es nicht erwarten, eine schwere Maschine zu bekommen." Sein erstes großes Motorrad kaufte er vor über 10 Jahren -- eine Honda, die in Taiwan zusammengeschraubt wurde, nachdem die Teile aus Japan eingeführt worden waren.

So wie andere Freunde schwerer Maschinen jener Zeit konnte Lin nur ein nicht-angemeldetes Motorrad fahren und riskierte, dafür eine Geldstrafe verpasst zu bekommen. So ging es auch Huang De-shun, dem Kopf des 2001 gegründeten Taiwan Harley Club in Taipeh. Huang erzählt, dass seiner Erfahrung nach Polizisten bei Verstößen meist beide Augen zudrückten. "Ich wurde mehrmals von der Polizei angehalten, musste aber nie eine Strafe zahlen", berichtet der 54-jährige Harley-Freund, der die ehrwürdige amerikanische Marke vor allem wegen des unverwechselbaren Auspuffdonners liebt. "Im Großen und Ganzen war es in Ordnung, solange man keine Verkehrsregeln verletzte."

Trotzdem waren die Feuerstuhlpiloten tagtäglich dem Risiko ausgesetzt, wegen Fahrens ohne gültige Papiere vernommen und bestraft zu werden. Das änderte sich erst im Jahre 2002, als Taiwan in die Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO) aufgenommen wurde. Eine Bedingung für die WTO-Mitgliedschaft war gewesen, dass Taiwan seinen Markt für eine Reihe von Importwaren öffnen musste, darunter Motorräder der Spitzenklasse. Im Juli des gleichen Jahres hob Taiwans Regierung das Verbot für die Einfuhr von Motorrädern über 150 ccm auf, sechs Monate nach der Aufnahme in die WTO.

"Es ist sicherer, ein Original-Motorrad zu fahren, als eines, das hier aus Einzelteilen zusammengeschraubt wurde", findet Jack Hsieh, der Motorräder repariert und neu ausstattet. Das Verbot war nach Hsiehs Einschätzung teilweise zum Wohle der Verkehrssicherheit verhängt worden, doch der daraus resultierende Untergrundhandel mit nachträglich zusammengesetzten Krafträdern erwies sich in dieser Hinsicht als kontraproduktiv. Er begrüßt die neue Politik, die eine enorme Zunahme der Zahl von Besitzern schwerer Maschinen zur Folge hatte, empfiehlt aber, dass die Regierung die Beschränkungen noch weiter lockern sollte. "Fahrer modifizieren ihre Motorräder gern nach ihrem eigenen Geschmack, doch es gibt in Taiwan so viele unnötige Regeln, welche Veränderungen an Motorrädern einschränken. In Japan hat man beim Umbau von Motorrädern viel mehr Freiheit."

Nachdem größere Motorräder zugelassen wurden, musste auch das Einstufungssystem entsprechend überarbeitet werden. In der Vergangenheit gab es für Krafträder zwei Kategorien, wobei 50 ccm die Trennlinie zwischen "leichten" und "schweren" Krädern war. Heute gibt es drei Kategorien: leicht (bis 50 ccm), schwer (51-250 ccm), groß und schwer (über 250 ccm). Einen Monat vor der Aufhebung des Importverbots traten neue Verkehrs- und Zulassungsregeln in Kraft.

Cool und teuer -- schwere Maschinen sind oft mit Extras ausgestattet, die man sonst nur bei Autos kennt.


Zu jenem Zeitpunkt begann Seichi Liu, ein BMW-Motorradhändler, der vorher lange Zeit die taiwanische Regierung mit den bayerischen Gummikühen für den Dienst in der Landespolizei beliefert hatte, damit, Privatkunden wie Lin Chao-ming BMW-Maschinen zu verkaufen. "Vor der Aufhebung des Importverbotes war ich hier der einzige BMW-Händler", sagt der 71-Jährige, ein aktiver Motorrad-Enthusiast, der nebenberuflich Polizisten Fahrstunden erteilt. Lin hat einen Klub organisiert, deren Mitglieder gelegentlich gemeinsam um die Insel brummen. Pan German Motors, BMWs Vertragshändler in Taiwan, veranstaltet jedes Jahr eine Versammlung für seine Kunden, die letzte fand im November vergangenen Jahres in Kenting an der Südspitze Taiwans statt.

"Es ist wie eine Pilgerreise", vergleicht Lin. "Für jedes Klubmitglied ist das Treffen ein Ereignis, das man nicht versäumen darf." In Kenting tauschten Motorradfahrer aus ganz Taiwan Anekdoten über ihr Lieblingshobby aus.

