ARCHITEKTUR

Ein postmoderner Traditionalist

Der Architekt, Pädagoge und Kurator Han Pao-teh hat sein Leben der Architektur und der Wertschätzung von Ästhetizismus in Taiwan geweiht.

von Kelly HER
Fotos: HUANG Chung-hsin

Han Pao-teh machte sich als Architekt, Dozent und Kurator einen Namen.


Bevor der Architekt und Pädagoge Han Pao-teh seine Memoiren verfasste, die 2001 erschienen, fragte er sich selbst, "wieso müssen die Menschen etwas über mich erfahren?" Eine solche Bescheidenheit ist typisch für Han, und sie liefert auch mit die Erklärung dafür, warum eine Retrospektive seiner Werke im Nationalen Geschichtsmuseum Taiwan im Juni und Juli dieses Jahres den Titel "Mild aber geschmackvoll -- ein Dialog mit Han Pao-teh" trug. Hans Bescheidenheit und lockere Natur waren bedeutende Faktoren bei der Herausbildung seiner Lehrmethoden wie auch seines dialektischen Stils. Seine Memoiren sind eine Fortsetzung des Dialoges, den er den größten Teil seines Lebens über die Bedeutung von Ästhetik geführt hat.

Die objektivste Antwort auf Hans Frage ist, dass die Leser mehr über den Mann wissen möchten, der als erster Architekt Taiwans moderne Designprinzipien mit dem südfujianesischen Baustil vereinigte und dadurch eine wahrhaft taiwanische Architektur schuf.

"Heutzutage neigen wir dazu, zu viel künstlichen Zierat zu verwenden, um damit unser Leben zu schmücken und zu verlängern", philosophiert der 73-Jährige zur Erklärung des Ausstellungstitels. "Ich bin der Überzeugung, dass eine milde und dabei geschmackvolle Perspektive, wie sie typisch für den Naturalismus ist, ein gesünderer Ansatz ist, mit dem wir ein besseres und längeres Leben leben können. Im Hinblick auf architektonische Ästhetik legen die besten und ausdrucksvollsten Formen milde und dabei geschmackvolle Züge an den Tag."

Anders als die Memoiren anderer Menschen liest sich Han Pao-tehs Autobiografie nicht wie eine Liste von Leistungen im Laufe der Zeit. Stattdessen betont er seine Kindheit in Armut auf dem Land der chinesischen Provinz Shandong während der dreißiger Jahre -- ein Hintergrund, der ihn nach eigenen Worten dazu motivierte, anstelle von Kunst lieber Architektur zu studieren, da er letztere für gewinnbringender hielt. In der Einführung des Buches beantwortet er seine eigene Frage, warum die Menschen mehr über ihn wissen sollten: "Ich denke, die Dummheit, die Entscheidungen gekennzeichnet hat, die ich während meines ganzen Lebens getroffen habe, kann als warnendes Beispiel dienen. Meine Methode mag langsam aussehen, doch sie zeigt auch Beharrlichkeit. Ich bin weder besonders begabt noch von schneller Reaktion. Wenn ich aber etwas anfange, dann höre ich nicht auf, bevor ich damit fertig bin. Gewöhnlich habe ich hohe Ansprüche an mich selbst und eifere mit meinem ganzen Können meinen Zielen nach. Wenn ich auf Schwierigkeiten stoße, versuche ich sie geduldig zu lösen, mache aber keine Kompromisse beim Endziel."

Liberalisierung der architektonischen Ausbildung

Han machte 1958 an der National Cheng Kung University (die damals noch Tainan Institute of Technology hieß) in Tainan mit dem Hauptfach Architektur Examen. Er gewann ein Stipendium für ein Studium an der Harvard University in den USA, wo er einen Master in Architektur erwarb, gefolgt von einem MA-Diplom an der Princeton University.

Nach seiner Rückkehr nach Taiwan im Jahre 1967 erhielt er seine erste Stelle als Dozent an der Architekturabteilung der Tunghai University in Taichung. Dort stieg er schließlich zum Dekan auf. Während seiner Zeit in den USA hatte Han nach seinem eigenen Empfinden außerordentlich von dem Kritik-System profitiert, das es in den Architektur- und Kunstprogrammen gegeben hatte. Er fand es anregend, heftige Diskussionen zwischen Professoren und Studierenden über ästhetische Konzepte zu beobachten, und ähnliche Debatten der Professoren untereinander fand er gleichermaßen faszinierend.

"Wenn man mich fragte, was ich in Harvard gelernt hatte, dann antwortete ich, 'eine offene Einstellung gegenüber Innovation und über die Befreiung meiner Vorstellungskraft'", behauptet er. "Als ich zur Lehre zurückkehrte, betonte ich daher diese Denkweise."

