HANDWERKSKUNST

Harmonie in Gegensätzen

In ihren Holzarbeiten verbinden die Gebrüder Fan das Natürliche und das Künstliche, das Alte und das Neue.

von Jim HWANG
Fotos: HUANG Chung-hsin

Fan Yang-tien (links) und sein Bruder Fan Yang-wu haben ihren eigenen Stil kreiert, bei dem zwischen kontrastierenden Elementen Harmonie geschaffen wird.


An den Wochenenden herrscht auf der Provinz-Schnellstraße Nr. 3 in der Nähe von Jhudong immer reger Verkehr. Busse und Autos bringen Ausflügler und Touristen zur Gemeinde Beipu im Landkreis Hsinchu, die sich wegen ihrer Persimonen- und Erdbeergärten sowie der Hakka-Kultur und Küche einer großen Beliebtheit erfreut. Vor ein paar Jahrzehnten war der Verkehr auch schon dicht, doch nur unter der Woche, als Lastwagen Baumstämme aus Beipu abtransportierten, da der Ort damals ein Zentrum des Nutzholzgewerbes der Gegend war. Holzeinschlag ist seit zwei Jahrzehnten verboten, und die damit zusammenhängenden Gewerbe sind größtenteils verschwunden. Wer jedoch ein paar Kilometer vor Beipu an der Smangus-Werkstatt anhält, kann noch Spuren der vergangenen Holzwirtschaft der Gegend finden.

Fan Yang-tien und Fan Yang-wu betreiben eine Werkstatt, in der Holzmöbel hergestellt werden. Die Brüder, die in Beipu zur Welt kamen und aufwuchsen, begleiteten als Kinder ihren Vater zu den Nutzholzstätten und lernten dabei eine Menge über Holz und Holzeinschlag. Heute werden Besucher ihrer Werkstatt oft von den beiden zu einer Tasse Kaffee und einem Schwätzchen über Beipu, Holz, Möbel, Politik oder andere Themen eingeladen. Beim Gespräch mit den Brüdern ist es für Gäste jedoch schwer, die Einzigartigkeit der von ihnen hergestellten Möbel zu übersehen. Eine Kommode stellt beispielsweise fünf verschiedene Holzsorten an der Vorderseite der fünf Schubladen zur Schau: Kampfer, Zelkove, Zypresse, Magnolie und Taiwan-Weihrauchzeder. Das Design eines Tisches nimmt eckige, moderne Elemente in die Form des ursprünglichen Baumstamms auf.

Dritte Generation

Die Fans bilden die dritte Generation des Holzgewerbes ihrer Familie. Ihr Großvater betrieb in den fünfziger Jahren in Beipu einen Laden für die Herstellung hölzerner landwirtschaftlicher Geräte, Türen und Fenster. Ihr Vater, Fan Guang-ming, baute zwar keine Gegenstände aus Holz, bewirtschaftete aber einen kleinen Nutzholz-Hof. Als die Regierung jedoch in den achtziger Jahren ein Verbot für Holzeinschlag auf öffentlichem Land zu erwägen begann, stieg Fan Guang-ming auf den Bau von Holzmöbeln um und gründete 1984 Guang Ming Wooden Furniture, was sich als ein vorausschauender Schritt erwies, da das Verbot für Holzeinschlag im Jahre 1985 in Kraft trat.

Die von Guang Ming in den frühen Jahren gebauten Möbel waren sehr schlicht. Große Holzstücke wurden überwiegend in ihrer ursprünglichen Form belassen. Nachdem sie etwas gereinigt, geschliffen und poliert worden waren, wurden daraus Tische, Stühle oder Raumteiler. Zwar war dafür keine versierte Schreinerkunst oder großartiges Design erforderlich, doch war die von Guang Ming produzierte Möbelsorte seinerzeit sehr beliebt. Die Gewinne waren gut, und der Vater und die Söhne mussten viel arbeiten, um die Nachfrage zu befriedigen. "Meine 'Hausarbeit' bestand im Schleifen und Polieren des Holzes", berichtet Yang-tien. "Das gefiel mir überhaupt nicht, denn es sah so aus, als ob ich das mein Leben lang würde tun müssen." Yang-tiens Traum war damals, ein Profirennfahrer zu werden, als er in die Abteilung für KFZ-Technik einer örtlichen Berufsoberschule aufgenommen wurde. Doch je länger er mit Holz arbeitete, desto mehr gefiel ihm und faszinierte ihn das Material. Obwohl sein Traum vom Rennfahrer nie Wirklichkeit wurde, halfen ihm doch die Kenntnisse über Maschinen und Elektronik, die er an der Berufsoberschule erwarb, wenn er in der Holzwerkstatt neue Maschinen einrichtete und wartete.

