Eine einheimische Marke
Yuli Taki will mit ihren Handtaschen internationalen Marken Konkurrenz machen.
von Oscar CHUNG
Fotos: HUANG Chung-hsin
Yuli
Taki ist Angehörige des Truku-Stammes.
An einem Frühlingsabend gab eine neu gegründete Firma namens "Taiwan Ang" (was im taiwanischen Dialekt "zinnoberrot" bedeutet) im Hyatt-Hotel in Taipeh ihre Absicht bekannt, Luxuswaren mit einzigartigen Ureinwohnermotiven zu vermarkten. Gäste wie die Präsidentengattin Wu Shu-chen applaudierten, als Mannequins ihnen Handtaschen mit Ureinwohnermustern vorführten. Yuli Taki war besonders aufgeregt, weil die Handtaschen mit traditionellen Truku-Mustern von ihr entworfen worden waren. Damit unternahm sie einen weiteren Schritt auf dem Weg, das Erbe der materiellen Ästhetik ihres Stammes der Welt bekannt zu machen.
"Taiwans Ureinwohnerkultur ist sehr reich, und nur sie kann die wahre taiwanische Identität repräsentieren", meint Ligi Lee, eine nach Australien ausgewanderte Taiwanerin und Gründerin von Taiwan Ang. "Taiwan ist in der Lage, hochwertige kulturelle Waren zu produzieren. Die Insel sollte ihr Image verbessern, indem sie exquisite Kulturgegenstände schafft und Werbung dafür macht."
Taki gehört dem osttaiwanischen Ureinwohnerstamm der Truku an, der früher als Bestandteil des größeren Atayal-Stammes angesehen und im Januar 2004 als 12. Ureinwohnerstamm des Taiwangebietes von der Regierung anerkannt wurde. Mit 42 Jahren war sie zuerst nicht sehr enthusiastisch, mehr über ihre Wurzeln zu erfahren, und ihre heutige Leidenschaft für Ureinwohnerdesign schreibt sie der Anregung durch ihre Großmutter zu. "Meine Oma erzählte mir, ich könne nicht heiraten, wenn ich nicht weben könnte", erzählt Taki. Gemäß der Truku-Tradition müssen Mädchen vor dem Erreichen des heiratsfähigen Alters Geschicklichkeit beim Weben erwerben, so wie die Knaben die Jagdkunst erlernen müssen. Doch Taki ignorierte den Rat, obwohl ihre Großmutter sie unablässig drängte. "Sie musste mich mit Naschereien bestechen, damit ich ihr beim Weben zusah", bekennt sie.
Ihre Großmutter war in dem Stamm weit für ihre hervorragende Webkunst bekannt, und sie hatte Freude daran, Taki die Symbolismen der Muster zu erklären. "Dies ist ein Berg, das ist der Ozean, hier ist eine Straße, und jenes sind die Augen unserer Ahnen", so pflegte die Großmutter zu sagen. Die rautenförmigen Augen der Ahnen, in der Truku-Sprache dowriq utux genannt, erscheinen immer wieder in Takis Arbeiten. "Meine Ahnen beobachten mich stets und ermahnen mich, meine Seele rein und schön zu halten."
Als Twen hatte Taki sich ihren Lebensunterhalt als fliegende Händlerin auf den Straßen von Taipeh verdient, und in jener Zeit begann sie, sich ernsthafter mit ihrer Herkunft zu befassen. Sie entwickelte ein Interesse für die Weberei und erwies sich als schnell von Begriff. "Niemand hat mir wirklich Unterricht gegeben", behauptet sie. "Ich habe einfach durch Zuschauen gelernt. Ich bat Weber um ihre fertigen Arbeiten und ribbelte diese dann auf, um zu sehen, wie sie hergestellt worden waren. Ich glaube, dass meine Oma irgendwie meine Laufbahn leitet." Taki fing an, Kleider mit Ureinwohnermotiven zu entwerfen und stellte sie 1996 zum ersten Mal im Grand Hotel in Taipeh aus.
Ihr erwachendes Bewusstsein für Stammestraditionen ging zeitlich mit einer Renaissance der einheimischen Kultur auf der ganzen Insel einher. Die lokalen Verwaltungen richteten ihren Blick unvermittelt auf Taiwans einheimisches Kulturerbe und begannen infolgedessen Kunst- und Handwerksmessen zu veranstalten. Taki fing nun an, mit Unterricht an Schulen Weberkünste an die jüngere Generation weiterzugeben.
"Ich möchte, dass meine Produkte anspruchsvoller sind", sinniert sie. "Ich möchte nicht, dass man sie nur auf Messen zeigt, wo Ureinwohnerwaren verkauft werden." Sie selbst hatte eine große Vorliebe für Lederwaren von Louis Vuitton (LV) und pflegte viele Jahre lang die Gewohnheit, sich zum Geburtstag eine LV-Tasche zu kaufen. Ihre Freunde ermutigten sie, sich auf den Aufbau einer Marke für ihre eigenen Taschen zu konzentrieren. "Meine Freunde meinten, ich solle keine LV-Taschen mehr kaufen und statt dessen meine eigenen benutzen", berichtet sie. Im Jahre 2003 registrierte Yuli Taki ihren Namen als Marke und packte am Silvesterabend alle ihre LV-Taschen in Kartons. Seit diesem Tag benutzt sie nur noch ihre eigenen Handtaschen.