Gleichzeitig ermunterte Han seine Schüler, Pappmodelle zu basteln, um ihre Vorstellungskonzepte von Raum zu verbessern, die im architektonischen Modernismus eine zentrale Rolle spielen. Er überarbeitete außerdem den Lehrplan und ersetzte den Bauwissenschaft-Unterricht durch Kurse auf der Grundlage von Design, und er führte ein fünfjähriges Programm ein.

"Architektur ist nicht Bauwissenschaft", definiert Han. "Es geht dabei um Kultur, und sie sollte deswegen mit Geisteswissenschaften verbunden werden. Außerdem wollte ich ein traditionelles Lehrkonzept, das Design mit Zeichnen gleichsetzte, umwandeln in etwas, das Design zur Anregung des Denkens benutzt." Und da Denken zuweilen etwas chaotisch sein kann, durfte nach Hans Ansicht auch Design manchmal chaotisch sein. Er hielt es nicht immer für notwendig, mit "sauber gezogenen Linien" zu zeichnen.

Han Pao-teh führte in seinen Architekturkursen die Verwendung von Pappmodellen ein, um die Vorstellungskonzepte seiner taiwanischen Studierenden über Raum zu verbessern.


In Hans Fußstapfen

Neben seiner Lehrtätigkeit gab Han gemeinsam mit Kollegen eine Zeitschrift heraus, in der moderne architektonische Trends ebenso erkundet wurden wie das Verhältnis zwischen architektonischem Design, Kultur und Gesellschaft.

Seine Kollegen loben Han dafür, bei der Annahme eines Geistes von Offenheit, Unabhängigkeit und Idealismus in der Architekturabteilung der Tunghai University eine Pionierrolle gespielt zu haben. Han verließ die Tunghai University im Jahre 1977 und übernahm die Leitung der Colleges für Wissenschaft und Bauwissenschaft an der National Chung Hsing University in Taichung.

Lo Shih-wei, der jetzige Dekan für Architektur an der Tunghai University, gehört zu denen, die von Hans Unterricht geprägt wurden. "Als wir bei Han Architektur studierten, waren wir alle von seiner Weisheit, Logik und Einsicht überzeugt", versichert er. "Das Wissen, das er uns vermittelte, vereinigte seine eigene Rationalität und seine Ansichten, dank derer ich meinen Horizont erweitern konnte."

Hans ernsthaftes Interesse und seine Kritik an der Gesellschaft bewegten Lo, und nach Los Worten gingen diese Gefühle an viele seiner Schüler über, so dass sie ein Sendungsbewusstsein entwickelten, sich selbst zu verbessern und gleichzeitig nach gesellschaftlichem Fortschritt zu streben.

Kris Yao, ein führender Architekt in Taiwan, der sich mit seinem Design des Bahnhofs für die hochmoderne Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn in Hsinchu einen Namen machte, ist einer von Hans vielen Fans. "Die meisten von uns, die Architektur studiert haben, bevorzugen eher das Neue und verachten das Alte, und wir streben unablässig nach Durchbrüchen", beschreibt Yao. "Viele unserer alten Helden sind bei uns nach und nach in Ungnade gefallen, mit Ausnahme von Han, der uns immer voraus war." Er ergänzt, dass er stets von Hans tiefgreifenden Analysen aktueller Ereignisse inspiriert ist, und Hans Haltung und Expertise bei Diskussionen über verschiedene Themen machen einen tiefen Eindruck auf Yao.

Architektonische Errungenschaften

Im Laufe der Jahre hat Han viele Gebäude entworfen, mit denen er Aufmerksamkeit erlangte und die seinen Ruf beförderten. Zu den repräsentativen Gebäuden zählen das 1978 fertig gestellte Jugendzentrum Tiansiang am Ende der Taroko-Schlucht im Landkreis Hualien, das 1981 vollendete Kulturzentrum der Kreisverwaltung Changhua, das Ethnologieinstitut der Academia Sinica (1985) sowie die Tainan National University of the Arts (1996).

Viele seiner frühen Projekte waren von modernistischem geometrischen Design gekennzeichnet, was ihm einen Platz in Taiwans Architekturgeschichte einbrachte. Das Jugendzentrum in Tiansiang zum Beispiel wurde von der Zeitschrift Taiwan Architect als Gebäude mit dem besten Design des Jahres 1980 bezeichnet.

Später begann Han damit, Elemente des Architekturstils aus dem Südteil der chinesischen Provinz Fujian, den frühe chinesische Einwanderer nach Taiwan mitgebracht hatten, in ansonsten moderne Architekturdesigns zu integrieren. Ein Beispiel dafür war ein Projekt, das er in der Academia Sinica durchführte, Taiwans renommiertem staatlichen Forschungszentrum. Hans Design umfasste einen traditionellen chinesischen rechteckigen Innenhof und eine mit roten Dachziegeln gedeckte Vorderfront, die den Eindruck eines taiwanischen Dorfes vermittelt. Weiter hinten krönen pagodenähnliche runde Dächer das Gebäude.

