GEWERBE

Entschlüsselung der Geheimnisse des Lebens

Ein taiwanisches Unternehmen ersann ein einzigartiges Geschäftsmodell, um die Wunder der Naturwissenschaft zu erkunden und entsprechendes Wissen zu fördern.

von Kelly HER
Fotos: CHANG Su-ching

Kiko Hsiao (links) mit einem Mitarbeiter seines Unternehmens Paleo Wonders bei der Präparierung eines Fossils.


Ungestört durch die Hektik des geschäftigen Stadtle bens draußen arbeiten Kiko Hsiao, Dick Feng und ihre Kollegen mit äußerster Sorgfalt in ihrem Studio, wo die Zeit stillzustehen scheint -- sie befinden sich nun im Endstadium der Präparierung eines 11 Meter langen Tarbosaurus-Fossils. Die Aufgabe im Auftrag eines ausländischen Museums ist seit über zwei Jahren im Gange.

Tarbosaurus bedeutet "Terror-Eidechse" und gehört zur Dinosaurierfamilie der Tyrannosauridae, die während der späten Kreidezeit vor 65 bis 75 Millionen Jahren gedieh. Ihre Überreste findet man überwiegend in der Wüste Gobi in der südlichen Mongolei, und sie sind heute Millionen von US-Dollar wert.

Angetrieben durch seine Liebe zum Fossiliensammeln ging Hsiao nach Deutschland, um Präpariertechniken zu lernen und zu meistern, zu denen das Säubern, Zusammensetzen und Montieren der Fossilien zu Ausstellungszwecken gehören. Danach kehrte Hsiao nach Taiwan zurück und gründete 1997 mit dem gleich gesinnten Feng ein Unternehmen. Diese Firma namens Paleo Wonders befasst sich mit dem Präparieren von Fossilien und verkauft auch rohe Halbedelsteine.

Nach Jahren der Heranbildung von Talenten und Verfeinerung der Techniken haben Hsiao und Feng ein 10-köpfiges Team aufgebaut und sind nun die einzige Gruppe in Asien, die Fossilienpräparierung anbietet. Bislang hat Paleo Wonders gut 100 große Projekte erledigt, die ihnen von international renommierten Museen und Forschungsinstituten für Naturgeschichte anvertraut wurden.

"Bis man eine Zeitmaschine erfindet, sind Fossilien die einzige Quelle, die wir über ausgestorbene Tiere haben", erklärt Feng. "Die in Fossilien enthaltenen Informationen können durch exakte Präparierungs- und Restaurierungstechniken entwickelt und hervorgehoben werden. Während man ein Wirbeltier-Fossil präpariert, treten ständig Überraschungen auf. Das macht solche Aufträge so reizvoll, obwohl man viel Zeit und Energie reinstecken muss."

Die Präparierung von Fossilien ist für Hsiao und Feng nicht nur ein Geschäft, sondern eine Berufung, und sie teilen ihr Interesse bereitwillig mit anderen und fördern die Naturwissenschafts-Erziehung. "Bei Geowissenschaften sind die Taiwaner den Amerikanern und Europäern durchweg unterlegen, vielleicht zum Teil auch deswegen, weil die Geologie der Insel Taiwan so jung ist", sinniert Hsiao. "Um das zu verbessern, halten wir es für wesentlich, Objekte aus der Naturwelt populärer zu machen."

Ein Privatmuseum

Entsprechend ist es den beiden gelungen, während ihrer Geschäftsreisen rund um den Erdball eine große Zahl von Mineralien, Meteoriten und Fossilien zu sammeln. Sie konservieren nicht nur einzigartige Exemplare für akademische Forschung, sondern haben auch ein Museum aufgebaut, um ihre Sammlung zu zeigen, außerdem organisieren sie Studienlager und geben Zeitschriften heraus.

"Unser Museum umfasst Fossilien und Mineralien; sie sind äußerst wertvolles Lehrmaterial und unverzichtbar bei der Erkundung der Erdgeschichte", wirbt Feng. "Indem wir mehr über unsere Umwelt, das Land und das Leben lernen, hoffen wir, dass die Besucher motiviert werden können, die Dinge um uns herum hoch zu schätzen und zu schützen."