Als Reaktion auf die Nachfrage junger Motorradfreunde, die es sich noch nicht leisten können, den heißen Ofen ihrer Träume zu kaufen, haben manche Firmen damit begonnen, schwere Motorräder zu vermieten. "Dank der Motorradvermietungen kann man verschiedene Modelle ausprobieren, bevor man sich entscheidet, welches man am liebsten mag", freut sich der 32-jährige Zen Huang, der in einem Geschäft in Taipeh häufig für 2800 NT$ (58 Euro) Tagesgebühr eine japanische 400 ccm-Geländemaschine mietet und einem Motorradklub mit 1200 Mitgliedern beigetreten ist. "Eine Harley ist wie ein fahrendes Sofa. Für lange Strecken ist das recht bequem, doch sie fährt nicht so schnell wie japanische Modelle." Laut Huang erreichen manche japanische Maschinen Spitzengeschwindigkeiten von über 300 Stundenkilometern.

Sicherheit in Zahlen

"Um sicher zu gehen, sollten Anfänger Maschinen mit höchstens 250 ccm fahren", rät der 40-jährige David Tou, der sich vor vier Jahren dem Klub angeschlossen hatte. "Erst wenn man genug Erfahrung mit dem Motorrad hat und in den Klub aufgenommen wurde, darf man schwerere Karren fahren."

Auf die Frage, warum Fahrer schwerer Maschinen -- die meist zum Vergnügen fahren und nicht allein, um von A nach B zu kommen -- bevorzugt in größeren Pulks unterwegs sind, nennen sowohl Lin Chou-ming als auch Tou Sicherheitsgründe. "Wenn man alleine unterwegs ist und einen Unfall hat, hat man schlechte Karten", begründet Lin. "Wissen Sie, viele BMW-Fahrer sind über 40. Für die meisten wäre es sehr mühsam, ein umgefallenes Motorrad wieder aufzurichten, denn die Dinger können bis zu 400 Kilo wiegen." Fahrer der schnelleren, leichteren und preiswerteren japanischen Modelle sind meist jünger und besser in Form, deswegen brauchen sie beim Aufrichten ihrer Maschinen eher keine Hilfe. Dafür vermeiden die Jüngeren in einer Gruppe Ärger mit unangenehmen Typen. Tou hat von Fällen gehört, bei denen allein fahrende Biker von neidischen Jugendlichen verprügelt wurden.

Wie dem auch sei, allgemein entwickelt sich die Lage für die Freunde großer Motorräder günstig, was Aktivisten zu verdanken ist, die sich für die Lockerung der Straßenbestimmungen eingesetzt haben. "Früher mussten wir eine viel höhere Nummernschild-Gebühr zahlen als Autobesitzer, erhielten aber bei der Straßenbenutzung nicht die gleichen Rechte", enthüllt Chen Li-yun, ein Motorradhändler und führender Aktivist.

Laut Chen musste der Besitzer einer Maschine mit 601 ccm oder mehr früher jedes Jahr Nummernschildgebühren in Höhe von 23 000 NT$ (479 Euro) berappen, erheblich mehr als bei einem Auto mit vergleichbarem Hubraum. Mit der Unterstützung von Politikern, darunter dem ehemaligen Parlamentsabgeordneten und Motorrad-Enthusiasten Chen Chien-ming, wurde die Gebühr schrittweise reduziert und ist heute relativ vernünftig: Für Krafträder zwischen 601 und 1200 ccm beträgt sie derzeit 4320 NT$ (90 Euro), genauso viel wie für Autos in diesem Bereich.

Gleichzeitig erhalten manche Motorradfahrer mehr Rechte. Im Jahre 2002 durften Motorräder generell nicht auf Autobahnen fahren. Seit Anfang 2005 sind Krafträder mit einem Hubraum ab 250 ccm auf zwei Autobahnabschnitten mit insgesamt 50 Kilometern Streckenlänge im Westen Taiwans, auf denen das Verkehrsaufkommen vergleichsweise gering ist, zugelassen. Dieses Pilotprojekt des Verkehrsministeriums (Ministry of Transportation and Communications, MOTC) evaluierte die potenziellen Risiken für den Fall, dass man schwere Maschinen auf mehrspurigen Schnellstraßen erlaubte. Laut Liu Shih-ming, der die KFZ-Sektion in der Abteilung für Eisenbahn und Autobahnen des Ministeriums leitet, trug das Pilotprojekt dazu bei, "Maßnahmen zur Verminderung dieser Risiken zu entwerfen".

Freunde schwerer Motorräder feierten die Liberalisierung von Straßenbestimmungen im November letzten Jahres mit einer Wochenendtour von Taipeh nach Tainan.


