AUSSENPOLITIK

Ausbaufähige Partnerschaften

Ein Forum, das vor kurzem in Taipeh stattfand, war ein bedeutender Meilenstein beim Streben nach Verbesserung der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Verständnisses zwischen Taiwan und Afrika.

von Oscar CHUNG
Fotos mit freundlicher Genehmigung des International Cooperation and Development Fund

Auf dem Forum für progressive Partnerschaft Taiwan-Afrika, das im September 2007 in Taiwan stattfand, hielt Präsident Chen Shui-bian eine Rede. (Foto: Yeh Ming-yuan)


Laurence Jumbo Ekale, Präsident der Stiftung Desti nee Charity Foundation in Kamerun, kam früher beim Gedanken an Taiwan eigentlich nur die Expertise des Landes bei der Elektronikherstellung in den Sinn. Das änderte sich jedoch, als er im September 2007 zum ersten Mal die Insel besuchte. "Jetzt bin ich auch von den Menschen in Taiwan sehr beeindruckt", verkündet er. "Sie waren so freundlich zu mir."

Ekale ist nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Leiter einer nichtstaatlichen Organisation (Non-governmental organization, NGO), die sich der Aufgabe verschrieben hat, den Ureinwohnern in dem westafrikanischen Land zu helfen, und er wurde zum ersten Forum für progressive Partnerschaft Taiwan-Afrika eingeladen, das im Grand Hotel in Taipeh veranstaltet wurde. Das eintägige Forum fand am Tag nach dem ersten Gipfel der Staatsoberhäupter Taiwans und Afrikas statt, an dem Taiwans Präsident Chen Shui-bian und seine Amtskollegen der fünf afrikanischen Staaten, die zu jenem Zeitpunkt mit Tai wan diplomatische Beziehungen unterhielten, teilnahmen. (Im September 2007 wurde Taiwan von Burkina Faso, Gambia, Malawi, São Tomé & Príncipe und Swasiland offiziell anerkannt; die Beziehungen zwischen Taiwan und Malawi endeten im Januar 2008. Red.) Höhepunkt des Gipfels war die Unterzeichnung der Taipeh-Deklaration mit sieben Punkten, in denen die gemeinsame Sorge der Unterzeichner über den globalen Klimawandel, die Hoffnung auf Wohlstand in Afrika und Taiwans Recht auf Beteiligung in den Vereinten Nationen (United Nations, UN) und anderen internationalen Organisationen zum Ausdruck gebracht wurden.

Das Forum war in sechs Unter-Foren unterteilt, die sich auf die beim Gipfel erörterten Fragen konzentrierten, von landwirtschaftlichen Techniken und Entwicklung der Zusammenarbeit bis zu Bewahrung der Umwelt. Die fünf afrikanischen Delegationen kamen mit insgesamt über 150 Mitgliedern nach Taiwan. Das Forum lockte zudem 106 andere Besucher an, darunter Geschäftsleute und NGO-Mitglieder von den diplomatischen Partnern und 35 weiteren afrikanischen Ländern.

"Ich kann die große Leidenschaft der afrikanischen Besucher spüren, ein besseres Verständnis über Taiwan zu erlangen", bekennt Yang Tzu-pao, stellvertretender Außenminister. "Sie wollten wissen, welche anderen Optionen für die Interaktion mit der Welt sich ihnen neben ihren Beziehungen mit dem Westen oder mit China boten." Laut Yang waren trotz Chinas Protest Parlamentsabgeordnete, Oppositionsführer und andere politische Schwergewichte aus Ländern, die keine formalen Beziehungen mit Taiwan unterhalten, auf dem Forum anwesend und erkundeten voller Eifer die Möglichkeiten, die Taiwan zu bieten hat.

