PALASTMUSEUM

Auslese auf lang ersehntem Besuch

Nach ähnlichen Ausstellungen in Paris, Berlin und Bonn werden im Frühjahr 2008 Kunstschätze aus Taiwans Nationalem Palastmuseum erstmals in Wien gezeigt.

von Tilman ARETZ
Fotos mit freundlicher Genehmigung des Nationalen Palastmuseums

Diese große Vase mit Drachenmotiv aus der Regierungszeit des Ming-Kaisers Yongle (1403-1424) wiegt über 6 kg und ist eines der berühmtesten Beispiele für blauglasiertes weißes Porzellan in der Sammlung des Nationalen Palastmuseums.


Für Kunstfreunde aus Österreich und den benachbarten Regionen ist die Ausstellung "Schätze aus dem Nationalen Palastmuseum Taiwan" ein Ereignis, das nicht versäumt werden darf. Zwischen dem 26. Februar und dem 12. Mai 2008 werden im Kunsthistorischen Museum in Wien 116 wertvolle Objekte gezeigt, darunter 88 antike Kunstgegenstände, 23 Gemälde und Kalligrafien sowie 5 seltene Bücher.

Die Ausstellung fügt sich harmonisch ein in eine Reihe ähnlicher Veranstaltungen, die seit dem vergangenen Jahrzehnt in Europa Aufsehen erregten. Den Auftakt bildete dabei die Ausstellung "Erinnerungen eines Imperiums: Die Schätze des Nationalen Palastmuseums", bei der vom 20. Oktober 1998 bis zum 25. Januar 1999 im Grand Palais in Paris 273 Objekte gezeigt wurden. Das zahlenmäßig umfangreichste Kontingent ging einige Jahre später für eine Doppelausstellung nach Deutschland -- "Schätze der Himmelssöhne: Die kaiserliche Sammlung aus dem Nationalen Palastmuseum Taipeh" gastierte mit 400 Objekten vom 18. Juli bis 12. Oktober 2003 im Alten Museum Berlin und vom 21. November 2003 bis 15. Februar 2004 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Möglich wurden diese Ausstellungen durch gesetzliche Garantien der Ausstellerländer, dass die unschätzbaren Kunstwerke des Museums nicht infolge von Intervention des kommunistischen Regimes der VR China im Ausstellungsland zurückgehalten werden. Laut der Kuratorin der Ausstellung Deng Shu-ping gibt es auch dieses Mal keinen Anlass zu der Besorgnis, dass die Exponate auf Druck Chinas nicht an Taiwan zurückgegeben würden:"Wir verlangen natürlich die Versicherung,dass die Exponate rechtlich vor Beschlagnahme geschützt sind und mit absoluter Sicherheit wieder nach Taiwan zurückkommen, dass sie vollständig und sicher an den ursprünglichen Ort der Sammlung zurückkehren." Gegen Schäden und sonstige Unbillen ist die Ausstellung mit 220 Millionen US$ versichert.

Die Ausstellung in Wien ist Teil eines Kulturaustausches zwischen Taiwan und Österreich. Die erste Phase war die Ausstellung "Pracht des Barock und darüber hinaus: Großartige Meisterwerke der Habsburgischen Sammlung", bei der 67 Gemälde vom 20. Oktober 2007 bis 24. Februar 2008 im Nationalen Palastmuseum gezeigt wurden, darunter Werke von Tizian (ca. 1488-1576), Bartholomäus Spranger (1546-1611), Hans Vredeman de Vries (1527-1609), Hendrick van Steenwyck dem Jüngeren (1580-1649) und anderen.

Fabeltier bixie (Östl. Han-Dynastie, 25-220 n. Chr.). Jade auf Holzsockel; Höhe 9,3 cm, Länge 13,6 cm. Der Holzsockel stammt aus der Qing-Dynastie (1644-1911).


Die Form des Kulturaustausches mit Ausstellung und Gegenausstellung ist eine übliche Praxis des Nationalen Palastmuseums, bei der beide Seiten auf die Erhebung von Ausstellungsgebühren beim Partner verzichten. Für die Ausstellungen des Nationalen Palastmuseums in Deutschland fand im Gegenzug vom 30. April bis 1. August 2004 in Taiwan die Ausstellung "Ein Jahrhundert Deutscher Kunst, Meisterwerke von den Staatlichen Museen zu Berlin" mit 193 erlesenen Objekten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus sechs Berliner Museen statt.

