UMWELT
Klimawandel -- Krise und Chance
Als Inselstaat ist Taiwan für die Auswirkungen des Klimawandels besonders anfällig.
von Jim HWANG
Manche
alternativen Energiequellen wie Solarkraft vermindern Taiwans Abhängigkeit von
fossilen Brennstoffen, wenn auch nur im geringen Maßstab. (Foto aus unserem
Archiv)
Steigende Temperaturen
verursachen eine Ausdehnung der Ozeane. Dies ist eine der unausweichlichen Schlussfolgerungen
einer Studie, welche ein Verbund von Wissenschaftlern erstellte, die im vergangenen
Jahr vier einflussreiche Berichte über den Klimawandel herausgaben. Eine solche
Schlussfolgerung sollte in allen Ländern der Welt Besorgnis erregen, besonders
jedoch in Inselstaaten wie Taiwan, wo der steigende Meeresspiegel bedeutet, dass
Menschen wegen Überflutung ihr Heim verlieren.
In ihrem jüngsten Bericht zieht die Zwischenstaatliche Sachverständigengruppe über den Klimawandel (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) den Schluss, dass Menschen "sehr wahrscheinlich" für die steigenden Temperaturen verantwortlich sind, vor allem wegen der Zunahme der Treibhausgase in der Atmosphäre, verursacht durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Die IPCC stellte fest, dass im Laufe des letzten Jahrhunderts die Oberflächentemperatur der Erde im Schnitt um 0,74 Grad Celsius gestiegen war, während die Erwärmung in den letzten 25 Jahren im Schnitt 2,8 Mal schneller erfolgte als in den letzten 100 Jahren. Die IPCC befürchtet, dass die Durchschnittstemperatur in diesem Jahrhundert um bis zu 6,4 Grad Celsius zunehmen könnte, und der Meeresspiegel könnte in diesem Jahrhundert allein auf der Grundlage der Ausdehnung des Wasservolumens infolge der Erwärmung (thermale Ausdehnung) zwischen 40 Zentimeter und 3,7 Meter ansteigen. In der Zusammenfassung für Politiker bemerkt die IPCC, dass das Schmelzen der Eisdecken, Gletscher und Polkappen stärker zum Ansteigen der Meeresspiegel beitragen könnte als die thermale Ausdehnung. Selbst wenn sich der Treibhausgasausstoß in diesem Jahrhundert stabilisiert, befürchtet die IPCC, dass die Weltmeere jahrhundertelang weiter anschwellen werden.
Forscher in der National Central University in Chungli (Landkreis Taoyuan) haben eine Computersimulation durchgeführt, welche zeigt, dass 0,4 Prozent der 36 000 Quadratkilometer großen Landfläche Taiwans überschwemmt würden, sollte der Meeresspiegel um einen Meter ansteigen. Ein Anstieg von 10 Metern würde den Untergang von 8,8 Prozent taiwanischen Landes bedeuten, und wenn der Meeresspiegel gar um 25 Meter anstiege, stünden gemäß dem Computermodell die Wohnstätten von fast der Hälfte der 23 Millionen Einwohner der Insel unter Wasser.
Beschleunigung der Emissionen
Zur Zeit ist Taiwan für etwa 1 Prozent des gesamten globalen Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich. Nach den Worten von Liu Shaw-chen, dem Direktor des Forschungszentrums für Umweltveränderungen der Academia Sinica, klingt 1 Prozent zwar nicht ernst, doch es ist ein Indikator für ein ernstes Problem. Obwohl Taiwans 11 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen pro Kopf und Jahr nicht so hoch sind wie in den USA, Kanada und Australien, steht Taiwan im Hinblick auf die Wachstumsrate weltweit an der Spitze. Im Laufe der letzten 15 Jahre haben Taiwans Emissionen um 111 Prozent zugenommen, das Vierfache des internationalen Durchschnitts. "Während europäische Länder Anstrengungen unternehmen, ihre Emissionen zu senken, geschieht in Taiwan das Gegenteil", behauptet er. "Das ist nicht gut für Taiwans Image und könnte sogar zu internationalen Wirtschaftssanktionen führen."
Andreas Gursch, stellvertretender Direktor des Deutschen Wirtschaftsbüros in Taipeh und Vorsitzender des Umweltschutzkomitees der Europäischen Handelskammer Taipeh, hält dagegen: "Ich habe nichts davon gehört, dass Taiwan mit Sanktionen belegt werden würde." Ohnehin sollte es nach Gurschs Ansicht bei Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels nicht um rechtliche Verpflichtungen gehen. "Es ist eine moralische Verpflichtung", definiert er. "Taiwan muss zeigen, dass es ein verantwortungsbewusster globaler Bürger ist."
