ENTOMOLOGIE

Käfer groß in Mode

Eine deutliche Zunahme beim Interesse für Käfer unter taiwanischen Kindern tritt gleichzeitig mit verstärkter wissenschaftlicher Forschung über hartschalige Insekten der Ordnung Coleoptera auf.

von Zoe CHENG
Fotos: HUANG Chung-hsin

Für das Entomologiestudium braucht man Beharrlichkeit und ein scharfes Auge für Details.


Vor etwa drei Jahren begannen Haustierhandlungen in Taiwan damit, in ihren Schaufenstern und Geschäftsräumen mehr Platz für Getier freizumachen, das bei den meisten Taiwanern zuvor als Haustiere noch nicht einmal in Betracht gekommen war. Wo Passanten früher Meerschweinchen oder Kätzchen bestaunt hatten, konnten sie nun verwirrt Nashornkäfer oder Hirschkäfer beäugen. Und bei der Betrachtung hört es oft nicht auf. Sehr viele Kinder in Taiwan halten sich einen Käfer als Haustier, oder sie spielen Videospiele mit Käferthematik, tauschen Karten mit Käferbildern oder sehen sich die außerordentlich beliebten japanischen Cartoons Mushiking: The King of Beetles an.

Nashornkäfer aus der Unterfamilie Dynastinae , Hirschkäfer aus der Familie der Schröter (Lucanidae) und Glühwürmchen -- auch Leuchtkäfer (Lampyridae) genannt -- sind bei taiwanischen Kindern die beliebtesten Arten. Laut Yang Ping-shih, Entomologie-Professor an der National Taiwan University (NTU) in Taipeh, werden jedes Jahr in Taiwan Käfer und damit zusammenhängende Produkte wie Futter, Spiele und Spielzeug im Wert von über 3 Milliarden NT$ (63,82 Millionen Euro) verkauft. In einer Nachrichtenmeldung der jüngsten Zeit wurde verlautet, dass seit 2004 zusammen mit Videospielen benutzte Käfer-Karten im Wert von nicht weniger als 117 Millionen NT$ (2,49 Millionen Euro) Käufer fanden.

Käfer, die zur Ordnung der Coleoptera (dieser griechische Begriff bedeutet zu Deutsch ungefähr Hüllenflügel) gehören, machen 40 Prozent aller Insektenarten auf diesem Planeten aus. Taiwan bietet Käfern dank seiner geografischen Lage und den topografischen Eigenschaften einen hervorragenden Lebensraum. Auf der Insel findet man eine außerordentlich große Vielzahl von Insekten mit hartschaligen Flügeln. Rund 6210 Arten wurden identifiziert und katalogisiert -- zahlenmäßig etwa ein Viertel der Käferarten, die man bislang in Nordamerika identifizierte, wobei die Fläche von Nordamerika fast 700 Mal so groß ist wie die von Taiwan.

Ein neues Zeitalter der Entdeckungen

Während Entomologen weiterhin die Rollen, welche verschiedene Käferarten im Ökosystem spielen, studieren, werden ständig neue Arten entdeckt. Zum Beispiel hat Yang, seit er 1996 damit begann, Glühwürmchen zu sammeln und zu erforschen, 30 neue Leuchtkäferarten in Taiwan entdeckt. Damit erhöhte sich die Gesamtzahl der in Taiwan entdeckten Leuchtkäferarten auf 62.

Lee Chi-feng, Forscher am Landwirtschaftlichen Forschungsinstitut Taiwan (Taiwan Agricultural Research Institute, TARI) unter dem Landwirtschaftsrat (Council of Agriculture, COA), hat im Laufe der vergangenen 17 Jahre neben anderen Käferarten auch 13 neue Arten endemischer Sumpfwiesenkäfer und zwei Arten von Wasser-Blattkäfern identifiziert. Außerdem entdeckte er den einzigen lebendgebärenden Blattkäfer, der bislang in Asien gefunden wurde (lebendgebärende Käfer bringen Larven zur Welt, im Gegensatz zur weiter verbreiteten Methode des Eierlegens). Laut Lee lässt sich schwer schätzen, wie viele Käfer in Taiwan noch identifiziert werden müssen, doch seiner Vermutung nach könnten noch mindestens drei Mal so viele Arten vorhanden sein, wie derzeit katalogisiert sind.

