INTERVIEW

Starkes Engagement für Taiwan

Interview: Sophie-Caroline ZILLESSEN


Seit Mai 2005 ist der Germanistikprofessor und Deutschlandkenner Shieh Jhy-wey Taiwans Repräsentant in Deutschland. (Foto: Courtesy Presseabteilung der Taipeh-Vertretung)
 

Shieh Jhy-wey, Jahrgang 1955, studierte Germanistik und absolvierte 1982-1987 erfolgreich ein Promotionsstudium an der Ruhr-Universität Bochum. In den Jahren danach lehrte er an der Soochow University in Taipeh als Germanistikprofessor. Seit Mai dieses Jahres ist er der Repräsentant Taiwans in Deutschland.

Taiwan heute: Herr Prof. Shieh, Sie sind jetzt seit circa zwei Monaten wieder in Berlin. Haben Sie sich schon gut eingelebt?

Shieh Jhy-wey: Ja, ich habe mich bereits in zweierlei Hinsicht gut eingelebt. Wir haben eine gute Arbeitsatmosphäre hier in unserem Büro und ich habe vom ersten Tag an einen sehr gut gefüllten Terminkalender. Gleich an meinem Ankunftstag stand ich "bereits auf der Matte"; angesichts der bevorstehenden politischen Sommerpause in Deutschland habe ich versucht, möglichst schnell die wichtigen Termine festzulegen und mich bei unseren Partnern in der Bundesrepublik als Nachfolger von Herrn Dr. Hu Wei-chen vorzustellen. Die Gespräche verliefen mit unterschiedlichem Erfolg.

Sehen Sie eine Perspektive bei den weniger erfolgreichen Gesprächen? Gibt es einen neuen Ansatz?

Ich bin auf Schwierigkeiten gestoßen, mit denen ich gerechnet habe. Jetzt bin ich persönlich mit den Problemen konfrontiert. Im ersten Schritt habe ich mir unsere Situation genau angeschaut (studiert) und unserem Partner die Wünsche der taiwanischen Regierung vorgetragen. Die Schwierigkeiten gehen ja nicht von uns aus... Der Kern des Problems liegt bei der Pekinger Regierung. Bislang kann ich noch nicht sagen, ob wir Erfolg haben werden, aber wir arbeiten darauf hin. Unseren Standpunkt deutlich und überzeugend darzustellen, das ist unser Ziel.

Wie würden Sie den derzeitigen Status Quo Taiwans bezeichnen?

Ungerecht und unrealistisch, die Betonung liegt auf ungerecht.

Ich lege Wert auf eine positive, pragmatische Herangehensweise: Können wir trotz der Nachteile irgendwelche Vorteile erkennen? Gibt es Unterstützung für unseren Standpunkt?

Wir sind unglücklich über die unfaire Behandlung. Niemand ist berechtigt, von uns zu erwarten, dass wir mit dem Status Quo zufrieden sein sollen.

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Es gibt fünf Politiker aus Taiwan, die nicht in die Bundesrepublik einreisen dürfen; das sind der Präsident, die Vizepräsidentin, der Premierminister, der Außen-sowie der Verteidigungsminister. Wo steht dies schwarz auf weiß geschrieben? Gibt es eine EU-Verordnung, die diese Einreise-Verbote definiert? Nein, nach meinen detaillierten Recherchen muss ich davon ausgehen, dass es keine schriftlich fixierte Verordnung darüber gibt. Meine andere Frage lautet: Wie rechtfertigt sich diese "Schwarze Liste"?

Liegt die Lösung des Problems in Brüssel? Sollte die Taipeh-Vertretung verstärkt in Richtung EU-Ebene schauen?

Sowohl als auch. Wir müssen sowohl die bilateralen Beziehungen als auch die Achse zu Brüssel stärker ausbauen.

Wie beurteilen Sie die deutsch-taiwanischen Beziehungen derzeit?

Während die politischen Kontakte schwierig sind, laufen die wirtschaftlichen Beziehungen relativ problemlos. Trotzdem versucht die Volksrepublik China uns auch hier Steine in den Weg zu legen.

Dennoch ist Taiwan bei der CeBIT in Hannover jedes Jahr das Land mit den meisten Ausstellern...

Wirtschaftlich betrachtet ist Taiwan attraktiv, ist gewichtig. Wir haben nur das Pech, immer mit dem aufsteigenden China verglichen zu werden.