Die 116 Objekte, die derzeit in Wien gezeigt werden, sind nicht die quantitativ größte Sammlung, die vom Nationalen Palastmuseum ins Ausland geschickt wurde. "Dafür ist es die umfassendste Sammlung mit 5000 Jahre alten Objekten, darunter Meisterwerke, welche die Kontinuität der chinesischen Geschichte sowie die Vitalität und Fusion der chinesischen Kultur vorführen", versichert Lin Mun-lee, seit Januar 2006 Direktorin des Nationalen Palastmuseums.

Das älteste Objekt ist eine Jadevogel-Schnitzerei aus der nordostchinesischen Hongshan-Kultur (ca. 4700-2900 v. Chr.) in der späten Jungsteinzeit. Archaische Ritualjaden und Bronzegefäße, Höhepunkte aus der weltberühmten Keramik- und Porzellansammlung, wertvolle Lack- und Emaillearbeiten, Goldobjekte, Elfenbein- und Bambusschnitzereien sowie Werke der berühmtesten chinesischen Meister der Kalligrafie und Malerei runden neben einigen Stücken aus der Sammlung wertvoller Bücher und Dokumente die Ausstellung ab.

55 der gezeigten Gegenstände waren zuvor noch nie ins Ausland geschickt worden. Am bemerkenswertesten unter diesen Debütanten ist sicherlich das gut 270 Jahre alte Gemälde mit dem Titel "Am Flussufer zum Qingming-Fest" (Qingming shanghetu), gemalt von Chen Mei, Sun Hu, Jin Kun, Dai Hong und Cheng Zhidao. Diese 11 Meter lange Rolle stellt das Leben, die Sitten und Gebräuche in der damals Bianjing genannten Hauptstadt Kaifeng (Provinz Henan) der Nördlichen Song-Dynastie dar. Daneben werden unter anderem eine Wasserschale mit Phönix-Griff aus der Yuan-Dynastie, eine berühmte bauchige Vase aus blauweißem Porzellan mit Drachenmotiv aus der Regierungszeit des Ming-Kaisers Yongle (geb. 1360, regierte von 1403 bis zu seinem Tod 1424) und ein Zierteller mit in Lack geschnitztem Drachen- und Phönixmotiv zu bewundern sein.

Teekännchen und gedeckelte Teetasse mit Blumenmuster in Falangcai-Glasur auf Yixing-Porzellan. Qing-Dynastie, Regierungszeit des Kaisers Kangxi (1662-1722).


Das Nationale Palastmuseum in Taiwan zählt heute neben dem Louvre in Paris, dem Britischen Museum in London, der Hermitage in Sankt Petersburg und dem Metropolitan Museum of Art in New York zu den fünf besten Museen der Welt. Die gesamte Kollektion, welche die kaum fassbare Zahl von über 650 000 Objekten enthält, lässt sich in drei Kategorien unterteilen: Antiquitäten (u. a. Bronzeobjekte, Keramik und Porzellan, Jade, Lackarbeiten, Emaille- und Glasurarbeiten -- auch Cloisonné genannt, Schnitzereien, Weberei und Stickereien, Kleidungszubehör und andere), Gemälde und Kalligrafien (Porträts, Steinabreibungen, bemalte Fächer, Textilien und Stickereien) sowie alte und seltene Bücher und kaiserliche Dokumente. Letztere Kategorie enthält zahlenmäßig die meisten Einzelstücke -- das Nationale Palastmuseum besitzt über 147 000 Bücher, 11 000 Bücher in Mandschurisch oder Mongolisch und 386 000 Dokumente.

Die Sammlung des Nationalen Palastmuseums in Taipeh, die weltweit als die umfangreichste und kostbarste Kollektion chinesischer Kunst betrachtet wird, geht auf eine 1000-jährige Tradition kaiserlicher Sammeltätigkeit zurück. Begründet wurde sie während der Song-Dynastie, und die von jeder folgenden Dynastie ständig erweiterte Sammlung überlebte zahlreiche Umwälzungen wie Dynastienwechsel, Fremdherrschaften und Kriege. Ein Höhepunkt in dieser 1000-jährigen Sammeltätigkeit wurde in der Qing-Dynastie erreicht, als deren unermüdlichster Sammler Kaiser Qianlong (1711-1799, Regierungszeit 1735-1795) gilt.