Li Chun-lin, Entomologe an der NTU, buddelte im Jahre 2004 im Norden Taiwans ein Paar Mistkäfer aus der Überfamilie der Scarabaeoidea aus, der erste Sammlungserfolg dieser Art in wenigstens 140 Jahren. Die Wiederentdeckung war ein spannender Moment für Li, doch er benötigte drei weitere Jahre, um die Art schlüssig zu identifizieren und einen akademischen Bericht über alle acht Arten, die bisher in Taiwan gefunden worden waren und zu der gleichen Käferfamilie der Bolboceratidae gehören, fertig zu stellen.

An Themen aus dem Bereich der Käfer, für die sich weitere Forschung lohnen würde, herrscht kein Mangel. Das liegt zum Teil auch daran, dass einheimische Forscher erst in den letzten Jahren einen neuen Blick auf dieses Studiengebiet warfen. Vor Ende des 20. Jahrhunderts war der größte Teil der Katalogisierung von Käferarten in Taiwan zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert vollendet worden. "Rund 95 Prozent der identifizierten Arten waren von ausländischen Forschern katalogisiert worden, und die meisten Exemplare wurden im Ausland archiviert", weiß Li.

Zu den nicht-taiwanischen Pionieren, die bei der Ausarbeitung von Taiwans Insektenbestand halfen, gehörten der britische Insektenkundler Henry Walter Bates (1825-1892), außerdem Robert Swinhoe (1836-1877), 1856 bis 1866 Großbritanniens konsularischer Vertreter in Taiwan, und der deutsche Geschäftsmann Hans Sauter (1871-1943), der zwischen 1902 und 1912 in Taiwan Insekten sammelte. Mehrere japanische Entomologen machten während der japanischen Kolonialzeit (1895-1945) in Taiwan neue Entdeckungen. Heute, über sechs Jahrzehnte nach diesen Entdeckungen, sind Überarbeitungen dringend erforderlich, um unzutreffende oder unklare taxonomische Aufzeichnungen zu korrigieren.

Leidenschaft für Einordnung

Die meisten Insektenfreunde würden wahrscheinlich vor der mühsamen Arbeit zurückschrecken, welche für Überprüfungen und Ergänzungen vorhandener entomologischer Aufzeichnungen erforderlich ist. Für Taxonomen gibt es keine schnelle Anerkennung wie beim Anschauen von The King of Beetles, beim Tauschen von Käferkarten oder Zeitvertreib mit Videospielen. Nur wenige Menschen in Taiwan fühlen sich von dem Bereich angezogen, doch diese wenigen erforschen Käfer voller Leidenschaft. Chan Mei-ling, Hilfskuratorin im staatlichen Museum für Naturwissenschaft (National Museum of Natural Science, NMNS) in Taichung, vergleicht Taxonomen in Taiwan mit einigen der Tierchen, die sie studieren. "Taxonomen sind vom Aussterben bedroht", behauptet sie. Da nur so wenige Entomologen Forschung betreiben und so viele Arten noch nicht identifiziert sind, besteht die Gefahr, dass nicht erfasste Arten noch vor ihrer Entdeckung aussterben.

Lee und Li entdeckten ihre Liebe für Insekten, als sie noch sehr jung waren. Li sammelte seinen ersten Nashornkäfer im Alter von 12 Jahren. Später beschloss er, Entomologie an der NTU zu studieren, wo er andere Insektenfreunde wie Lee kennen lernte. Bis heute hat Li 50 000 Insekten-Exemplare gesammelt, 99 Prozent davon Käfer. Lee sagt, dass er als Kind eher ein sozialer Außenseiter war und gern einen Park in der Nähe seines Elternhauses erkundete, wo man Insekten beobachten und sammeln konnte. Damals exportierte Taiwan große Mengen von Schmetterlingen. Die außerordentliche Vielfalt und Schönheit der Schmetterlinge, die man bewundern und sammeln konnte, weckte das Interesse der angehenden Wissenschaftler. Nachdem sie sich der Entomologie weihten, stellten sie jedoch beide fest, dass Käfer als Studienthemen ein größeres Potenzial hatten, und entsprechend stellten sie ihren Forschungsschwerpunkt um.