Ich bin in erster Linie ein "political appointee", kein "economical appointee", es gehört zwar zu meinem Wirkungsbereich, aber es gibt klare Prioritäten.

Was können wir tun? Wir sollten Mitleid erwecken. Wir haben es nötig. Die deutschen Journalisten sollen informiert sein, worunter wir leiden. Wir müssen mehr aufklären.

Wir sollten in Angriff nehmen, was in unserem direkten Wirkungsbereich liegt, sehen Sie sich meine Visitenkarte an: Hier steht, im Gegensatz zu früher, nicht "Repräsentant der Taipeh-Vertretung", sondern "Repräsentant von Taiwan -- Taipeh Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland".

Wissen Sie, "Taipeh-Vertretung" ist gewissermaßen ein künstlicher Begriff. Man kann von niemandem hier in Deutschland erwarten, diesen Begriff einordnen zu können.

Es ist ein Hilfsausdruck.

Ja, so ist es. Bei unserem Namen haben wir keinen großen Spielraum, das wissen wir. Ich kann daran nichts ändern, noch nicht -- aber: man könnte eventuell etwas hinzufügen. Nach dem Motto: das Alte belassen, etwas Neues hinzufügen. Das ist auf jeden Fall das Erste, was ich angepackt habe. Wir müssen immer genau schauen, was man (tatsächlich) tun kann.

Übertragen wir dieses Problem einmal auf die internationale Ebene. Beispiel WHO: Seit acht Jahren bemüht sich Taiwan bisher erfolglos um eine Mitgliedschaft, bzw. einen Beobachterstatus. Gäbe es mehr Erfolgsaussichten, wenn man die Namensgebung noch einmal überdenkt ?

Nein. Das hapert nicht an der Bezeichnung. Wir sind flexibel genug, das hat auch das Beispiel WTO gezeigt.

Dass wir es acht Jahre in Folge nicht geschafft haben, liegt ganz alleine an der Haltung der Volksrepublik China. China hat dies mit nur einer Begründung dokumentiert: "Taiwan ist Teil von China, und somit gewissermaßen automatisch bereits Mitglied der WHO. Wenn Ihr Mitglied werden wollt, dann nur unter dem Namen 'Taiwan-China'" -- so die Pekinger Position.

Es geht darum, den zur Verfügung stehenden Raum maximal zu nutzen. Das versuchen Sie. Können deutsche Politiker dabei helfen?

Manchmal hat man den Verdacht, die deutschen Politiker wissen nicht ganz genau, wie viel Spielraum sie eigentlich haben. Wir können aber den deutschen Politikern nichts vorschreiben. Wenn Deutschland meint, es ist auf den Markt Chinas angewiesen, dann müssen sie auch folgenden Gedanken zulassen: Auch China ist auf deutsche Unterstützung angewiesen. In Deutschland sollte man sich dessen mehr bewusst sein und stärker oder gründlicher differenzieren. Man sollte sagen: hier ist die Grenze -- mehr machen wir nicht mit.

Ich respektiere die Entscheidungen der Bundesregierung. Wenn man rein logisch die Sache betrachtet, dann frage ich mich: Aus welchem Grund darf unser Präsident nicht einreisen? Das Veto der Chinesen reicht aus. Nur weil die Chinesen dagegen sind, darf eine Person nicht nach Deutschland reisen.

An dieser Stelle noch einmal der Blick zur EU. Kann die EU bei Besuchsdiplomatie helfen? Beim Thema Waffenembargo hat die EU die entscheidenden Weichen gestellt...

Beim Thema Waffenembargo können wir aktuell höchstens behaupten, wir hätten nichts verloren -- aber gewonnen haben wir auch nichts. Warum sollen wir dankbar sein? Wir sind sehr dankbar... Was haben wir denn gewonnen?

Hat man vielleicht zumindest eines gewonnen -- durch die breite Diskussion in der Öffentlichkeit gibt es eine Sensibilisierung für das Thema Taiwan?

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Der Auslöser des Waffenembargos war ja China, nicht Taiwan. Ich wehre mich gegen eine Verdrehung der Tatsachen.

Viele deutsche Politiker erwarten in diesem Punkt von uns Dankbarkeit: Mit Ach und Krach haben wir für Taiwan gekämpft... Natürlich sind wir dankbar, aber die Sachlage soll differenzierter betrachtet werden.

