KUNSTHANDWERK
Dahinter steckt ein kluger Kopf
Von der Restaurierung alter Puppen bis zum Design von Handtaschen vergrößert ein Ehepaar durch sein Teamwork den Reiz taiwanischer Handpuppen.
von Jim HWANG
Fotos: HUANG Chung-hsin
Das
Ehepaar Chen in seinem Laden in der Eslite-Buchhandlung.
Während Handpuppentheatervorstellungen
im Fernsehen die jungen Zuschauer mit blitzender Beleuchtung und Spezialeffekten
fesseln, zählen Abende mit Live-Aufführungen von Puppentheater im Innenhof
des örtlichen Tempels zu den liebsten Kindheitserinnerungen für viele ältere
Taiwaner, besonders für Menschen über fünfzig.
Keine lebendige Volkskunstrichtung ist unverändert erhalten geblieben, und Handpuppentheater ist da keine Ausnahme. Zwar ist das Wesen des Handpuppentheaters seit seinen Anfängen Mitte des 17. Jahrhunderts in China einigermaßen konstant, doch vollzogen sich bei der Art der Geschichten, Erzählstil und musikalischer Untermalung wesentliche Veränderungen. Die Bauweise der Puppen hat sich ebenfalls gewandelt. Nach den Worten von Chen Yi-si, in dritter Generation Leiter von Chang Yi Yuan, eines in den dreißiger Jahren in Changhua gegründeten Ensembles, maßen die von frühen Einwanderern nach Taiwan gebrachten klassischen Puppen 26,5 cm und hatten "normale" Proportionen, so dass man sie mit einer Hand bedienen konnte. Die Länge der Beine einer Puppe ist zum Beispiel entscheidend dafür, ob der Puppenspieler sie richtig "gehen" lassen kann.
In den fünfziger Jahren begannen manche Ensembles, Puppen mit größeren Köpfen zu verwenden, damit die Zuschauer in den hinteren Reihen sie besser sehen konnten. Die Körper dieser Puppen behielten ihre ursprüngliche Größe, so dass sie effizient bedient werden konnten. Als dem Puppentheater in den sechziger Jahren der Sprung ins Fernsehen gelang, wurden die Puppen größer. "Um das Publikum anzulocken, begannen alle Theatergruppen, große Köpfe zu verwenden", sagt Chen. "Die klassischen Puppen wurden entweder Kinderspielzeug, oder sie landeten auf dem Speicher und wurden vergessen."
Restaurieren und bedienen
Manche Puppentheater-Puristen waren über die Veränderungen beunruhigt. Im Jahre 1985 gründete eine Gruppe von Gelehrten eine Stiftung namens Seden-Gesellschaft, um das traditionelle Puppentheater davor zu bewahren, vollkommen von der Bühne verdrängt zu werden. Eine der ersten Prioritäten der Stiftung bestand darin, klassische Puppen zu sammeln und zu erhalten, bevor sie für immer verloren gingen. Es konnten mehrere hundert solcher Puppen gesammelt werden, von denen die meisten jedoch dringend restauriert werden mussten.
Figuren
aus dem klassischen chinesischen Roman Die Räuber vom Liangschan-Moor.
Chen wurde gebeten, diese Aufgabe zu übernehmen. Er erläutert, dass die
größeren Puppentheatergruppen gewöhnlich eigene Handwerker hatten,
und die meisten Puppenspieler verstanden auch etwas davon, deswegen wurden die vorstellungsfreien
Tage überwiegend dazu genutzt, Puppen zu bauen oder zu reparieren. Da Chen in
einer solchen Theatergruppe aufwuchs, war es für ihn nur normal, alle Aspekte
des Puppentheaters aus dem Effeff zu beherrschen. Doch als die Seden-Gesellschaft
an Chen herantrat, war er mittlerweile ein Kaufmann für Tee, Tierhäute
und Reis geworden. Zwar war er auch der Leiter des Familienensembles und hatte eine
Puppenbau-Werkstatt namens "Klassische Puppenkunst Chang Yi Fang" eingerichtet,
doch Puppentheatervorstellungen und Puppenherstellung standen in seinem Leben durchaus
nicht mehr im Mittelpunkt. "Das Ensemble trat höchstens an hundert Tagen
im Jahr auf, und daneben mussten wir andere Wege suchen, unseren Lebensunterhalt
zu verdienen", gesteht er. "Aber vielleicht liegt es mir einfach im Blut
-- ich beschloss, meinen anderen Job an den Nagel zu hängen und mich auf Puppen
zu konzentrieren."