Das Studium von Insekten trägt zu den Feldern der Pharmazeutik, Landwirtschaft und Wirtschaft bei. Einheimische Studien haben Forschern zumindest dabei geholfen zu verstehen, wie Insekten verteilt sind und welche Rolle sie in den ostasiatischen Ökosystemen spielen. Der Ausgangspunkt für jede eingehende Forschung ist in der mühsamen Feldforschung verwurzelt, die von Taxonomen betrieben wird. "Um diese Arbeit zu leisten, sollte man keine Angst vor der Wildnis haben, und man muss Einsamkeit ertragen können", erklärt Chan.

Li musste zum Beispiel die ihm nicht vertraute Art der von ihm entdeckten Mistkäfer mit vorhandenen Exemplaren vergleichen, die in ausländischen Archiven gelagert waren, bevor er sicher sein konnte, dass seine Klassifizierung korrekt war. Um die Überzeugungskraft seiner Arbeit zu erhöhen, ging er auch alle relevanten Aufzeichnungen der Art durch und reiste zum Sammeln von Informationen und Exemplaren in benachbarte Regionen. Nach drei Jahren schließlich veröffentlichte er die Ergebnisse seiner intensiven Studien in einer bekannten wissenschaftlichen Zeitschrift.

Chan, eine der wenigen weiblichen Taxonomen Taiwans, ist mit der Mühsal und den Gefahren, die solche Arbeit mit sich bringt, vertraut. Doch selbst wenn Taxonomen viel zu tun haben, haben sie nicht notwendigerweise auch einen Job. "Viele Leute wenden sich an Entomologen, wenn sie ein Insekt identifiziert haben möchten, aber nur wenige denken an Insektenkundler, wenn eine Stelle in dem Bereich zu vergeben ist", seufzt Chan.




Auf Veranstaltungen rund ums Thema Käfer erklären Umweltschützer Kindern und ihren Eltern das Verhalten und die Ökologie von Käfern.


Insekten-Ökotourismus

Während Entomologen die Schwerarbeit leisten, um die Geheimnisse von Insekten zu erkunden, werden in der allgemeinen Öffentlichkeit Ausflüge zur Käferbeobachtung immer beliebter. "Diese Insekten sind tatsächlich ein wertvoller ökologischer Schatz", lobt Yang, der sich selbst als Missionar für das Insekten-Ökotourismusgewerbe bezeichnet. "Wenn man es mit kulturellen Ressourcen kombiniert, wird das ein lohnendes Gewerbe."

Zur Zeit werden die Touren hauptsächlich auf Familien zugeschnitten. Jedes Jahr von März bis Mai starten Naturfarmen auf der ganzen Insel Ausflüge zur Beobachtung von Glühwürmchen. Die Gelegenheit zum Betrachten Tausender von Leuchtkäfern, die im Dunkeln blinken, hat das Naturschauspiel bei einheimischen Besuchern beliebt gemacht. Andere Ereignisse haben das Ziel, zahlreiche Zuschauer anzulocken, damit sie das Spektakel der Glühwürmchen-Lichtshows erleben. "Da haben wir immer ein volles Haus", freut sich Chan. Sie bemerkt, dass viele Taiwaner gerade erst in den letzten zehn Jahren oder so angefangen haben, die Natur zu lieben, einschließlich Käfer -- nämlich sobald der Lebensstandard ein Niveau erreichte, bei dem man zuweilen Freizeitbeschäftigungen höher einschätzte als Geldverdienen. Li freut sich über das Inter esse an Insektentourismus in der allgemeinen Öffentlichkeit, doch seiner Ansicht nach sollte das energischer gefördert werden, vor allem im Hinblick auf Taiwans Potenzial als Reiseziel für Insektenfreunde aus dem Ausland.

Gelegenheiten und Gefahren

Taiwans steigender Lebensstandard forderte seinen Preis. Die gewachsene wirtschaftliche Macht ging mit der Zerstörung einheimischer Ökosysteme einher. Das nun wieder verstärkte Vorkommen von Insekten lässt darauf schließen, dass die Schäden durch Umweltverschmutzung zu einem gewissen Grad rückgängig gemacht werden. Yang schreibt das einer 1984 gestarteten staatlichen Brach-Politik zu, bei welcher der Gebrauch von Pestiziden, der den Insektenbestand in Mitleidenschaft gezogen hatte, gedrosselt wurde. Gemäß dieser Politik erreichte die Gesamtfläche von Land, das in Taiwan brach gelassen wurde, seit 2004 über 200 000 Hektar im Jahr. Umweltverschmutzung ist indes nicht der einzige Faktor, der Zu- und Abnahme beim Insektenbestand beeinflusst.