Aufzeichnungen des Zentralen Wetteramtes (Central Weather Bureau, CWB) zeigen, dass Taiwans jährliche Durchschnittstemperatur von 1901 bis 2006 um 1,4 Grad Celsius anstieg, mehr als doppelt so stark wie die globale Zunahme. Liu von der Academia Sinica glaubt, Taiwans relativ größere Temperaturzunahme sei das Ergebnis steigender Kohlendioxid-Emissionen und des "urbanen Hitzeinsel-Effekts", also den Folgen der hohen Bevölkerungsdichte in Städten. Auch nach der Meinung von Daniel Wu, dem Direktor des Wettervorhersagezentrums im CWB, steht Taiwan ebenfalls mit in der Pflicht, den Treibhausgas-Ausstoß zu vermindern, doch er weist gleichzeitig darauf hin, dass die durchschnittliche Oberflächentemperatur in dem IPCC-Bericht die Wassertemperatur der Weltmeere mit einschließt, die langsamer steigt als die Landtemperatur. Wäre die Meerestemperatur ausgeklammert, dann hätte man Taiwan bei Erwärmung als Durchschnittsgebiet neben Japan und Kalifornien eingestuft. "Die Natur hat ihren eigenen Erwärmungs- und Abkühlungszyklus", spekuliert er. "Es ist noch verfrüht, auf der Grundlage von weniger als zwei Jahrhunderten meteorologischer Daten darauf zu schließen, wie oder in welchem Maße menschliche Faktoren das Klima verändert haben."
Unterschiedliche Interpretationen
Der IPCC-Bericht war das Ergebnis von Zusammenarbeit zwischen rund 2500 Experten aus über 130 Ländern und gilt allgemein als Sichtweise der Mehrheit zum Klimawandel. Während manche Wissenschaftler prophezeien, der Wandel werde schneller und katastrophaler erfolgen, haben viele andere dagegen Erkenntnisse veröffentlicht, welche die globale Erwärmung als Naturphänomen deuten, das mehr mit der Aktivität der Sonne als mit menschlichem Treiben zu tun habe. Doch während die Ursachen weiterhin umstritten sein mögen, sind sich alle Wissenschaftler einig, dass die globale Durchschnittstemperatur eindeutig steigt.
Ob zufällig oder als Folge, bei den steigenden Temperaturen kommen auf der ganzen Welt extremere Wetterverhältnisse vor. Tung Ching-pin, Professor an der Abteilung für Bioökologische Systemtechnik der National Taiwan University (NTU) in Taipeh, weist auf Abweichungen bei Taiwans Wetter der letzten Jahre hin. Beispielsweise gab es einen Rückgang sowohl bei der Zahl der Regentage als auch der Gesamtzahl der Stunden mit Regen, wobei die Niederschlagsmenge insgesamt nur leicht abnahm. Mit anderen Worten, es gab weniger Tage mit leichtem Regen, mehr Tage mit starkem Regen und mehr regenfreie Tage. Eine der Folgen ist, dass die Strömung von Flüssen extremer wird, mit einem höheren Wasseraufkommen in der feuchten Saison und einem geringeren in der Trockenzeit. "In einem Jahr kann man so viel Regen haben, dass der Jahrhundertrekord für Niederschläge gebrochen wird, und im Jahr darauf können die Stauseen austrocknen", beschreibt er. "Beängstigend ist, dass das Abnormale wahrscheinlich normal werden wird."
Stan
Shih (vierter von rechts) vertrat im September 2007 Präsident Chen Shui-bian
beim Treffen der APEC-Führer in Sydney. (Foto: Courtesy APEC 2007 Taskforce-Department
of the Prime Minister and Cabinet, Australia)
Ökologischer Wandel
Der Klimawandel wirkt sich auch auf die Ökosysteme aus. Taiwans traditionelle Fischereigründe für Meeräschen und Pazifische Makrelenhechte haben sich beispielsweise nach Norden verlagert, und die Fangmenge in Küstennähe wird geringer. Tung von der NTU nimmt an, dass bei der aktuellen Erwärmungsrate binnen 70 Jahren kein Fluss in Taiwans höheren Höhenlagen kalt genug für die Taiwanforelle (eine einheimische bedrohte Art) sein wird. "Selbst Pflanzen werden wahrscheinlich einen Weg finden müssen, sich höher gelegene Plätze zu suchen, um zu überleben", warnt er.