Der eingefleischte Postmodernist nahm auch Avantgarde-Designtechniken wie Verformung, Umstellen und Neu-Kombinierung in seine Bauten auf. Gleichzeitig gab er traditionelle chinesische Designprinzipien wie Gleichgewicht und Symmetrie auf. Das Ergebnis waren dynamische Bauten mit vielfältigem Raum.

Restaurierungsprojekte

1971 wurde Han von der Kreisverwaltung Taipeh aufgefordert, das zwischen 1888 und 1893 erbaute historische Anwesen Lin Family Mansion and Garden in Banciao zu vermessen. In seinem Bericht zeichnete er architektonische Daten auf und präsentierte Vorschläge, wie eine Restaurierung am besten in Angriff genommen werden sollte. Es war der erste Bericht dieser Art, und er wurde zum Vorbild für die aufkommende Erkundung historischer Bauten in Taiwan.

Später arbeitete Han an der Restaurierung des Konfuzius-Tempels und des Lungshan-Tempels in der zentraltaiwanischen Gemeinde Lugang (Landkreis Changhua). "Bei der Restaurierung von Tempeln bemühte ich mich um die Erhaltung der ursprünglichen Baumaterialien und des Zierats, soweit das möglich war", beteuert er. "Gleichzeitig achtete ich auf die strukturelle Sicherheit. Was am meisten der Bewahrung bedurfte, war die Form der traditionellen Struktur, mehr jedenfalls als die traditionellen Bautechniken."

Han betrachtet Restaurierungsarbeit an historischen Gebäuden als Dienst an der Gesellschaft und nicht als profitorientierten Beruf. Sicherlich erzeugt seine Architekturfirma Gewinne, wovon ein Teil zur Unterstützung seiner Restaurierungsbemühungen verwendet wird. "Moderne Architektur habe ich beim Studium gelernt, doch ich hatte eine Leidenschaft für alte Gebäude", bekennt er. "Nach und nach flossen beide in meine Entwürfe ein, was dazu beitrug, meine Laufbahn auf ihren Höhepunkt zu katapultieren."

Nach seiner Pensionierung nahm Han den Posten eines Kurators im Museum der Weltreligionen in Yonghe (Landkreis Taipeh) an.


Vorrang der Funktion gegenüber Form

Nach Hans Ansicht ist Architektur eine Kunst, doch die wichtigste Rolle spielt dabei immer noch die Funktionalität. Han unterstreicht, dass Gebäude für Menschen errichtet werden, um als Wohnstätten, Arbeitsstellen oder Unterhaltungsorte zu dienen, und beim Entwurf muss die Funktion berücksichtigt werden.

"Ein Gebäude kann eine Vielzahl expressiver Formen und individueller Stile zeigen, trotzdem sollte das Design prinzipiell auf der Grundlage rationaler Gedanken beruhen", doziert Han. "Ich halte nichts davon, viel Geld für formative Kunst auszugeben, wenn das Gebäude an sich die Bedürfnisse seiner Nutzer nicht erfüllt."

Wu Kuang-ting, Dekan für Architektur an der Tamkang University im Landkreis Taipeh, beschreibt Han sowohl als Architekten als auch als Gelehrten. Dank seiner Fürsprache ist Architektur heute ein Fach, das in Taiwan zu ernsthaftem Nachdenken und Diskussionen geführt hat. So geht Architektur nun über technische Aspekte hinaus und wird daneben mit Kunst und Kultur in Verbindung gebracht. Wu findet, dass Hans Leistungen ein gutes Beispiel für die jüngere Generation gesetzt haben.

Laut Wang Chun-hsiung, Architekturprofessor an der Tamkang University, sind einflussreiche Gestalten wie Han in Taiwans architektonischem Milieu eine Seltenheit. Hans Publikationen bieten eine Grundlage für Diskussionen, welche Theorien über zeitgenössische Architektur in Taiwan belebt und diversifiziert haben, konstatiert Wang und fügt hinzu: "Han war der Stifter der modernen Architektur in Taiwan, und er ist für Studierende und junge Architekten immer noch eine Anregung."

Ästhetik für die Massen

Han findet, Architektur in Taiwan habe sich dank der Fortschritte bei der Bildung wesentlich verbessert. Gegenwärtig sieht er das Problem, dass die allgemeine Öffentlichkeit nicht in der Lage ist, Architektur zu schätzen oder zu bewerten. Die Wurzel des Problems liegt für Han im Fehlen von Ästhetik als Fach im Schulpflichtsystem.