Die konkrete Lage sieht folgendermaßen aus: Ich möchte noch einmal auf die Statusfrage zurückkommen. Hinsichtlich des Status Quo kann ich nur sagen, eigentlich haben wir keinen Status. "Taipeh Vertretung", das ist ein inoffizieller offizieller Name.

Wir möchten als "Taiwan" betrachtet werden. Wir sind gezwungen, einen Namen anzunehmen, den wir nicht wollen. Wenn ich von "wir" rede, meine ich die taiwanische Regierung.

Wenn man sich das Shanghaier Kommuniqué anschaut, wird deutlich, dass gerade die Bundesrepublik einen relativ großen Spielraum in der Gestaltung der deutsch-taiwanischen Beziehung hat. Ist es sinnvoll, diesen Aspekt näher ins Visier zu nehmen?

Ja, das halte ich für sehr wichtig. Ich habe bereits in Taiwan dieses Thema mit Fachleuten aufbereitet. Hier in Deutschland denke ich eher an die Medien allgemein.

Das bedeutet: eine verstärkte Zusammenarbeit mit Journalisten hier in Deutschland?

Ja, das habe ich vor. Stück für Stück. Ich will auf diesem Wege mehr Öffentlichkeit für Taiwan herstellen. Wir müssen zielorientiert mit den Medien zusammenarbeiten.

Ich möchte nicht die Bundesregierung reizen oder verärgern, ich habe nichts gegen die Bundesregierung, ich wehre mich nur dagegen, dass Taiwan nicht politisch gesehen eine bessere Behandlungsweise zugesprochen wird.

Immerhin habe ich hier in Deutschland Demokratie kennen gelernt.

Wenn einem Leid zugefügt wird, sollte man nicht immer eine gute Miene zum bösen Spiel machen. Das haben wir lange genug gemacht.

Auf diesem Wege brauchen Sie Parteien und Verbände als Partner.

Als Diplomat kann ich es mir nicht leisten, mich politisch zu sehr auf eine Seite stellen. Es ist wichtig, mit allen politischen Kräften in der Bundesrepublik einen kontinuierlich guten Kontakt zu pflegen.

Denkbar wäre es, die Aussagen der Parteien zu überprüfen, so können wir vielleicht das demokratische Kräftespiel stärker für uns nutzen.

Sie sagen, Sie sind nicht grundsätzlich gegen China, Sie sind lediglich gegen jegliche undemokratische Regierungen.

Man soll unterscheiden zwischen Chinesen und der chinesischen Regierung. Die kommunistische Regierung will Krieg, sie lehnt einen Krieg per se nicht ab. Die KP entbehrt jeder Spur von Demokratie. Ich mag Chinesen, ich kenne einige sehr gut. Ich mache der Regierung -- nicht den Chinesen -- den Vorwurf, die ständig Taiwan mit Raketen bedroht. Wir haben das Recht, uns zu wehren.

Es geht letztendlich um die Verteidigung der Demokratie.

Unser Schrei ist schrill, aber nicht aggressiv. Wir schreien um Hilfe.

Ein Beispiel: Wenn man sagt, "ich bin für eine taiwanische Unabhängigkeit oder für einen taiwanischen, souveränen Staat", dann wird das gleich gegen China interpretiert. Ich vertrete diese Ansicht: Selbst wenn man eine Wiedervereinigung mit friedlichen Mitteln ansteuern will, dann sollte dies nur unter der Prämisse geschehen, dass Taiwan zuvor ein selbstständiger Staat gewesen ist. Ähnlich wie im deutschen Fall.

Ist der deutsche Grundlagenvertrag für Sie ein interessanter Präzedenzfall?

Ja, ich habe mich schon oft dieses Beispiels bedient, um den taiwanischen Standpunkt klarzumachen. Nehmen Sie zum Beispiel das Interview am 10. Mai in der Süddeutschen Zeitung: Präsident Chen spricht über die beiden Optionen Unabhängigkeit sowie Wiedervereinigung dies sind beides Alternativen. Ich denke da in derselben Richtung.

Die beiden Begriffe "Unabhängigkeit" und "Wiedervereinigung" spiegeln die gesellschaftliche Kontroverse wider, insbesondere nach der umstrittenen Chinareise der taiwanischen Oppositionspolitiker. Diese gesellschaftliche Diskussion zwischen beiden Lagern, ist das Ihrer Meinung nach auch ein Bewährungstest für die Demokratie in Taiwan?