Steigende Temperaturen können außerdem abträgliche Wirkungen auf die Volksgesundheit haben. Ein Temperaturanstieg von einem Grad Celsius geht mit einer zehnfachen Zunahme der Mückenpopulation einher. In Taiwan würde das bedeuten, dass das Dengue-Fieber, das allgemein nur als Problem in Südtaiwan betrachtet wird, sich nach Norden ausdehnen könnte.
Laut dem IPCC-Bericht ist die günstigste Prognose ein globaler Anstieg der Oberflächentemperatur um 1,1 Grad Celsius bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Hsu Huang-hsung, Professor für Atmosphärenwissenschaften an der NTU, macht darauf aufmerksam, dass das Wetter erst seit rund 60 Jahren von Menschen genau und wissenschaftlich gemessen wird. Hsu ist nicht sicher, ob die Prognosen für den Klimawandel zutreffen werden, doch er befürwortet, bei den Gegenmaßnahmen auf Nummer sicher zu gehen. "Letzten Endes läuft es darauf hinaus, dass man sich entscheiden muss", begründet er. "Beschließen wir, auf den Klimawandel aufgrund unserer Vermutungen zu reagieren, oder sollten wir abwarten und schauen, ob [die düsteren Voraussagen] sich als größter Witz in der Geschichte der Wissenschaft entpuppen?"
Vielleicht geht es bei der Entscheidung darum, wann die Rechnung gezahlt werden soll. In seinem Bericht über wirtschaftliche Erwägungen des Klimawandels hat der ehemalige Chefökonom der Weltbank Nicholas Stern ausgerechnet, dass eine Tonne Treibhausgas einen Schaden in Höhe von 85 US$ anrichtet. Er schätzt, dass zwischen jetzt und dem Jahr 2050 etwa 1 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufgewandt werden müsste, um die bislang entstandenen Schäden zu reparieren. Laut Sterns Analyse könnte es jedoch zwischen 5 und 20 Prozent kosten, wenn man zu lange zögert, sich des Problems anzunehmen.
Förderung von Alternativen
Seit den neunziger Jahren, als die Regierung dem Aufbau sauberer und effizienter Energiequellen und der Förderung erneuerbarer Energie Priorität einräumte, treibt Taiwan die Erschließung alternativer Energiequellen voran, etwa Beimischung von Äthanol in Benzin, Biodiesel, Sonnenenergie und Windkraft. Die Regierung bietet mehrere Anreize für alle, die ihren persönlichen Anteil am Kohlendioxid-Ausstoß verringern wollen, indem sie zum Beispiel bis zur Hälfte der Installierungskosten für Systeme mit erneuerbarer Energie, die in Privat- und Geschäftsräumen aufgebaut werden, subventioniert.
Nach Angaben des Energieamtes im taiwanischen Wirtschaftsministerium haben die 103 Windräder des Landes die Treibhausgasemissionen um 250 000 Tonnen jährlich verringert. Über 380 000 der rund 7 Millionen taiwanischen Haushalte haben Solarthermiesysteme zum Erhitzen von Wasser installiert, die den Kohlendioxid-Ausstoß um weitere 336 000 Tonnen im Jahr reduzieren. Und seit dem Jahr 2000 haben umweltfreundliche Gebäude dank ihres energie-effizienten Designs den Kohlendioxid-Ausstoß um 265 000 Tonnen mindern können. Darüber hinaus verbessern neuere Elektrogeräte und Beleuchtungsanlagen mit Leuchtdioden (light-emitting diodes, LED) die Energie-Effizienz in Privatwohnungen und Büros.
Zum Aufbau eines stabilen gesetzlichen Rahmens für die Umsetzung politischer Maßnahmen entwarf die Umweltschutzverwaltung (Environmental Protection Administration, EPA) -- eine Behörde im Ministeriumsrang -- in den Jahren 2005 und 2006 auf der Grundlage der Prinzipien der gemeinsamen und dabei differenzierten Verantwortlichkeit, Kosteneffizienz und dauerhaften Entwicklung das Treibhausgas-Verringerungsgesetz. Der ursprüngliche Entwurf setzte keine Verminderungsziele, doch die Version, welche im Mai 2007 die erste Hürde im Legislativ-Yuan (also Taiwans Parlament) nahm, schreibt vor, dass die Jahresmenge von Treibhausgas-Emissionen zwischen 2025 und 2030 auf das Niveau von 2005 mit 250 Millionen Tonnen reduziert werden soll. Seit Mai vergangenen Jahres gab es im Parlament keine weiteren Fortschritte bei dem Gesetz. Um die Emissionsziele zu erreichen, müsste Taiwans herstellendes Gewerbe sich von einer überwiegend energiehungrigen und umweltverschmutzenden Industrie zu Gewerben wandeln, die saubere Energie verwenden oder sehr wenig Energie verbrauchen. Sowohl das Wirtschaftsministerium als auch der Rat für Wirtschaftsplanung und Entwicklung (Council for Economic Planning and Development, CEPD) sind besorgt, dass der Wandel negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben könnte.