Cheng Yen-nien, Kurator des staatlichen Museums für Naturwissenschaft (National Museum of Natural Science, NMNS) in Taichung, arbeitet beim Studium von Fossilien und der Vorstellung damit zusammenhängender Forschungsberichte mit Paleo Wonders zusammen. Manche ihrer Essays wurden in renommierten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht, darunter Nature und Science.

"Die Großzügigkeit von Hsiao und Feng, mit der sie mich mit seltenen Exemplaren für intensive Forschung versorgen, bewegt mich; sie hätten die Dinger auch für teuer Geld verkaufen können", frohlockt Cheng. "Beispielsweise boten sie mir und anderen internationalen Paläontologen 2005 zwei Holotypen von Meeresreptilien an, die vor 230 Millionen Jahren gelebt hatten, um sie gemeinsam zu studieren. 2006 tauften wir die beiden neuen Gattungen Qianosuchus mixtus und Yunguisaurus liae."

Cheng glaubt, dass Zusammenarbeit zwischen akademischen und kommerziellen Kreisen für beide Seiten Vorteile bringt, und in der Tat ist sie in Europa und den USA recht üblich. In Asien, einschließlich Taiwan, ist das indes nicht der Fall, weil man fürchtet, der Geschäftemacherei beschuldigt zu werden.

Trotzdem bietet Cheng nicht nur gelegentlich sein Wissen über Anatomie und Geologie an, um die Fossilien-Restaurierungsarbeit von Paleo Wonders zu erleichtern, sondern präsentiert auch bereitwillig seine Forschungsergebnisse gemeinsam mit Paleo Wonders und organisiert Kurse im Mineralien-Fossilien-Museum des Unternehmens. "Durch die Hilfe bei der Förderung von Wissenschaftserziehung ist Paleo Wonders eines der guten Beispiele für ein Unternehmen, das seine sozialen Pflichten erfüllt, und das sollte ermutigt werden", findet er.

Paleo Wonders hat bislang bis zu 46 000 Fossilien gesammelt, doch lediglich rund ein Fünftel davon wird im Firmenmuseum ausgestellt, weil für mehr kein Platz da ist. Ebenfalls aus Platzgründen können immer nur maximal 30 Besucher gleichzeitig das Museum besichtigen, dessen Rolle sich somit auf ein Exkursionsziel für Lehrer und Studierende beschränkt.

"Es ist schwierig für ein Privatunternehmen, ein Museum zu betreiben, besonders wenn es dabei um den Erwerb einer großen Stätte in Taipeh geht, wo die Bodenpreise schwindelerregende Höhen erreicht haben", bekennt Feng. "Wir hoffen, dass die Regierung uns einen unbenutzten, doch großflächigen öffentlichen Raum geben kann, wo wir unsere jüngsten Sammlungen und Forschungsergebnisse umfassend präsentieren können."

Dick Feng hofft, vom Staat einen großen öffentlichen Raum zu erhalten, wo die neuesten Ausstellungsstücke und Forschungsergebnisse seines Museums vorgestellt werden können.


Vergrößerung des Geschäfts

Angesichts der begrenzten Leistung des Museums und seiner Unfähigkeit, sich selbst zu finanzieren, bemühten sich Hsiao und Feng in den letzten Jahren um eine allmähliche Vergrößerung der Bandbreite ihres Geschäfts, um Grabungen, Herstellung von Musterstücken, um Planung von Museen und Ausstellungen, Ausstellungsstücke auffinden und Regelung ihres Verleihs, sowie besonders um die Einrichtung von Läden, welche Produkte aus dem Bereich Naturwissenschaften verkaufen.

"Ganz gleich wie sehr wir uns um eine Diversifizierung unseres Betriebes bemühen, alle unsere Aktivitäten sind noch im Rahmen der Naturwissenschaften, denn da liegen unsere Expertise und Einzigartigkeit", prahlt Hsiao. "Außerdem haben wir wegen unseres persönlichen Interesses ein Sendungsbewusstsein, bei unserer Arbeit zu bleiben."