Ein scharfer Knick

Der Markt für hochwertige Möbel wurde durch den Zusammenbruch des Aktienmarktes im Jahre 1990 hart getroffen. Mit dem Aufkommen billiger Importe und steigender Produktionskosten erfuhr auch das einheimische Möbelgewerbe einen Niedergang. Zahlreiche Hersteller verlegten ihren Betrieb ins Ausland, viele andere stiegen ganz aus dem Geschäft aus. Als Yang-tien 1990 seinen Pflichtwehrdienst beendete, war der Markt bereits auf dem absteigenden Ast, und als Yang-wu 1993 von der Armee zurückkehrte, war der Tiefpunkt erreicht. Yang-wu, der nach Taipeh ging, um nach Abschluss der Mittelschule Kunst zu studieren, wurde von seinem Bruder überredet, seinen Traum von einer Laufbahn als Kunstmaler aufzugeben und sich dem Familiengeschäft anzuschließen.

Der Fleiß des Vaters und der Söhne konnte ihr Glück indes nicht bessern. "Wir arbeiteten viel und schwer, doch das war keine Lösung", seufzt Yang-tien. "Es gab einfach nicht genug Geschäft, egal wie produktiv wir waren." Die Lage verschärfte sich dadurch, dass bei Fan Guang-ming Leberkrebs festgestellt wurde, und er starb 1995.

Anständig vermöbelt: Diese Kommode hat ein Gehäuse aus Teakholz, die Vorderseiten der Schubladen sind (von oben nach unten) aus Ulmenholz, Kampferholz und Weihrauch-Zeder.


Die Brüder beschlossen, ihren Laden aufrechtzuerhalten, und änderten 1997 den Namen zu Smangus-Werkstatt. Yang-tien erläutert, dass Smangus der Name des Atayal-Ureinwohnerclans ist, der unweit des Waldes lebt, wo ihr Vater Bäume fällte und wohin er die Söhne mitnahm. Der Name Smangus erweckt bei den Brüdern nicht nur Kindheitserinnerungen, sondern repräsentiert für sie auch eine einfache und natürliche Lebensweise. "Unsere Designs haben mit der Atayal-Kultur wenig zu tun, aber ihre Lebensweise ist das, was wir in unseren Möbeln gern heraufbeschwören wollen."

Für mehrere Jahre nach dem Tod ihres Vaters versuchten die Brüder, ihr Geschäft auszubauen, indem sie ihre Produktlinien diversifizierten. Sie bauten weiterhin Möbel in dem Stil ihres Vaters, begannen mit dem Verkauf von Importmöbeln, restaurierten betagte Möbel und stellten Nachbildungen antiker Möbel her. Nach den Worten der Brüder konnte man damals noch viele beschädigte Möbel in alten Häusern oder in den Siedlungen ehemaliger Angehöriger der Streitkräfte, die für Erneuerungsprojekte abgerissen wurden, abholen. Einen Teil des alten Holzes konnte man wiederverwenden, und manche der kaputten Möbel konnten nach der Reparatur noch jahrelang benutzt werden.

Was dazugelernt

Zwei Dinge, welche die Brüder durch die Arbeit mit alten Möbeln lernten, erwiesen sich für ihr Geschäft als von großem Wert. Die erste Lektion betraf die unterschiedlichen Stile von Möbeln, die zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Designstilen hergestellt worden waren. Die zweite Lektion war eine der wichtigsten und kompliziertesten Techniken bei der Herstellung hochwertiger Möbel -- die Verbindung mit Zapfen und Nut. Viel von dieser Technik, die von aufeinanderfolgenden Generationen von Holzarbeitern überliefert worden war, ging verloren, als Nägel, Schrauben und Leim die Verzapfungstechnik verdrängten. Bei alten Möbeln kann man jedoch immer noch viele Beispiele dieser Technik entdecken. "Solche Dinge mussten wir nicht wissen, als wir an den Möbeln meines Vaters arbeiteten", bemerkt Yang-tien. "Man muss das aber wissen, wenn man in diesem Geschäft bleiben will."