Meilenstein für Taiwans Motorradwelt

Fast drei Jahre später passierten die Motorrad-Aktivisten einen weiteren Meilenstein, denn am 1. November 2007 wurde es gestattet, Motorräder ab 550 ccm auf den schnellen Fahrspuren städtischer Hauptstraßen sowie auf Schnellstraßen, wo Geschwindigkeitsbegrenzungen zwischen 70 und 90 Stundenkilometern herrschen, zu fahren. Autobahnen mit Tempolimit zwischen 90 und 110 Stundenkilometern sind weiterhin für Motorräder aller Art gesperrt. Das Staatsautobahnamt Taiwan im MOTC untersucht jedoch das Für und Wider der Möglichkeit, dieses Verbot aufzuheben und Motorräder auf allen Straßen zuzulassen. Ein Bericht zur Einschätzung wird gegen Ende dieses Jahres erwartet. "Es ist besser, die Beschränkungen schrittweise zu lockern", meint Seichi Liu. "Im Straßenverkehr sind Taiwaner nicht besonders zuvorkommend. Wären die Autobahnen jetzt schon für Motorräder frei, würden die Opferzahlen wegen Unfällen steil ansteigen, und dann wäre das Verbot einen Monat nach der Aufhebung wieder in Kraft."

Liu Shih-ming sinniert: "Im Prinzip werden Motorräder ab 550 ccm in die gleiche Kategorie eingestuft wie Kleinwagen, obwohl die Behörden ihren Betrieb auf bestimmten Straßenabschnitten gesondert verbieten können." Fahrer schwererer Maschinen dürfen nun wie Autos direkt links abbiegen, anstatt sich zunächst rechts einzuordnen und dann gemeinsam mit dem Querverkehr nach dem Umspringen der Ampel nach links weiterzufahren. Für kleinere Krafträder ist diese restriktive Regelung zum Linksabbiegen weiterhin gültig. Gleichzeitig müssen schwere Motorräder ebenso wie Autos sowohl hinten als auch vorne Nummernschilder anbringen. Motorradfahrer bemängeln, es sei unpraktisch, vorne Nummernschilder zu befestigen, und außerdem sieht es hässlich aus.

Gemeinsam mit der Einführung der neuen Regeln wurden auch die Fahrprüfungen überarbeitet. Früher wurden Fahrer von Maschinen ab 250 ccm durchweg dem gleichen Test unterworfen, doch seit November letzten Jahres finden für die Klassen 250-549 ccm und ab 550 ccm unterschiedliche Prüfungen statt.

Sowohl die Autofahrer als auch die Motorradfahrer müssen sich an die neue Situation gewöhnen. Eines der klassischen Probleme, mit dem Biker auf Autobahnen in der ganzen Welt jeden Tag zu kämpfen haben, ist der häufige Irrtum von Autofahrern, die vergessen, dass Motorräder vor ihnen in ihrem Blickfeld weniger Platz einnehmen als ein Auto, und deswegen dazu neigen, zu dicht aufzufahren. Das ist für Motorradfahrer besonders bedrohlich, denn Krafträder können erheblich schneller abbremsen als selbst die kleinsten Autos, und wegen der kurzen Bremswege laufen sie ernsthaft Gefahr, in Extremsituationen Opfer von folgenschweren Auffahrunfällen zu werden.

Außerdem bereitet der Umstand Sorge, dass manche Autofahrer in Rage geraten, wenn sie Motorräder überholen wollen, die ihrer Ansicht nach die Fahrspur "versperren". In Wirklichkeit haben Motorräder die gleichen Rechte und Pflichten wie andere Kraftfahrer, daher sollten sie sich auf ihrer Fahrspur nicht rechts halten, damit Autos sie leichter überholen können. Andererseits sollten Motorradfahrer wiederum sich nicht ducken oder sich zum Überholen von Autos zwischen zwei Fahrspuren zwängen. Auf Straßen in Ortschaften könnte es passieren, dass Fahrer leichterer Mopeds unwillkürlich größeren Motorrädern hinterherfahren und so die für sie geltenden Regeln zum Linksabbiegen verletzen. Diese und andere potenzielle Probleme machen deutlich, wie wichtig die öffentlichen Erziehungsmaßnahmen der Regierung im Hinblick auf die neuen Rechte für Fahrer schwerer Maschinen sind.

Fast alle Kräder in Taiwan ab 250 ccm wurden aus Japan, Europa oder Amerika importiert. "Sie besitzen moderne Designs und Technologie", analysiert Huang De-shun und erklärt damit, warum ausländische Unternehmen den Inlandsmarkt für große Motorräder beherrschen. Die einheimischen Hersteller von Mopeds und Rollern konzentrieren sich nach wie vor auf die Produktion von Fahrzeugen mit weniger als 150 ccm. Zwar bauen manche von ihnen nun auch Modelle mit mehr Hubraum, doch die sind überwiegend für den Export. Momentan fahren auf Taiwans Straßen 13 Millionen Motorräder aller Größen, doch weniger als 15 000 Maschinen haben 550 ccm oder mehr. Aufgrund der vernünftigeren Nummernschildgebühren und der Zusage, schweren Krädern mehr Straßen zu öffnen, wird sich ihre Zahl wahrscheinlich schnell erhöhen. Chen Li-yun: "Wenn man erst einmal damit anfängt, eine schwere Maschine zu fahren, wird man garantiert danach süchtig."

(Deutsch von Tilman Aretz)