Der afrikanische Kontinent besteht aus 53 Ländern mit einer Gesamtbevölkerung von etwa 900 Millionen Menschen, und die ersten wesentlichen Kontakte mit dem Westen ergaben sich, als die europäischen Mächte den Kontinent im 19. Jahrhundert zu erforschen und dann zu kolonisieren begannen. Zwar erreichte der chinesische Entdecker Zheng He (ca. 1371-1433) bereits im Jahre 1418 die Ostküste Afrikas, doch insgesamt gelten die Chinesen auf dem Kontinent als Nachzügler. China bemüht sich allerdings seit der Gründung der VR China im Oktober 1949 um eine Stärkung der Beziehungen mit Afrika. Heute treten Chinas Ambitionen in Afrika offener zu Tage, was aus dem alle drei Jahre stattfindenden Kooperationsforum China-Afrika ersichtlich ist, das erstmals im Jahre 2000 in Beijing abgehalten wurde. "Wir sind nicht einverstanden mit dem, was China in Afrika treibt -- sie gehen dort mit einer kolonialistischen Einstellung zu Werke", tadelt Yang. "Taiwan kann jedoch eine alternative Option für Afrikaner sowie Beistand auf der Grundlage der taiwanischen Sichtweise bieten."

Wertvolle Erfahrung

Hu Len-kuo, Professor an der Abteilung für internationale Wirtschaft der National Chengchi University (NCCU) in Taipeh, hält das Wachstum der kleinen und mittleren Unternehmen für die wertvollste Erfahrung, die Taiwan an seine afrikanischen Freunde weitergeben kann. "Diese Firmen laufen sogar besser als Taiwans Großunternehmen", wirbt er. "Sie sind das Rückgrat von Taiwans Wirtschaft." Hu hatte bei dem Unterforum über Geschäftsführung und Handelsinvestitionen einen Vortrag gehalten.

Wu Shuh-min, Präsident der Stiftung Allianz taiwanischer Mediziner, sprach auf dem Forum über Taiwans Bemühungen, durch fortschrittliche medizinische Hilfe Freundschaften mit Afrika zu schließen. "In der Vergangenheit verließ Taiwan sich auf seine Erfahrungen beim Ausmerzen von Krankheiten wie Kinderlähmung und Malaria, um Afrikanern zu helfen", rekapituliert er. "Nun versuchen wir, den Afrikanern Rat beim Aufbau staatlicher Gesundheits-Fürsorgesysteme zu geben."

Taiwan selbst wird gleichfalls von seiner Interaktion mit afrikanischen Ländern profitieren, auch wenn Taiwan oft in erster Linie als Geberland betrachtet wird. Beim Unterforum über Informationstechnologie (IT) besprachen taiwanische Teilnehmer beispielsweise die IT-Entwicklung der Insel und warfen für die afrikanischen Delegierten ein Schlaglicht auf das, was in ihren Ländern geschehen könnte, wenn beide Seiten zur Verbesserung der IT-Dienstleistungen des Kontinents zusammenarbeiteten. "Wir helfen bei Programmen für elektronische Verwaltung und Handel übers Internet, und dann können ihnen unsere Unternehmen Einrichtungen und Dienstleistungen verkaufen", freut sich Yang.

Das Forum bot außerdem eine beispiellose Plattform, um das gegenseitige Verständnis zwischen Taiwanern und Afrikanern zu verbessern. "Für die Taiwaner war Afrika lange Zeit ein fehlendes Stück in dem Puzzle der Weltkarte", vergleicht Yang. "Womit wir bislang Kontakt hatten, ist bestenfalls das stereotype Image von Afrika. Das Gleiche trifft zu für die Art und Weise, auf welche die Afrikaner Taiwan sehen. Wenn man nichts über sie weiß, wie kann man erwarten, ihre Unterstützung zu erheischen, die wir in der internationalen Gemeinschaft brauchen?"