"Allgemein gesagt besitzen die Taiwaner keinen scharfen Sinn für Schönheit", klagt er. "Wenn sie auf der Straße an einem Exemplar schöner Architektur vorbeigehen, spüren sie rein gar nichts. Diesen Mangel an Wertschätzung und Respekt kann man erkennen, wenn Geschäftsinhaber hässliche Werbeplakate an Gebäuden aufhängen, die eigentlich ein anspruchsvolles Design besitzen."

Han hofft, dass die Bildungsbehörden dieses Problem lösen können, indem sie schon in der Grundschule Kunstkurse in den Lehrplan aufnehmen. Auf diese Weise könnte nach und nach eine Wertschätzung für Ästhetik eingeimpft werden. "Nur wenn die Menschen einen Sinn für Schönheit besitzen und sich deswegen eine ansprechende Umgebung wünschen, können talentierte Architekten eine Chance haben zu zeigen, was sie können, und als herausragend anerkannt zu werden", argumentiert er.

Han hat in den letzten zwei Jahrzehnten über 20 Bücher geschrieben, in denen es nicht nur um architektonisches Design geht, sondern auch um Kunst, Ästhetik, Kultur und Gesellschaft, und wie alle diese Dimensionen miteinander zusammenhängen.

Wissen und Ästhetik auf dem Präsentierteller

Zusätzlich zu seinen Bemühungen, Architektur als lebendige Kunst zu fördern, spielte Han außerdem eine Schlüsselrolle im Bereich Management von Museen. 1981 wurde er vom Bildungsministerium gebeten, bei der Planung des staatlichen Museums für Naturwissenschaft (National Museum of Natural Science, NMNS) in Taichung, der ersten Institution dieser Art in Taiwan, zu helfen.

"Mein Ziel bestand damals darin, ein Naturkundemuseum zu bauen, das hinsichtlich akademischer Forschung und Präsentation internationale Standards erreichte", bemerkt Han. "Noch wichtiger war dabei, dass die Ausstellungen die Bedürfnisse der Öffentlichkeit erfüllen und ihre Anerkennung finden mussten. Am Eröffnungstag am 1. Januar 1986 standen Tausende von Besuchern Schlange. Das war ein Meilenstein für die Museumsentwicklung in Taiwan."

Han hatte sich ursprünglich bereit erklärt, sich drei Jahre lang mit dem Museumsprojekt zu befassen, doch als er das NMNS 1993 verließ, hatte er über 12 Jahre dort verbracht. Dann nahm er eine weitere Herausforderung an -- die Einrichtung der Kunsthochschule Tainan National University of the Arts.

Recht bald nach seiner Pensionierung im Jahre 2000 ließ Han sich von der buddhistischen Stiftung Ling Jiou Mountain Buddhist Foundation dazu überreden, der erste Kurator des Museums der Weltreligionen in Yonghe (Landkreis Taipeh) zu werden.

"Bildung ist ein Ablauf, bei dem man die Talente und das Potenzial in Schülern inspiriert", sinniert Han. "Ich freue mich, an Bildungsarbeit beteiligt zu sein. Die Förderung von Architektur, Wissenschaft, Kunst und Geisteswissenschaften in den jeweiligen Phasen meines Lebens passten gut zu den Veränderungen, die sich bei meinem Denken und meinen Prioritäten in den verschiedenen Stufen des Lebens vollzogen. Ich bin dankbar dafür, dass alles so harmonisch funktioniert hat."

Für Han ist "Leben" das wichtigste Fach, das bei der Bildung im 21. Jahrhundert behandelt werden muss. Sobald die Menschen ihr Verständnis von Leben verbessern, sind sie eher dazu geneigt, es hoch zu schätzen. "Jeder muss den Sinn und den Wert des Lebens lernen, damit wir gemeinsam eine Gesellschaft aufbauen können, die von Liebe und Frieden erfüllt ist", predigt er. "Ich glaube, dass alle Religionen nach der Förderung von Liebe und Frieden streben, auch wenn sie sich auf unterschiedliche Doktrinen beziehen."

Laut Han ist sein Beruf architektonisches Design, seine Ideale werden durch die Förderung von Bildung und Kultur ausgedrückt, und sein fortdauerndes Interesse gilt der Kunst. "In den letzten 40 Jahren habe ich ein bedeutungsvolles, wertvolles Leben geführt", schwelgt er. "Ich freue mich, dass ich die Gelegenheiten hatte, etwas für mein Land zu tun. Wenn ich nach vorn blicke, dann hoffe ich, mein Leben weiter weise leben und eine positive Kraft in der Gesellschaft sein zu können."

(Deutsch von Tilman Aretz)