Um mit dem, was sie gelernt hatten, zu experimentieren, erfanden die beiden Brüder ihre eigenen Designs. Die Idee der Ausweitung der Produktpalette half dem Geschäft jedoch nicht sehr. 1998 beschlossen sie schließlich, sich ausnahmslos auf ihre eigenen Designs zu konzentrieren. "Möbel sind wie Mode, denn die Kunden verlangen ständig Veränderungen", philosophiert Yang-tien. "Unser kleiner Betrieb kann nie mit den Veränderungen Schritt halten, daher bestand der einzige Ausweg darin, unseren eigenen Stil aufzubauen." Diese Entscheidung erwies sich als klug. Die Brüder stellten ihre Entwürfe erstmals 2002 in Beipu aus und zeigten sie später auch in Hsinchu und Taipeh. Fünf Jahre später hat sich die Smangus-Werkstatt zu einem anerkannten Markennamen auf dem lokalen Möbelmarkt gemausert.

Gegensätze ziehen sich an

Vereinfacht gesagt, der einzigartige Stil der Brüder ist eine Kombination von natürlich und künstlich, von traditionell und modern -- Elemente, die gegensätzlich erscheinen, die bei den Entwürfen der Fans aber gut ausgewogen und harmonisch sind. "Während Holz ein Naturprodukt ist, gewinnt es durch ein etwas künstliches Flair die Eignung für von Menschen geschaffene Räume wie ein Wohnzimmer", versichert Yang-tien. Die Oberfläche eines Tisches kann beispielsweise zur Hälfte Massivholz und zur Hälfte Glas sein, um die Dichotomie von Fülle und Leere hervorzurufen. Oder ein Schreibtisch kann zur Hälfte wie ein gewöhnlicher Büroschreibtisch aussehen und gebaut sein, während die andere Hälfte die natürliche Form eines großen Holzblocks beibehält. Bei solchen Arbeiten dient die Originalform des Holzes als Anregung für das Gesamtdesign. Manchmal bleibt ein Holzstück mehrere Jahre lang in der Werkstatt liegen, bevor man sich auf ein Design festlegt.

Die Materialien für die Entwürfe der Fans umfassen einheimisches und importiertes Holz, Holz von beschädigten Möbeln sowie gelegentlich auch Metall und Glas. Ein Designerstück von Smangus kann mehrere Holzsorten mit verschiedenen Farben, Härtegraden und Maserungen enthalten. Ungeachtet des Materials werden alle Teile mit Zapfen und Nuten verbunden. Yang-tien erläutert, dass es Hunderte von Variationen solcher Verbindungen gibt. Verbindungen unterschiedlicher Formen und Größen werden zum Zusammenfügen verschiedener Teile benutzt, und die Winkel, die Stärken und die Materialien der Teile, die verbunden werden sollen, müssen bei der Planung allesamt berücksichtigt werden. Schon bei einem einfachen Stuhl können drei verschiedene Verbindungsarten zur Anwendung kommen. Es erfordert sehr viel mehr Arbeit und erheblich mehr Zeit, solche Verbindungen auszuarbeiten, als wenn man einfach Nägel und Schrauben benutzte, doch die Gebrüder Fan glauben, dass ein gutes Möbelstück so gebaut werden sollte, selbst wenn immer weniger der heutigen Kunden ihre Handwerkskunst erkennen und zu schätzen wissen.

Zwar begann der Betrieb allein mit den Brüdern, doch mittlerweile wurde das Personal der Werkstatt um vier weitere Handwerker und sechs Gehilfen verstärkt, so dass die Brüder sich aufs Design konzentrieren können. Wenn den Fans eine Design-Idee kommt, wird diese erst gezeichnet und diskutiert. Der jüngere der Brüder, der nicht so viele Jahre in dem Geschäft des Vaters gearbeitet hatte und über weniger Erfahrung beim Möbelbauen verfügt, wartet ab und zu mit unpraktischen Projekten auf. "Ein Stuhl, der gut aussieht, ist nicht unbedingt auch bequem, wenn man drauf sitzt", weiß der ältere Bruder. "Zwar muss ein gutes Möbelstück was fürs Auge bieten, doch es ist ebenso wichtig, dass es vollkommen funktional ist."

