AUSSENPOLITIK

Grüne Gelegenheit

Taiwan hat beträchtliche Anstrengungen bei der Entwicklung von sauberer Energie unternommen und kann den anderen APEC-Volkswirtschaften dabei helfen, Fragen des Klima-wandels anzugehen.

von Jim HWANG

Gruppenfoto mit APEC-Führern in Sydney. Den APEC-Volkswirtschaften ist klargeworden, dass der steigende Energieverbrauch eine Belastung für die Umwelt darstellt. (Foto: Central News Agency)


Am 8. September fand in der australischen Stadt Sydney die Konferenz der Wirtschaftsführer der Asiatisch-pazifischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation, APEC) statt. Sechs Monate vor dem Gipfel schrieb der australische Regierungschef John Howard unter dem diesjährigen Motto "Stärkung unserer Gemeinschaft, Aufbau einer dauerhaften Zukunft" an alle Führer der APEC und benannte eine saubere Entwicklung und den Klimawandel als Diskussionsschwerpunkte.

Die APEC-Volkswirtschaften haben seit langem Energie als entscheidend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Region erkannt. Als 1996 ebenfalls in Sydney das erste Treffen der APEC-Energieminister stattfand, ruhte das Hauptaugenmerk unter dem Motto "Energie: Unsere Region, unsere Zukunft" auf der Erfüllung des rapide steigenden Energiebedarfs der APEC-Länder, um zu gewährleisten, dass das wirtschaftliche Wachstumspotenzial der Region realisiert werden konnte. Zusätzlich wurde von den APEC-Volkswirtschaften anerkannt, dass Wachstum bei der Energieversorgung die Umwelt lokal, regional und global unter Druck setzen würde.

Der Energiebedarf hat in den letzten Jahren zugenommen, und APECs 21 Mitglieder (Australien, Brunei, Chile, VR China, Hongkong, Indonesien, Japan, Kanada, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Papua-Neuguinea, Peru, Philippinen, Russland, Singapur, Südkorea, Taiwan, Thailand, USA und Vietnam) sind heute verantwortlich für 60 Prozent des gesamten Energiebedarfs der Welt. Ebenfalls zugenommen haben die Auswirkungen auf die Umwelt, manche APEC-Volkswirtschaften sind oder werden die schlimmsten Umweltverschmutzer der Erde. Angesichts der nun unerschütterlichen Einigkeit der Wissenschaft darüber, dass ein Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Zuführung von Treibhausgasen in die Atmosphäre aufgrund der Verbrennung fossiler Brennstoffe besteht, müssen die APEC-Mitglieder ernsthaft darüber nachdenken, wie sie ihren weiterhin steigenden Energiebedarf decken können und gleichzeitig zunehmenden Klimawandel vermeiden. Zur Behandlung dieser Frage treffen sich Energiebeamte aus allen APEC-Volkswirtschaften zwei Mal im Jahr auf den Konferenzen der APEC-Energie-Arbeitsgruppe (APEC Energy Working Group), und der private Sektor wurde durch eine parallele Organisation, nämlich das APEC-Energiewirtschaftnetz (APEC Energy Business Network), zur Teilnahme an den Konferenzen eingeladen. Zu den laufenden Projekten zählen die Erstellung von Energiestatistiken, Beobachtung der Umwelt sowie Forschung über die Förderung von Energieeffizienz und erneuerbarer Energie.

Auf der Konferenz im September brachte Taiwan einen Vorschlag mit der Bezeichnung "Green APEC Opportunity Initiative" (Initiative zur Chance für eine grüne APEC) ein, der die Ausrichtung einer Grüne-APEC-Konferenz als Forum für die APEC-Volkswirtschaften, auf dem sie ihre Erfahrungen teilen und Dialog führen können, und einer Grüne-APEC-Ausstellung für saubere Entwicklung umfasst, wo die APEC-Volkswirtschaften ihre grünen Produkte und Technologien vorstellen und nach Möglichkeiten für Zusammenarbeit suchen können.

Taiwan war im November 1991 unter dem Namen "Chinese Taipei" Mitglied der APEC geworden. Wie die meisten anderen APEC-Volkswirtschaften ist auch Taiwan stark von importierter Energie abhängig, und das Hauptinteresse besteht in der Sicherung eines stabilen Nachschubs. Ökologische Faktoren begannen erst ab den neunziger Jahren eine Rolle zu spielen, als die Regierung ihr Interesse am Aufbau sauberer und effizienter Energiequellen sowie der Förderung erneuerbarer Energie ausdrückte. Durch die Heranbildung alternativer Energiequellen wie Biomasse, Sonnenenergie und Windkraft will Taiwan bis zum Jahre 2010 zehn Prozent seiner gesamten Energieversorgung durch erneuerbare Quellen ersetzen, und bis zum Jahre 2020 soll der Kohlendioxidausstoß der Insel auf das Niveau von 2000 gesenkt werden.