Ja, das sehe ich so. In Taiwan herrschte bis 1987 Kriegsrecht. 38 Jahre lang haben kritisch denkende Menschen unter der Regierung von Chiang Kai-shek gelitten. Was bedeutet dies? Was heißt Kriegsrecht? In einem Satz ausgedrückt bedeutet dies: Die Regierung hat immer Recht. Sie kann keine Fehler machen. Wer zu dieser Zeit gegen die Regierung gehandelt hat, kam anderen Tags ins Gefängnis. Es war eine Zeit voll Leid, unfassbarer Schicksale. Unschuldige wurden hingerichtet und Tausende von Familien auseinandergerissen. Viele, sehr viele Menschen in Taiwan haben kein Verständnis für die Absichten der beiden Oppositionspolitiker. Viele fühlen sich verraten und sind bitter enttäuscht.

Seit 1987 haben die Menschen begonnen, sich gegenseitig von der Vergangenheit zu erzählen. Vieles ist noch heute unverarbeitet. Dies ist ein allmählicher Lernprozess. Die Vergangenheitsbewältigung hat erst angefangen. Mehr und mehr wird dieses Thema zum Gegenstand in den Medien, in Talkshows. Insbesondere die KMT muss sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Letztendlich wurden erst mit der Machtübernahme der DPP im Jahre 2000 die Archive geöffnet und Akten freigegeben. Trotzdem stehen wir erst am Anfang. Eines spielt dabei sicher eine Rolle: In Taiwan gab es eine stille Revolution, ohne Blutvergießen ist es zu einem Machtwechsel gekommen. Dies hat dazu geführt, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit erst später eingesetzt hat. Die jetzige Diskussion in der Gesellschaft, die Enttäuschung vieler hat unsere Defizite in dieser Hinsicht sichtbar gemacht.

Es ist nicht leicht... Es ist schwer, als Repräsentant damit umzugehen, angemessen zu reagieren. Ich werde zusehen, dass nicht undifferenziert mit unserer Geschichte umgegangen wird. Das tue ich nicht für irgendeine Partei, nicht für die DPP, sondern für Taiwan.

Und doch sage ich denen, die sich verraten fühlen: Denkt daran, dass diese Reise eines zeigt -- es herrscht heutzutage absolute freie Meinungsäußerung in Taiwan. Das ist unsere Stärke -- jeder kann seinen Standpunkt klar und deutlich vorbringen und es wird intensiv diskutiert.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie als Student in Deutschland zum ersten Mal Demokratie erfahren haben. Welchen Einfluss hat die deutsche Literatur ausgeübt?

Über die Begegnung mit der deutschen Literatur wurde mir ein Moral- und Rechtsempfinden vermittelt. Ganz allgemein formuliert habe ich viel gelernt über Haben und Sein, und darüber, wie schwierig es ist, als Mensch mit menschlichen Problemen umzugehen.

Gibt es eine Leitfigur aus der taiwanischen Literatur, die Sie umgekehrt den deutschen Lesern ans Herz legen möchten?

Da nenne ich Ihnen spontan den Autor Lai He. Er hat in der Zeit der japanischen Besetzung (1895-1945) gelebt und wurde schon zu Lebzeiten mit dem chinesischen Schriftsteller Lu Xun verglichen. Er zeichnete sich aus durch sein Herz für die Schwachen. Seine Geschichten und Fabeln haben eine gesellschaftskritische Aussage. Er wurde schnell zu einer Art Leitfigur seiner Zeit.

Sie sind ein Kenner der deutschen Sprache. Gibt es ein deutsches Sprichwort, das Ihnen besonders gefällt oder aus der Seele spricht?

"Das Kind beim Namen nennen". Ich wünsche mir manchmal ein bisschen mehr Aufrichtigkeit in der Politik. Viele reden um den heißen Brei, wenn es um Taiwan geht.



Sophie-Caroline Zillessen, Jahrgang
1965, studierte Sinologie und
Politologie in Berlin, Tainan und Taipeh.
1999-2004 Redakteurin bei Freies
Asien und Taiwan Report. Seit Oktober
1999 Geschäftsführerin des Vereins
Deutsch-Chinesische Gesellschaft
e. V. -- Freunde Taiwans in Berlin.