Erfahrung aus erster Hand kann als starker Anreiz zum Nachdenken dienen. Afrikanische Besucher waren sehr beeindruckt von Taipei 101, dem höchsten vollendeten Bürogebäude der Welt, und dem unlängst in Betrieb genommenen Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnsystem, doch Yang glaubt, dass auch die taiwanische Gesellschaft auf die afrikanischen Besucher Eindruck machte. "Es ist schon 20 Jahre her, seit das Kriegsrecht in Taiwan aufgehoben wurde, doch solches Recht herrscht immer noch in vielen afrikanischen Ländern", bemerkt Yang. "Der Kontrast ist freilich schärfer, wenn sie nach Taiwan kommen und den Unterschied erleben."

Mitglieder der technischen Hilfsmission in Malawi halfen dabei, HIV-positive Personen ausfindig zu machen. (Fotos mit freundlicher Genehmigung des International Cooperation and Development Fund)


Kontakte machen

Die afrikanischen Delegierten nutzten das Forum überdies dazu, sich untereinander besser kennen zu lernen. "Abgesehen von neuen nützlichen geschäftlichen Kontakten mit den Einheimischen hier, die meiner Ansicht nach weiteren Geschäftsleuten und mir selbst in der nahen Zukunft in Kamerun helfen werden, habe ich mit Taiwanern und anderen Afrikanern, die NGOs in verschiedenen Ländern vorstehen, Freundschaften geschlossen und Erfahrungen ausgetauscht", erzählt Ekale, der nach Ende des Forums mehrere Tage in Taiwan blieb, um mehr über die Insel zu lernen.

König Mswati III. von Swasiland lobte den Gipfel, da er ihm eine Gelegenheit bot, Führer anderer afrikanischer Nationen zu treffen. Laut Yang hätte der König nie daran gedacht, São Tomé & Príncipe zu besuchen, einen winzigen Inselstaat in Westafrika, doch das änderte sich nach seiner Begegnung mit dem Präsidenten des Landes Fradique Bandeira Melo de Menezes beim diesmaligen Gipfel. "Er sagte, er plane, nach dem Gipfel die vier anderen Länder zu besuchen [die offizielle Delegationen zu dem Gipfel nach Taiwan geschickt hatten]", ergänzt Yang. "Abgesehen von Gambia hatte er nie den Boden der übrigen drei betreten."

Zwar gibt es in der Zukunft noch Spielraum für Verbesserungen, denn jedes Unterforum dauerte nur 70 Minuten, und es gab oft nicht genug Zeit für einen gründlichen Gedankenaustausch zwischen den Rednern und dem Publikum, aber das Forum galt als wesentlicher Schritt nach vorn bei der Verbesserung der Beziehungen zwischen Taiwan und Afrika. "Das Wichtige ist nun, dass die Ergebnisse des Gipfels [im Hinblick auf Taiwans Beistand für die afrikanischen Verbündeten] umgesetzt werden sollten", interpretiert ein Teilnehmer. "Es ist an der Zeit, dass die Planer beider Seiten sich treffen und konkrete Details besprechen."

Ende 2007 unterhielt Taiwan nur mit 24 Ländern diplomatische Beziehungen, fünf davon in Afrika. Die erste technische Mission, die von Taiwan nach Afrika geschickt wurde, wurde 1961 in Liberia stationiert, damals mit Taiwan verbündet. Die Mission war dafür zuständig, große Landstriche für die Landwirtschaft zu erschließen. Ende 2007 arbeiteten acht taiwanische Missionen in Taiwans fünf afrikanischen Partnerländern, wo sie medizinische Dienste verrichteten und auch Rat bei der landwirtschaftlichen Entwicklung erteilten. Seit mehreren Jahren arbeiten NGOs mit Taiwans Regierung zusammen, um Bedürftigen zu helfen. Beispielsweise finanzierte Taiwans Regierung den Bau eines 300-Betten-Krankenhauses in Malawis drittgrößter Stadt Mzuzu. Das Krankenhaus wurde im Jahr 2000 eingeweiht, und Taiwans Regierung beauftragte das Pingtung Christian Hospital, zwei Jahre später die medizinische Mission in der malawischen Institution zu übernehmen. 2006 spendeten Mitglieder des Lions Club International in Taipeh der malawischen Gesundheitsmission durch die Taiwan Blood Service Foundation ein Blutbank-Fahrzeug. Die mobile Blutbank ist vielleicht das einzige Fahrzeug dieser Art in Malawi und erleichtert es erheblich, Blutkonserven in einem Land zu sammeln, das seit langem von Malaria und Aids heimgesucht wird.