Globale Koordination
Trotz der bislang unternommenen Anstrengungen ist Taiwan weit davon entfernt, seinen Treibhausgas-Ausstoß wirklich zu senken. Zwar kann Taiwan die Schuld dafür nicht vollkommen bei geopolitischen Widrigkeiten suchen, doch es ist nicht zu leugnen, dass Taiwan wegen Chinas Bemühungen, Taiwans Beteiligung in internationalen Organisationen zu beschränken, von vielen Gelegenheiten zu internationaler Zusammenarbeit ausgeschlossen ist. Weil Taiwan nicht Mitglied der Vereinten Nationen (United Nations, UN) ist, kann das Land etwa das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnen, die maßgeblichsten allgemeinen Richtlinien für die Verminderung von Treibhausgas-Emissionen.
Als Mitglied in der Asiatisch-pazifischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation, APEC) hat Taiwan indes ein wenig Bewegungsfreiheit. Das Gipfeltreffen der APEC-Volkswirtschaftsführer im September vergangenen Jahres im australischen Sydney war insofern einzigartig, als die Führer über den Klimawandel plauderten, bevor sie sich Wirtschafts- und Handelsfragen zuwandten. Neben der üblichen Deklaration der APEC-Wirtschaftsführer gipfelte die Konferenz in der Deklaration der APEC-Führer von Sydney über Klimawandel, Energiesicherheit und saubere Entwicklung, das erste Dokument dieser Art überhaupt. Die Volkswirtschaftsführer bekannten sich zu ihrer Verpflichtung gegenüber der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen und betonten die Notwendigkeit für wirksame Vereinbarungen in der Zeit nach dem Kyoto-Protokoll (also nach 2012).
Grüne Gelegenheiten
Taiwans Vertreter bei dem Gipfel, der Gründer des Unternehmens Acer Inc. Stan Shih, stellte in Sydney eine "Green APEC Opportunity Initiative" (Initiative zur Chance für eine grüne APEC) vor. Shih wies darauf hin, dass der Umgang mit dem Klimawandel die Annahme neuer Lebensweisen und neuer Entwicklungsmethoden bedeute. Dieser Prozess des Wandels wird Gelegenheiten für Zusammenarbeit und Innovation mit sich bringen und gleichzeitig umweltfreundliches Wachstum und Wohlstand anregen.
Taiwans Initiative zur Chance für eine grüne APEC soll ein regionales Forum für die Mitglieds-Volkswirtschaften schaffen, wo sie ihre Erfahrungen austauschen und Dialoge über saubere Produktion, grünen Konsum, grüne Industrie, Umweltschutz und Verhütung von Umweltverschmutzung führen können. Shih erklärte, Taipeh könne 2008 als Gastgeber für ein Grünes APEC-Symposium und Ausstellung fungieren. Die Mitglieds-Volkswirtschaften könnten ihre grünen Produkte und Technologien in Taipeh vorführen und dabei Gelegenheiten für Kooperation suchen.
In den Jahrzehnten, seit Wissenschaftler erstmals Beweise für den Treibhauseffekt fanden, haben die meisten Regierungen Abstand davon genommen, seine Ursachen anzuzweifeln, und begannen mit dem Ausrechnen der Kosten. Infolgedessen ist der Klimawandel von einem ökologischen Problem zu einer politischen, rechtlichen und ökonomischen Frage geworden, bei der es um intensive Risikobewertung und Krisenmanagement geht.
"In gewisser Weise ist es wie eine Midlife-Crisis", vergleicht Hsu Huang-hsung. "Wenn man gut damit umgeht, dann besteht die Chance, dass man aus der Krise eine Gelegenheit machen kann." So wie Inselstaaten wie Taiwan die Folgen des Klimawandels stärker zu spüren bekommen, so ist auch die Stärke der relativen Krise hier deutlicher erkennbar. Demgegenüber könnte man auch sagen, Taiwans Gelegenheit, Wege für die Bekämpfung des Klimawandels zu entwickeln, sei ebenfalls größer. Wenn Taiwans Regierung die Krise ernst nimmt, kann sie mehr zukünftige Gelegenheiten schaffen.
(Deutsch von Tilman Aretz)