Für die Finanzierung ihres Planes, hochwertige taiwanische Handtaschen zu schaffen, lieh Taki sich fast 10 Millionen NT$ (250 000 Euro) aus. Sie brauchte das Darlehen, um zur Kostensenkung Leder in großen Mengen zu kaufen und genug gewebten Stoff für den Start eines Produktes vorrätig zu haben.
Nach
rund 100 Stück pflegt Yuli Taki Änderungen am Design ihrer Produkte
vorzunehmen.
"Rabatt gibt es bei mir nicht, noch nicht einmal für Freunde und Verwandte", erklärt sie. Während Preiskontrolle und Vertrieb der Schlüssel für den Aufbau der Yuli Taki-Marke sind, kosten ihre Erzeugnisse nach ihren Angaben nur etwa ein Zehntel der meisten Luxusprodukte. "Obwohl ich unter großem Druck stehe, ist Profit in diesem Stadium nicht mein einziges Ziel", beteuert sie. "Ich versuche, Ureinwohnerkultur zu fördern."
Yuli Taki-Produkte sind wegen ihres Ureinwohnerflairs etwas Besonderes. Die Muster sind einzigartig, obwohl Taki Ähnlichkeiten zwischen Truku-Mustern und Mustern anderer Ureinwohnerkulturen auf der ganzen Welt festgestellt hat. Die Verwendung von Ramie-Bastfasern, die bei Truku- und Atayal-Webern verbreitet ist, ist gleichfalls beeindruckend. Die Dicke der Ramiefaser garantiert Strapazierfähigkeit, allerdings ist es im letzten Stadium der Herstellung, wenn von Hand gearbeitet werden muss, schwierig, den Stoff in die gewünschte Form zu krümmen.
Bei Takis Stil ist auch Kreativität zu erkennen. Inspirationen findet sie beim Schaufensterbummel, der nach ihrer Ansicht zu ihrer Arbeit gehört, wenn sie Entscheidungen über Produktstile trifft. "Nach 100 Stück oder so nehme ich Änderungen am Stil eines Produktes vor", versichert sie. Um die Qualität und Vermarktbarkeit ihrer Handtaschen zu garantieren, verleiht Taki sie an ihre Freundinnen für "Testläufe".
"Yuli Taki-Handtaschen stechen wegen ihrer starken ethnischen Erscheinung von der Masse ab", urteilt Wang Hsiu-lien. Als sie Anfang letzten Jahres Yuli Taki entdeckte, gab sie ihre Lieblingsmarke auf. "Verglichen mit Chanel sind ihre Taschen nicht teuer, aber die Qualität ist wirklich gut. Vor allem möchte ich, wenn möglich, lieber eine taiwanische Marke haben."
Die Verkaufszahlen sind dagegen alles andere als ermutigend, und sie schreibt heute immer noch rote Zahlen. Wenn sie nicht mit der Herstellung von Ureinwohnerkleidern für Gruppen und Organisationen Geld verdienen würde, könnte sie ihre Marke unmöglich aufrechterhalten.
"Die Taiwaner denken immer noch, dass ausländische Marken besser seien", schnaubt sie. Dafür haben japanische Touristen großes Interesse an ihren Taschen gezeigt, am osttaiwanischen Flughafen Hualien waren sie einmal ausverkauft.
Takis Situation ist nicht viel anders als die von vielen Ureinwohner-Kunsthandwerkern -- ein kaum bekannter Name, wenn überhaupt. Der Rat für Ureinwohnerfragen im Exekutiv-Yuan veranstaltete im vergangenen Jahr einen Wettbewerb, um von 160 Teilnehmern 22 Arbeiten anhand ihrer Kreativität und Vermarktbarkeit auszuwählen. Im April stellte der Rat bei der viertägigen Internationalen Geschenk- und Schreibwaren-Frühlingsmesse Taipeh Stände für 15 der ausgewählten Kunsthandwerker zur Verfügung. "Viele Bestellungen haben wir nicht bekommen, aber die Veranstaltung erhöhte unser Profil und verbesserte unser Selbstvertrauen", bemerkt Taki.
Taiwan Ang rechnet fest damit, einen Einfluss auf Takis Zukunft zu haben. Lee investiert nach eigenen Worten Geld, um Ureinwohnerkunsthandwerkern wie Taki bei der Verbesserung ihrer Produkte und dem Aufbau eines Markennamens zu helfen. "Es gibt viele talentierte Ureinwohner, doch sie haben keine finanzielle Unterstützung."
Zur Wertsteigerung von Takis Taschen hat Lee, die selbst Designerin ist, Zierat aus edlen Materialien wie Jade, Korallen und Achat hinzugefügt. "Ich plane auch eine Verbesserung der Qualität, indem das Stofffutter durch Leder ersetzt wird, wie bei den weltbekannten Marken", kontempliert sie. Unterdessen sucht sie eine lokale Firma für die Vermarktung und den Vertrieb in Taiwan, während Taki und sie sich um Design und Produktion kümmern. Im Hinblick auf den internationalen Markt hat Taiwan Ang in diesem Frühjahr mit Werbung auf Bussen in Paris begonnen. "Mein Endziel besteht darin, Filialen in allen größeren Flughäfen der Welt einzurichten", sagt Lee. Kein Wunder, dass Taki ihre Zusammenarbeit mit Lee als Wendepunkt in ihrer Laufbahn betrachtet.
(Deutsch von Tilman Aretz)