Nach Lis Erläuterung verhält es sich mit den Wechselwirkungen der Teile eines Ökosystems so, dass beispielsweise Mistkäfer sich von den Exkrementen bestimmter Säugetiere ernähren, und wenn diese Säugetiere gefährdet sind, können auch die Mistkäfer gefährdet sein. Der Klimawandel ist ein weiterer Faktor, der sich auf Käferbestände auswirkt. Der For mosa-Riesenhirschkäfer, eine als "selten und wertvoll" eingestufte geschützte Art, wurde im Bergland in der Umgebung der osttaiwanischen Stadt Taitung dieses Jahr nicht gesichtet. Forscher vom COA vermuten, dass das augenscheinliche Verschwinden dieser Art eine Folge von Dürre sein könnte. Yang hält eine andere Erklärung für plausibler: Das landesweite Käfer-Sammelfieber bringt manche Arten an den Rand der Ausrottung.

Allgemein ist das Sammeln von Käfern nicht verboten, außer wenn es in einem der sechs Nationalparks Taiwans oder anderen vom Staat geschützten Gebieten stattfindet, wo man eine Sondergenehmigung braucht. Das Sammeln von geschützten Arten wie dem Formosa-Riesenhirschkäfer ist von den Behörden jedoch in ganz Taiwan verboten. Natürlich kann es außerhalb der Grenzen von Nationalparks und Naturschutzgebieten schwierig sein, solche Verbote umzusetzen.

Manche Arten wie der Formosa-Langarmkäfer (ebenfalls als selten und wertvoll eingestuft) werden vor allem durch den Insektenhandel bedroht. Für ein lebendes Exemplar kann man über 10 000 NT$ (212 Euro) bekommen. Man weiß nicht, wie viele Haustierhandlungen geschützte Käfer illegal verkaufen, und es wurde auch noch keine Einschätzung darüber durchgeführt, welche Auswirkungen der Insektenhandel auf die Käferbestände hat.

Eine andere potenzielle Gefahr für die einheimischen Käfer droht aus dem Ausland. Ausländische zudringliche Arten werden zu einer Bedrohung, wenn die Tiere aus ihren Terrarien entkommen oder absichtlich freigelassen werden. Zur Zeit werden etwa 200 Käferarten nach Taiwan eingeführt. Der Herkuleskäfer gehört zu den größten Käferarten der Erde und ist sehr beliebt. Entomologen befürchten, diese fremde Art könnte den endemischen Genpool verseuchen, Epidemien auslösen, denen die einheimischen Insekten schutzlos ausgeliefert wären, oder die einheimischen Arten beim Wettbewerb um verfügbare Ressourcen übertreffen.

Die Einführung lebender Käfer ist zur Zeit verboten, doch Schmuggel ist nur schwer zu entdecken. "Wir haben gehört, dass manche lebenden Käfer für den Import auf Kartonpappe gespießt und in Kartoffelchipstüten gesteckt wurden", geißelt Chan. Laut Yang haben fremde Käferarten bereits Auswirkungen auf Taiwans Ökologie, auch wenn es bislang keine schlüssigen Studien darüber gibt. In den USA haben aus China eingeführte Asiatische Bockkäfer in Wäldern schwere Schäden angerichtet. Angesichts des im Vergleich zu größeren Ländern wie den USA kostbaren kleinen Wildtierlebensraumes in Taiwan ist die Identifizierungsarbeit von Naturfreunden, einschließlich Entomologen, eine entscheidende Komponente beim Schutz einheimischer Arten und Ökosysteme.

Taiwans Exekutiv-Yuan (also der Ministerrat oder das Regierungskabinett der Republik China) hat die Taiwan Biodiversity Information Facility eingerichtet, eine Datenbank, die alle Informationen über die inländische biologische Vielfalt zusammenfasst. Dank dieser Datenbank haben Käferfreunde einen neuen Ort, wo sie Wissen über die Insekten, denen sie ihr Leben geweiht haben, austauschen können. Es bleibt abzuwarten, ob das Käferfieber, das junge Taiwaner in den letzten Jahren erfasst hat, schließlich zu einer größeren Zahl von Studierenden mit Entomologie im Hauptfach führen wird, welche die wichtigen Aufgaben der Identifizierung, Katalogisierung und des Verstehens von Taiwans vielfältiger Käferwelt weiterführen können.

(Deutsch von Tilman Aretz)