Im Jahre 2004 richtete Paleo Wonders seinen ersten Naturladen im NMNS ein. Inzwischen betreibt Paleo Wonders 14 solche Geschäfte auf der ganzen Insel. "Wir betrachten unsere Naturläden als Erweiterung unseres Museums, da sie Fossilien und Mineralien, die man früher für teuer und unerreichbar hielt, zugänglich und erschwinglich machen", wirbt Hsiao. "Und wir sind überrascht, wie schnell sie beliebt wurden, deswegen können wir in relativ kurzer Zeit neue Zweigstellen aufmachen."

Viele Menschen würden annehmen, Fossilien seien selten, doch in Wirklichkeit haben manche dominante Arten wie zum Beispiel Trilobiten und Ammoniten, die während des Paläozoikums (Erdaltertum) vor rund 542 bis 251 Millionen Jahren gediehen, große Mengen von Fossilien hinterlassen, die an bekannten Stellen leicht geborgen werden können. Manche Leute mögen sich fragen, ob es ethisch sei, sie von ihren Originalfundorten zu entfernen und sie einer Sammlung zuzuführen, doch Hsiao macht darauf aufmerksam, dass sie letzten Endes durch Verwitterung zerstört würden, wenn man sie dort, wo man sie fand, liegen ließe.

Nach den Worten von Joann Chen, Verkaufsmanagerin von Paleo Wonders, bieten die Naturläden Kunden mit Interesse für Naturwissenschaften eine Vielzahl von Produkten, darunter Audio- und Videokreationen. Im Angebot sind zudem glitzernde Mineralien, echte Fossilien und Fossil-Nachbildungen, und überdies noch Geschenkartikel, Ornamente und Schreibwaren mit Naturmotiven, alles zu erschwinglichen Preisen.

"Wir hoffen, dass Kinder mit Beträgen wie 200 NT$ (4,25 Euro) von ihrem Taschengeld den Grundstock für eine Sammlung legen können, dann wird sich schließlich ihr Interesse entwickeln, und manche von ihnen werden sich mit wissenschaftlichen Dingen befassen, wenn sie groß sind", spekuliert sie. "Lehrer können hier auch nützliches Lehrmaterial und Hilfsmittel finden."

Unterdessen entwickelt Paleo Wonders neue Produkte mit einem Schwerpunkt auf alltägliche Anwendung, und es wird ein Bestandsverwaltungssystem eingerichtet. "Normalerweise bekommen Menschen Fossilien nicht so ohne weiteres zu Gesicht, außer in Museen", meint Chen. "Deswegen wollen wir daraus Objekte machen, an denen sich die Menschen in ihrem alltäglichen Leben entweder erfreuen oder die sie benutzen können. Im Grunde genommen besteht unsere Absicht darin, Produkte zu entwickeln, die pädagogisch nützlich, interessant und praktisch sind."

Motive zur Dekoration

Laut Chen ist jeder Laden von Paleo Wonders mit einem bestimmten Thema geschmückt, etwa Tarbosaurus Bataar. Ein lebensgroßes Exemplar, das die Aufmerksamkeit der Besucher erregen soll, ist entweder an der Decke aufgehängt oder auf einem Podest ausgestellt. Geplant sind auch "Do it yourself"-Zonen, wo Kinder Spaß haben können.

Darüber hinaus müssen die Angestellten in den Naturläden sich regelmäßig berufsbegleitender Fortbildung unterziehen. "Unsere Arbeitskräfte sollen quasi Reiseführer in dem Sinne sein, dass sie die Geschichte unserer Fossilien- und Mineralienprodukte vorstellen können und auch Fragen der Kunden beantworten", erläutert Chen. "Lehrer dürfen gerne ihre Schüler hierherbringen, um Informationen zu sammeln und die Vorträge zu hören, die wir in unseren Läden organisieren."

Auf die Merkmale der Produkte und das exotische Ausstellungsdesign in den Naturläden von Paleo Wonders wurde auch das Unternehmen Eslite Bookstore aufmerksam, die größte Buchladenkette des Landes. "Unsere Geschäfte haben ihren Schwerpunkt auf Kunst und Geisteswissenschaften, im Bereich der Naturwissenschaften sind wir eher schwach", gesteht Eslite-Manager Steve Tseng. "Im Bemühen, diese Schwäche zu überwinden, haben wir durch die Zusammenarbeit mit Paleo Wonders beachtliche Fortschritte gemacht."