Die Smangus-Werkstatt erzeugt pro Monat in der Regel 10 bis 20 Möbelstücke und verkauft auch die entsprechende Menge.


Unterm Strich

Yang-wu gibt zu, dass er gelegentlich vom künstlerischen Aspekt eines Entwurfes mitgerissen wird und die Notwendigkeit vergisst, die Kosten zu beschränken. Die Brüder haben es sich zur Gewohnheit gemacht, die Kosten jedes einzelnen Möbelstückes als Hinweis für den Minimalpreis, zu dem ein fertiges Exemplar verkauft werden sollte, auf das Holz zu schreiben.

Die Ausführung jedes Stückes ist ein langer Prozess der Kommunikation zwischen den Designern und den Handwerkern. In der Regel kann die Werkstatt 10 bis 20 Stücke im Monat anfertigen und im gleichen Zeitraum auch diese Stückzahl verkaufen. Bei diesem relativ geringen Aufkommen darf es nicht überraschen, dass Smangus-Möbel teuer sind. Stühle kosten mindestens 10 000 NT$ (208 Euro), Esstische liegen deutlich über 100 000 NT$ (2083 Euro). Der Preis jedes Stückes beruht auf den Kosten der Rohmaterialien und den Arbeitsstunden, und tatsächlich ist die Gewinnspanne sehr gering.

Laufkundschaft mag durch einen Blick auf die Preisschilder abgeschreckt werden, doch die Brüder zerbrechen sich darüber nicht den Kopf, da ihre angestrebten Verkaufszahlen durch die beschränkte Produktionskapazität ihrer Werkstatt begrenzt sind. Die größte Sorge ist die Seltenheit versierter Handwerker. Derzeit sind alle Handwerker in der Smangus-Werkstatt über 50 und sind wohl nicht mehr sehr viele Jahre zu der körperlich anstrengenden Arbeit in der Lage. Yang-tien erinnert sich, dass während der Blütezeit der Holzwirtschaft in der Gegend kein Mangel an Handwerkern herrschte. Die örtliche Berufsoberschule hatte damals sogar eine Schreiner-Abteilung. Es ist verständlich, dass mit dem Niedergang der Holzwirtschaft entsprechende Berufe zu verschwinden begannen, doch den Gebrüdern Fan ist es ein Rätsel, dass heute anscheinend keine jungen Leute Interesse an dem Gewerbe haben, obwohl die Werkstatt das Dreifache von dem Gehalt bietet, das man bei der Arbeit in einem Restaurant oder in einer Tankstelle erhalten würde.

Für Grübeleien haben die Fans indes keine Zeit, da sie den lieben langen Tag vollkommen damit beschäftigt sind, Materialien einzukaufen und zu sortieren, mit den Handwerkern zu kommunizieren und an neuen Entwürfen zu arbeiten. Während beide Brüder gern mit Künstlern der Gegend schwatzen und Gedanken austauschen, um Anregungen für Designs zu bekommen, haben sie unterschiedliche Inspirationsquellen. Yang-wu reist gerne, um andere Kulturen zu erleben, während Yang-tien oft beim Lesen neue Ideen kommen.

Eines von Yang-tiens Lieblingszitaten aus dem Bereich Möbel stammt aus dem Buch Walden von Henry David Thoreau (1817-1862): "Ich hatte drei Stühle in meinem Haus, einen für Einsamkeit, zwei für Freundschaft, drei für Gesellschaft." Es scheint, dass die Gebrüder Fan ebenfalls drei Stühle besetzen -- den ersten fürs Familienerbe, den zweiten für die Holzarbeit-Tradition und den dritten für eine einzigartige Design-Philosophie.

(Deutsch von Tilman Aretz)



Die Website der Smangus-Werkstatt:
http://www.smangus.com.tw