Nutzung erneuerbarer Energie

Damit diese Ziele erreicht werden, bietet Taiwans Regierung mehrere Anreize, um die Beteiligung des privaten Sektors und gewöhnlicher Leute zu ermutigen. So werden beispielsweise bis zu 50 Prozent der Installierungskosten von Systemen, welche diese Art der Energie verwenden, bezahlt. Manche erneuerbare Energien haben zwar einen kleinen Umfang, sind aber bereits in Betrieb. Der Shihmen-Windpark, Taiwans erste kommerzielle Windkraftanlage, wird von der Stromgesellschaft Taiwan Power Co. (Taipower) betrieben und ging Ende 2004 ans Netz. Laut Taipower können die Windturbinen pro Jahr rund 3820 Tonnen Brennstoffkohle ersetzen und die Kohlendioxid-Emissionen um 8600 Tonnen reduzieren. Ein neues Kraftwerk in Linkou, das von einem Privatunternehmen gebaut wird, soll 2008 in Betrieb genommen werden, und seine sieben stromerzeugenden Einheiten werden 14 000 Haushalte der Gegend mit sauberer Energie versorgen. Nach Angaben des Energieamtes im Wirtschaftsministerium haben Taiwans 103 Windkrafteinheiten den Treibhausgasausstoß um 250 000 Tonnen im Jahr vermindert.

Die Sonne ist gleichfalls eine potenzielle Energiequelle. Derzeit besitzen über 380 000 Haushalte in Taiwan solar betriebene Wasserboiler, und die Gesamtfläche der Sonnenkollektoren beträgt heute 1,53 Millionen Quadratmeter, was die Kohlendioxidemissionen um weitere 336 000 Tonnen im Jahr senkt.

Manche Behördengebäude wie die Kreisverwaltung Tainan und das Präsidialamt in Taipeh benutzen Photovoltaik-Systeme als Teil ihrer Beleuchtungsanlagen. Solche Systeme laufen momentan als Experiment, doch technologische Fortschritte werden wahrscheinlich die Stromspareffizienz steigern und die Produktionskosten senken. Das Institut für Kernenergieforschung, eine staatliche Forschungsorganisation, gibt die Ergebnisse seiner Forschung über hochkonzentrierte Photovoltaik-Produkte an private Hersteller weiter. Das Institut schätzt, dass die Produktionskosten für hochkonzentrierte Solarstromzellen ab 2015 mit traditionellen Energieträgern konkurrieren können, und ab 2010 werden taiwanische Produkte ein Zehntel des Weltmarktes innehaben.

Wenn man die im Shihmen-Windkraftwerk gewonnene Strommenge in einem Kohlekraftwerk erzeugte, würden dabei pro Jahr 8600 Tonnen Kohlendioxid anfallen. (Foto: Huang Chung-hsin)


Die Bedeutung des Umweltschutzes

Das Umsteigen von kohlendioxid-erzeugender Energie auf umweltfreundliche Energie ist zeitraubend und kostspielig. Ein schnellerer Weg zur Verminderung des Treibhausgasausstoßes ist die Steigerung des Energiesparens. Taiwan begann 2005 damit, für die freiwillige Verminderung von Kohlendioxid-Emissionen bei inländischen Unternehmen zu werben. Um energieeffiziente Produkte zu fördern, wurde ein Energiesiegel-System für Produkte mit 10 bis 15 Prozent höherer Energieeffizienz geschaffen. Momentan haben über 1000 Produkte von Motorrollern und Autos bis zu Waschmaschinen und Haartrocknern das Gütesiegel erhalten. Verbraucher können auf der Energiesiegel-Website leicht Hersteller und Verkäufer ausfindig machen.

Die Umweltschutzverwaltung (Environmental Protection Administration, EPA) arbeitet auch mit der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde bei dem Energy Star-Projekt zusammen, einem internationalen Standard für energieeffiziente Elektrogeräte. Energy Star wurde 1992 in den USA initiiert und hat seitdem international immer höhere Anerkennung gewonnen. Ende letzten Jahres waren 326 Produkte von 28 Herstellern in Taiwan mit dem Energy Star-Siegel ausgezeichnet worden. Laut EPA kann die Verwendung solcher Geräte Strom sparen, bei dessen Produktion 5300 Tonnen Kohlendioxid anfallen würden.

Mit all diesen Maßnahmen ist Taiwan indes noch weit davon entfernt, seinen Treibhausgas-Ausstoß tatsächlich zu senken. Obwohl Taiwan nur für 1 Prozent des globalen Kohlendioxidausstoßes verantwortlich ist, ist der Pro-Kopf-Ausstoß vier Mal so hoch wie der globale Durchschnitt. Das Kyoto-Protokoll, das zur allgemeinen Leitlinie für Abgasausstoßverminderung geworden ist, legte als Ziel fest, dass Industriestaaten ihre Emissionen von Kohlendioxid und fünf anderen Treibhausgasen gemeinsam zwischen 2008 und 2012 um 5,2 Prozent der Menge von 1990 reduzieren sollten. Zwar war Taiwan von der Unterzeichnung des Protokolls ausgeschlossen, doch hält das Land sich als verantwortliches Mitglied der internationalen Gemeinschaft eifrig an die Standards. Kyoto ist allerdings von mehreren Industriestaaten wie Australien und den USA nicht ratifiziert worden, und die angestrebten Kyoto-Ziele haben sich für die meisten Unterzeichner als unerreichbar erwiesen.