Entsprechend arbeitet Taiwans Mission in Burkina Faso an der Verbesserung der Volksgesundheit in dem westafrikanischen Land. Ein bemerkenswerter Fall waren Ende 2003 die Bemühungen, Vincent Kaboré zu helfen, einem kleinen Jungen aus Burkina Faso, der am von-Recklinghausen-Syndrom litt, wodurch fast sein gesamtes Gesicht von einem riesigen Tumor bedeckt wurde. Taiwans Außenministerium und die Fluggesellschaft EVA Airways stellten die Flugscheine bereit, damit der Junge und sein Vater von Burkina Faso nach Taiwan reisen konnten, während das Chang Gung Memorial Hospital in Taipeh kostenlose medizinische Behandlung bot und auch die Kosten für den Aufenthalt in Taiwan übernahm.

Das jüngste Beispiel für medizinische Hilfe von Taiwan war die Unterzeichnung eines Memorandums über medizinische Zusammenarbeit zwischen Taiwan und Swasiland kurz vor dem Taiwan-Afrika-Forum. Gemäß dem Abkommen wird Tai wan wahrscheinlich im Frühjahr 2008 eine medizinische Mission nach Swasiland schicken, die sich der Modernisierung der medizinischen Einrichtungen in dem südafrikanischen Land widmen soll.

Gelegenheiten für die Zukunft

Afrika braucht aber mehr Hilfe, wenn man den relativ niedrigen Entwicklungsstand des Kontintents bedenkt. Bei den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Taiwan und Afrika gibt es ebenfalls Spielraum für Verbesserungen. Heute macht Taiwans Handel mit Afrika weniger als 2 Prozent des Gesamtvolumens von Taiwans internationalem Handel aus, der im Jahr 2006 einen Umfang von 420 Milliarden US$ erreichte. Taiwans direkte Investitionen in Afrika sind gleichermaßen nicht der Rede wert. Insgesamt flossen in den gut 55 Jahren zwischen Januar 1952 und Juli 2007 gerade mal 406 Millionen US$ von Taiwan nach Afrika, 0,8 Prozent aller taiwanischen direkten ausländischen Investitionen während dieses Zeitraums.

Laut Hu Len-kuo von der NCCU ist Taiwan indes in internationalen Trends keine Ausnahme. Hu macht darauf aufmerksam, dass Afrikas Anteil am Welthandel heute weniger als 1,5 Prozent beträgt, während die Fähigkeit des Kontinents, direkte ausländische Investitionen anzulocken, sich auf ungefähr dem gleichen Niveau befindet.

Das erste Taiwan-Afrika-Forum war vielleicht nicht perfekt, doch die Veranstaltung, die das nächste Mal im Jahre 2009 in Afrika stattfinden soll, markierte einen Meilenstein auf der Suche nach besserem gegenseitigen Verständnis. "Ich denke, dass niemand im Betriebswirtschafts-College der NCCU viel Ahnung von Afrika hat", sinniert Hu, der den Kontinent selbst nie besucht hat. "Ich habe etwas Forschung betrieben, da ich auf dem Forum einen Vortrag halten sollte. Jetzt schenke ich Afrika aber mehr Aufmerksamkeit. Ich interessiere mich immer mehr dafür."

(Deutsch von Tilman Aretz)