Das erste Problem für Chen war, dass viele der Puppen stark abgenutzt und die Originalfarben und muster nicht mehr erkennbar waren. "Bei Restaurierung darf man nicht raten oder sich auf die Vorstellungskraft verlassen", bemerkt er. "Man muss absolut sicher sein, bevor man mit der eigentlichen Reparatur beginnt." Manchmal ist die absolute Sicherheit nicht schwer. "Es ist kein Problem, den rechten Fuß zu restaurieren oder nachzumachen, wenn der linke Fuß noch da ist." Es kann aber auch schwierig sein. "Stellen Sie sich mal vor, beide Füße sind weg, und es gibt kein Referenzmaterial." Die Wiederherstellung der Farben kann gleichfalls Kopfzerbrechen bereiten. Ein Beispiel ist der Kriegsgott Guan Yu, dessen Gesicht auf allen Statuen und Bildern rot bemalt ist. Doch anstatt anzunehmen, Guan Yus Gesicht sei immer rot angepinselt gewesen, unternahm Chen weitere Forschung und fand heraus, dass bei Puppen, die älter als hundert Jahre waren, die Gesichter ursprünglich rosa waren. Der Grund für die Änderung zu Rot war laut Chen der Einfluss der "Leitkultur", in diesem Fall der Pekingoper, weil ein wenig Übertreibung sich auf einer großen Bühne gut macht. Um eine Guan Yu-Puppe originalgetreu zu restaurieren, muss Chen daher zuerst ihr Alter ermitteln und dann anfangen. Wenn es keine Anhaltspunkte gibt, sucht Chen alte Handwerker auf, im Idealfall die ursprünglichen Hersteller der fraglichen Teile. Da ein großer Teil der Sammlung der Seden-Gesellschaft aus China stammt, reiste Chen hin und wieder auf die andere Seite der Taiwanstraße, um Handwerker ausfindig zu machen.
Das Fehlen historischer und lebendiger Referenzen bietet allerdings auch Chancen für neues Design. Der Kopf und das Kostüm einer Puppe werden jedoch getrennt entworfen, was zur Folge hat, dass ein Puppenkopf manchmal ein paar Jahre warten muss, bevor er Kleidung zum Anziehen erhält.
Der Charakter einer Puppe wird im Großen und Ganzen durch den Gesichtsausdruck dargestellt. Während der Phase, in welcher der Kopf geschnitzt wird, herrscht immer eine rege Kommunikation zwischen dem Designer und dem Handwerker. Zuerst wird der Kopf aus einem Stück Massivholz geschnitzt und danach ausgehöhlt, dann werden bewegliche Teile wie Augäpfel und Kiefer hergestellt, anschließend wird ein dünnes Stück Baumwollpapier als Schutzschicht auf die äußere Oberfläche geklebt. Für die Bemalung des Gesichts können bis zu zwanzig volle oder teilweise Schichten erforderlich sein, hinterher werden das Haar und der Bart angeklebt. Bei einer höherwertigen Puppe wird echtes Menschenhaar verwendet. Das Schnitzen an sich dauert nicht länger als eine Woche, doch das Vollenden eines ganzen Kopfes kann einen oder zwei Monate in Anspruch nehmen.
Ein
japanischer Soldat und ein japanischer Herr. Beide Figuren waren für antijapanische
Stücke der Periode nach Ende der Kolonialzeit entworfen worden.
Nicht den Kopf verlieren
Bemühungen privater Gruppen wie der Seden-Gesellschaft erregten die Aufmerksamkeit der Regierung und lenkten das Augenmerk der Öffentlichkeit auf traditionelles Handpuppentheater. Sammler begannen Interesse für Chens Arbeit zu zeigen, und als auf der Grundschul- und College-Ebene mehr Handpuppen-Theatergruppen entstanden, entwarf Chen neue Puppen für die von den Ensembles geschaffenen Stücke. Seitdem hat er über 1000 Puppenköpfe gestaltet, mit einem Spektrum von traditionellen Rollen bis zu Figuren aus Videospielen und sogar Politikern. Zwar sind diese Gesichter und ihre Kostüme neu, doch ihre Struktur und Größe entsprechen den klassischen Proportionen, haben also keine übergroßen Köpfe oder Körper.