Taiwan versucht auch, sich eigene Ziele zu setzen. Im letzten Mai verabschiedete der Legislativ-Yuan (Taiwans Parlament) die erste Lesung des Treibhausgas-Verminderungsgesetzes, das vorschreibt, dass das Jahresvolumen von Treibhausgasemissionen zwischen 2025 und 2030 auf das Niveau von 2005 mit 250 Millionen Tonnen gesenkt werden soll. Der Rahmen eines strengen Gesetzes zeigt ein gewachsenes Bewusstsein für die Bedeutung der Verminderung von Treibhausgasemissionen. Wirtschaftsminister Steve Chen gibt jedoch zu, dass das Ziel nur sehr schwer zu erreichen ist, da der lokale Kohlendioxidausstoß um schätzungsweise 4 Millionen Tonnen im Jahr zunimmt, selbst wenn keine größeren Bauprojekte laufen. Chen teilte der Presse mit, dass Firmen, wenn die Regierung das Gesetz durchsetzte, noch bevor die entsprechenden politischen Maßnahmen Früchte trugen, sich zur Verkleinerung oder zum Umzug in andere Länder gezwungen sehen könnten, was für die Arbeitsmarktsituation und die Gesamtwirtschaft schlecht sei.

Warum keine Ziele?

Taiwan ist damit nicht allein, und trotz allen Palavers über die Verminderung von Treibhausgasemissionen haben sich nur wenige Regierungen auf rigorose Ziele festgelegt. Für die APEC wird das in der Tat als verfrüht angesehen. Als sich die APEC-Energieminister im Mai in Darwin (Australien) trafen, endete die Konferenz mit der Bekanntgabe der Darwin-Deklaration. Diese enthält ein Abkommen über die Verbesserung von Energieeffizienz durch eine Reihe von Maßnahmen. Außerdem behandelt es die Entwicklung der besten Praxis im Hinblick auf energieeffizienten Verkehr, die Intensivierung der Bemühungen zur Entwicklung und Anwendung von Techniken zur kosteneffizienten Verwendung von organischen Rohstoffen sowie die Förderung internationaler Zusammenarbeit bei alternativen Brennstoffen. Die Minister legten jedoch keinerlei Zielvorgaben für die Senkung von Treibhausgasemissionen fest, sie versuchten es noch nicht einmal. "Die Herausforderung liegt derzeit nicht in der Festsetzung von Zielen", teilte Ian MacFarlane, australischer Industrieminister und Vorsitzender der Konferenz, den Medien mit. "Die eigentliche Herausforderung ist, die Technologie zu haben, um Ziele erreichen zu können. Sobald wir wissen, wie wir Treibhausgasemissionen senken können, wird die Herausforderung sein, diese Technologien anzuwenden und Ziele zu setzen."

Der Einsatz von Technologie

Die Technologie und die Fähigkeit, energieeffiziente Produkte herzustellen, sind ein Bereich, in dem Taiwan für die anderen APEC-Volkswirtschaften Beiträge leisten kann. Eines der heißesten solcher Produkte sind Leuchtdioden (Light-emitting diodes, LED). Hinsichtlich Energieeffizienz beträgt der Stromverbrauch von LEDs ein Zehntel von Glühlampen und die Hälfte von Leuchtstoffanlagen wie Neonröhren, wogegen LEDs 20 bis 30 Mal länger haltbar sind als Glühlampen und 10 Mal länger als Leuchtstoffkörper. Man rechnet daher damit, dass LEDs innerhalb von 5 bis 10 Jahren traditionelle Produkte als wichtigste Lichtquelle ersetzen werden. Während Japan und die USA bei weißen LEDs führend sind, verfügt Taiwan bei grünen und roten LEDs über Technologie- und Produktionsvorteile, ebenso bei ähnlichen Artikeln wie Flüssigkristallanzeigern (Liquid Crystal Display, LCD), bei denen taiwanische Erzeugnisse bereits einen Weltmarktanteil von beinahe 50 Prozent besitzen.

Die Entwicklung von Technologien zur Erzeugung sauberer Energie und energieeffizienter Produkte ist in allen APEC-Volkswirtschaften zu einer Strategie geworden, den Ausstoß von Treibhausgasen zu vermindern. Hinsichtlich seines technologischen Niveaus befindet sich Taiwan irgendwo zwischen entwickelten Volkswirtschaften wie den USA und Japan auf der einen Seite und unterentwickelten Gebieten auf der anderen Seite. Mit Hilfe der APEC kann Taiwan als Brücke zwischen beiden dienen und außerdem Geschäftsgelegenheiten für die eigene grüne Industrie ausweiten.

(Deutsch von Tilman Aretz)