Waren die Schätze in der Verbotenen Stadt während der Kaiserzeit Privatbesitz des Himmelssohnes (tianzi) gewesen, wurden sie nach dem Zusammenbruch der Qing-Dynastie 1911 öffentliches Eigentum. 1925 wurde das Nationale Palastmuseum gegründet und die Kunstschätze damit dem allgemeinen Publikum zugänglich gemacht. Weniger als ein Jahrzehnt nach der Eröffnung des Nationalen Palastmuseums begann eine unruhige Zeit für die Exponate. In den dreißiger Jahren wurden sie in gut 19 000 Kisten verpackt und vor den anrückenden Armeen der japanischen Invasoren in Sicherheit gebracht, gegen Ende des chinesischen Bürgerkrieges 1948/1949 wurden die wichtigsten 2972 Kisten von den KMT-Machthabern auf ihrer Flucht vor den chinesischen Kommunisten nach Taiwan evakuiert. Im schönen Taipeh-Vorort Waishuanghsi wurde dann im Jahre 1965 das Nationale Palastmuseum Taipeh eingeweiht.

In Taiwans Nationalem Palastmuseum wurden nicht nur hervorragende Bedingungen für die Aufbewahrung und Ausstellung der Objekte geschaffen, sondern sie wurden auch gründlich untersucht und erforscht. Beispielsweise ermittelte das Museumspersonal den Herstellungszeitpunkt und ort eines Gegenstandes sowie seine ursprüngliche Funktion und Bedeutung. Dabei beschränkte man sich aber nicht nur auf die Kunstgegenstände, die seit der Song-Dynastie in den Besitz der jeweiligen Herrscher Chinas gerieten. Das Museum sammelt auch Objekte, anhand derer sich die kulturelle Entwicklung der Chinesen im Verlauf von 7000 Jahren Geschichte von der Jungsteinzeit bis heute nachzeichnen lässt.

Guan-Porzellanschale in Form einer Hibiskusblüte mit heller blaugrüner Glasur aus der Südlichen Song-Dynastie (1127-1279).


In den letzten Jahren haben sich im Nationalen Palastmuseum auffallende Veränderungen vollzogen. Im Jahre 2002 wurde ein Renovierungsprojekt begonnen mit dem Ziel, dem notorischen Mangel an Ausstellungsraum im Museum beizukommen und gleichzeitig die Sicherheitssysteme gegen Gefahren wie Erdbeben und Feuer zu modernisieren. Zur Wiedereröffnung des Nationalen Palastmuseums nach Abschluss des Umbaus im Februar 2007 wurde bei der Ausstellung der Kunstgegenstände nicht nur das Prinzip der Einordnung nach Kunstgattungen größtenteils durch eine chronologische Ordnung ersetzt, die Ausstellungsräume erhielten auch durchweg ein moderneres Design.

Nicht weniger revolutionär ist die erweiterte Rolle und Mission, welche die Museumsleitung ihrer Institution zuweist. War das Nationale Palastmuseum früher unter der Ägide konservativer Direktoren überwiegend ein kultureller Ausstellungsraum für zumeist ausländische Touristen, so soll es heute für alle Besucher eine Art von Kulturpark mit Freizeitwert sein. Besonders angenehm für Besucher sind die längeren Öffnungszeiten samstags. "Ein modernes Museum darf sich nicht länger ausschließlich auf die Exponate konzentrieren", meint Lin. "Der Dienstleistungsaspekt des Museums muss nun in den Vordergrund treten, und man muss den Museumsbesuchern das Gefühl geben, dass sie mit dem Besuch des Museums eine hervorragende Dienstleistung erhielten."

Die Zahlen scheinen Lin Recht zu geben. Im Jahre 2007 wurden im Nationalen Palastmuseum 2,5 Millionen Besucher gezählt, 30 Prozent mehr als der vorherige Besucherrekord. Die Anziehungskraft des Museums wurde auch durch Kulturprogramme zur Begleitung von Ausstellungen erhöht -- zur Ausstellung der Habsburger Gemälde konnte man in der Lobby und auf dem Vorplatz des Museums Wiener Caféhausmusik hören. Lin freut sich besonders darüber, dass diese Veränderungen ohne zusätzliche Gelder von der Regierung erreicht wurden, indem man Sponsoren aus der privaten Wirtschaft zu Spenden bewegte.

Ein ehrgeiziges laufendes Projekt ist der Bau der südtaiwanischen Niederlassung des Nationalen Palastmuseums im Städtchen Taibao (Landkreis Chiayi) mit einem Budget von über 6 Milliarden NT$ (125 Millionen Euro). Die Anlage entsteht auf einem 70 Hektar großen Areal und soll im Jahre 2011 der Öffentlichkeit übergeben werden.