Während die meisten kommerziellen Ensembles und Fernsehshows immer noch große Puppen bevorzugen, hat sich Chen mit seinen "neuen Klassikern" bei den wenigen Theatergruppen, die ein klassisches Repertoire aufführen, sowie bei Souvenirläden und Sammlern im In- und Ausland einen soliden Ruf aufgebaut. Chen hat keinen großen Ehrgeiz und ist recht zufrieden damit, einfach in dem Handwerk arbeiten zu können, in dem er aufwuchs, und Handpuppen vor dem Reich der Vergessenheit zu bewahren. Seine Ehefrau Chen Zong-ping ist dagegen der Ansicht, dass sie mehr für ihre Kunst werben sollten, anstatt im stillen Kämmerlein Puppen zu schnitzen. Bis vor etwa 15 Jahren, als Chen Yi-sis Werke in eine von ihr organisierte Ausstellung aufgenommen wurden, hatte sie von Handpuppentheater keine Ahnung. "Ich hatte immer westliche Kunst geliebt, und mein Hauptfach an der Uni war Angewandte Kunst gewesen, mit Schwerpunkt auf westlicher Malerei", bekennt sie. "Bevor ich diese Puppen sah, hatte ich kein Interesse für diese Kunstform, dabei ist sie direkt hier zu Hause." Es dauerte nicht lange, bis Chen Zong-ping ihre eigene Malerei aufgab und in Chen Yi-sis Werkstatt eintrat.
Mit Chens Erfahrung und ihren Kontakten in der Kunstwelt konnte Chang Yi Fang im Jahre 1996 seinen ersten Laden in der Buchhandlung Eslite Bookstore in Taipeh eröffnen. Die feinsten Stücke in Chang Yi Fangs Sortiment kosten zwischen 10 000 und 20 000 NT$ (212 bis 425 Euro). Die teuersten Puppen sind normalerweise Frauengestalten mit höchst vollkommener Haarpracht. Kostüme und Zubehör werden separat verkauft, da traditionelle Puppen in der Grundausstattung nur mit Unterwäsche bekleidet sind, die Klamotten und Zubehör wie etwa Schwerter oder andere Gegenstände werden je nach Handlung des Theaterstückes hinzugefügt. Diese Puppen haben den gleichen Aufbau wie die auf traditionellen Bühnen, doch nach Angaben der beiden Chens kaufen die meisten Kunden sie als Dekorationsartikel. Damit die Menschen mehr über Handpuppentheater erfahren, indem sie die Puppen auch tatsächlich bedienen, hat Chang Yi Fang zudem Puppen für Anfänger entwickelt, die für Preise um 1000 NT$ (21,27 Euro) zu haben sind. Daneben gibt es eine Garnitur von Do it yourself-Puppen, die Kinder selbst zusammensetzen können.
Zwar ist die Lage bei der Bewahrung des traditionellen Handpuppentheaters heute besser als vor 15 oder 20 Jahren, doch sind die Menschen, welche die Kunst wirklich zu schätzen wissen, weiterhin eine kleine Minderheit. Um ihren Reiz zu erhöhen, gründete Chen Zong-ping im Jahre 2005 Chang Yi Fang Taiwan Puppet Creations. Unter Verwendung von Motiven aus dem klassischen Puppentheater arbeitet die Organisation mit einheimischen Designern zusammen, um Produkte des täglichen Gebrauchs wie Handtaschen und T-Shirts zu entwerfen. Sie erläutert, dass geplant ist, Chang Yi Fang zu einem Markennamen zu entwickeln und nicht nur zu einem Verkaufsgeschäft. Die Menschen denken schnell an Handpuppentheater, wenn sie ein T-Shirt sehen, auf das eine Handpuppe aufgedruckt ist. Vielleicht ist es aber etwas zu viel verlangt, eine solche Assoziation bei einer Handtasche zu erwarten, die aus dem gleichen Stoff wie ein Handpuppenkostüm hergestellt wurde. "Das spielt keine Rolle, solange die Leute wissen, es ist eine Chang Yi Fang-Handtasche, und dass das eine Marke ist, die auf traditionellem Handpuppentheater basiert", beharrt sie. "Wenn ihnen die Tasche gefällt, werden sie schließlich irgendwann in unseren Laden kommen und dort die Puppen selbst kennen lernen."
Ob die T-Shirts und Handtaschen Gewinne hereinbringen, scheint die Chens nicht zu kümmern; sie interessieren sich mehr für die Puppen und das Handpuppentheater. "Ich selbst hatte so lange von dieser Kunst keine Ahnung gehabt", wundert sich Chen Zong-ping. "Es wäre toll, wenn wir auf irgendeine Weise dazu beitragen könnten, diese Zeit bei anderen zu verkürzen."
(Deutsch von Tilman Aretz)