Tseng unternahm vor Jahren mehrere Studienreisen ins Ausland, um einen geeigneten Lieferanten ausfindig zu machen, doch erst im Jahre 2006 entdeckte er das, wonach er suchte. "Wir waren sehr erfreut, direkt hier in Taiwan den professionellen Eigner wissenschaftlicher Produkte zu finden, nach dem wir so lange gesucht hatten, und wir glauben, dass die Zusammenarbeit ideal ist", jubelt er. "Infolgedessen konnten wir unser Angebot vielfältiger und vollständiger machen, und die Resonanz der Kunden war sehr positiv."

Dank seiner im Laufe der Zeit angesammelten Expertise bei Fossilien und guten Beziehungen glänzt Paleo Wonders sowohl beim Ausfindigmachen als auch bei der Entwicklung von Produkten. Das Unternehmen hat sich zudem eine klare Marktposition für sein Geschäft geschaffen, betont Tseng.

Momentan haben acht Eslite-Filialen einen gemeinsamen Betrieb mit den Naturläden von Paleo Wonders begonnen. Laut Tseng soll diese Zusammenarbeit in den kommenden Monaten fortgesetzt werden -- vorausgesetzt, es findet sich in den Plänen für die Expansion der Läden genug Platz.

In den Augen von Kiko Hsiao haben seine Naturläden und die Filialen von Eslite ein einander ergänzendes Verhältnis, so dass sie die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kunden besser erfüllen können. Zusätzlich sind der gute Markenname und der breite Kundenstamm von Eslite günstig für das Geschäft seines Unternehmens und die Förderung der Wissenschaftserziehung.

Mit Blick auf die Zukunft hat Hsiao sich das Ziel gesetzt, die Zahl seiner Naturläden durch Zusammenarbeit mit Eslite, Museen, Einkaufszentren und touristischen Stätten bis zum Jahr 2008 auf 20 und bis 2012 auf 30 zu erhöhen. Er räumt ein, dass der Druck durch den Betrieb der Läden immens ist, denn für jede Filiale sind Investitionen in Höhe von bis zu 20 Millionen NT$ (425 500 Euro) erforderlich. Zur Zeit machen der Geschäftszweig der Präparierung von Fossilien und die Ausstellungssparte über die Hälfte der Gesamteinnahmen von Paleo Wonders aus, und sie sind die Hauptkraft für die Entwicklung der Verkaufskanäle.

Hsiao ist im Hinblick auf das Marktpotenzial für naturwissenschaftliche Produkte aber immer noch optimistisch und begründet das mit dem wachsenden Gewicht, das taiwanische Eltern für ihre Kinder auf entsprechende Bildung legen. Er rechnet damit, dass seine Läden schon bald Erträge für die Investitionen einstreichen können.

Potenzial im Ausland

Für die Zukunft plant Hsiao die Expansion ins Ausland, zuerst in Nachbarländer wie Japan und Singapur, wo das Inter esse für Wissenschaft groß ist. "Unser Ideal ist, mit den Einkünften aus unseren Naturläden unsere Förderung von Wissenschaftsbildung zu finanzieren, hauptsächlich durch den Betrieb eines erstklassigen, gut ausgestatteten Museums", sinniert er. "Naturwissenschaft ist überdies ein sehr weites Feld, wo noch viele Bereiche unerkundet sind. Wir wollen mehr Holotypen sammeln und sie an Paläontologen weitergeben, um bei ihrer Ausarbeitung neuer Hypothesen zu helfen, damit so ein vollständigeres Bild der Ursprünge und Evolution des Lebens auf der Erde konstruiert werden kann."

Entsprechend meint auch Dick Feng, dass die Belege, welche die Menschheit über die Lebensgeschichte dieses Planeten insgesamt gesammelt hat, begrenzt sind. Die Gründe, warum bestimmte Tiere und Pflanzen entstanden und dann zu unterschiedlichen Zeiten ausstarben, sind Mysterien, die von der Wissenschaft noch gelüftet werden müssen. "Da ist noch so viel zu lernen... Hoffentlich kann das, was wir tun, mehr Theorien über die Evolution des Lebens stimulieren und zur menschlichen Entwicklung beitragen. Und das ist auch das Trachten, das sowohl unsere Triebfeder als auch unser Erfolgsgefühl ausmacht."

(Deutsch von Tilman Aretz)